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Silvi_LinaWendel_PeterTrabner_FotoByAlexanderDuPrel

Über SILVI und TOWER

In den ersten Tagen beim LICHTER Filmfest bin ich auf zwei Werke gestoßen, die es schafften – vermutlich auch weil nacheinander geschaut – mich für kurze und doch intensiv empfundene Zeit in einen denkbar eigenartigen Zustand innerer Taubheit zu versetzten. Beiden kleinen, unabhängigen Spielfilm-Produktionen scheint eine ähnlich beschaffene Intensität innezuwohnen, welche sehr schwer in Worte zu fassen ist. Am ehesten könnte man wohl sagen, sie erwachse aus dem Zeugewerden einer präsentierten Kraftlosigkeit, einer Agonie, die eindringlicher und gleichzeitig näher an einem vielen leider oft nur allzu gut bekannten Lebensgefühl kaum sein könnte. Einer der beiden Filme war SILVI des deutschen Regisseurs Nico Sommer, der andere TOWER vom Kanadier Kasik Radwanski.

Man kennt den Moment nur zu gut, hat ihn in zahlreichen Begegnungen mit dem Kino mehr oder weniger schätzen gelernt, wenn eine Figur sich dazu entschließt, aus ihrem längst vorhersehbar und eintönig gewordenen Alltag auszubrechen, komplett neu anzufangen, ganz gleich, ob das Scheitern schon irgendwo von Beginn an mitschwingt oder nicht. Silvi (Lina Wendel) zieht es hingegen in die umgekehrte Richtung, zu einer Wiederherstellung dessen, was man das ganze Leben über nur gekannt hat. Von ihrem Mann nach über drei Dekaden Ehe verlassen, sucht sie über eine Partneragentur nach Ersatz, im konkretesten Sinne dieses Wortes. Ihr schwebt Beständigkeit, das gewöhnliche alte Leben vor, die Männer, mit denen sie sich nun trifft, haben jedoch keine einheitliche Auffassung, bilden eher ein Konglomerat unterschiedlicher Wünsche und Wunschvorstellungen: Sie wollen vieles auf einmal sein, mal Verführer und Romantiker, mal Familienmenschen und Spießer, am Ende steht bei allen unabwendbar der sexuelle Kick, entsprechende Spiele, Polygamie, Exzess. Wie sich ihre Sehnsucht nach dem überprallen Leben mit Silvis Naivität und Gutmütigkeit bis zum Unerträglichen reibt, lässt jegliche anfangs womöglich noch kultivierte Arroganz gegen die etwas biedere ältere Frau schnell verebben. Filmfiguren wie auch Menschen haben häufig große Pläne, Erwartungen, Träume, an denen sie sich bis zum bitteren Ende abarbeiten, Silvi hingegen will nichts Erhabenes, doch selbst das Einfache, das Überschaubare bleibt ihr verwehrt. Einmal sieht man sie alleine in ihrer schlechtbeleuchteten kleinen Wohnung sitzen und als unwiderruflichen Zirkelschluss lässt der Film alle Begegnungen, alle damit verbundene Hoffnung stets auf dieses eine Bild zurückfallen. Das Familienhaus wurde von ihrem Exmann verkauft, sie, wie man ahnt, von ihm rücksichtslos ausgenommen. Nichts bleibt.
tower_1TOWER präsentiert uns einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben von Derek (Derek Bogart). Was in diesem Film in scheinbar belanglosen Alltagssituationen passiert, ist die sich immer deutlicher verdichtende Erkenntnis für Protagonist und Zuschauer, dass der 34 jährige, bereits mit Halbglatze versehene, nicht mehr ganz so junge Mann, der im Keller seiner Eltern wohnt und an einem wohl nie fertigzustellenden Animationsfilmchen bastelt, nach gesellschaftlichen Maßstäben den Archetypen eines kompletten Versagers darstellt. Aus dieser Konklusion gibt es kein Zurück, kein Jenseits, keinen emotionalen wie physischen Ausbruch, alles wird so bleiben wie es ist, weil der Film den Modus der Konfliktauflösung nicht für sich beansprucht, ihn wie auch so oft das wahre Leben nicht zu kennen scheint. Stattdessen greift Radwanski zu einer inszenatorischen Besonderheit, indem er die Kameraarbeit auf mit Shaky-Cam eingefangene Groß- und Nahaufnahmen beschränkt. Diese Form verweigert jegliche Distanz gegenüber Derek, lässt uns an kleinsten mimischen Regungen seine innere Verfassung ablesen, zwingt uns zur Empathie. Doch haben die dadurch unablässig erfahrbar gemachten Emotionen in TOWER kein Ventil, führen zu nichts, weil alles lediglich in einer neutralen Tatsachenabtastung endet, einer reinen Versinnbildlichung des Status Quo, der hinsichtlich des seelischen Zustandes immer derselbe bleibt, eine Sackgasse. Zwar hat Derek durchaus Träume, doch auch diese lösen sich schlichtweg in der Belanglosigkeit seines Lebens auf. Wie bei SILVI bleibt ein möglicher Erfolg, ein positiver Zwischenton, schlichtweg aus, stattdessen reiht sich Enttäuschung an Enttäuschung, bei gleichzeitigem Ausbleiben eines fast schon zu wünschenden inneren Zusammenbruches. Alltagsmonotonie, Stillstand wohin man schaut, ein Leben wie es gewiss von vielen gelebt wird.

SILVI und TOWER konfrontieren uns im Grunde genommen mit den größten Ängsten, die wir, in der Gesellschaft, in der wir nun einmal leben, zu fürchten haben, mit den repressiven, alles zersetzenden Kräften, die um uns herum aber auch in uns selbst zu walten trachten. Spätestens beim Schauen des Eröffnungsfilmes GIMME THE LOOT wich die Starre, als ich wiedermal sah, wie herrlich das Kino in der Lage ist, Träumen und großem Tatendrang eine konsistente Gestalt zu verleihen. Und doch würde ich auf die persönlichen Erfahrungen, die mir derart intensive Werke wie SILVI und TOWER geben können, um Nichts in der Welt verzichten wollen.

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