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Dreizehn! Zauberzahl, Geburtstagszahl. Für eine Hexe wie Kiki ist es in Hayao Miyazakis Animé nach Eiko Kadonos Kinderbuch an der Zeit, sich ein Jahr in der Fremde zu bewähren. Einmal schwarzer Kater, der Jiji (Rei Sakuma) heißt, sprechen kann und die Heldin des Studio-Ghibli-Animés begleitet, und Kiki (Sprecherin: Minami Takayama) fliegen los. Aus Magie, Fantasie und Nostalgie erschafft Regisseur und Drehbuchautor Miyazaki eine von leisem Ernst getragene Fantasie-Humoreske. Nachdenklich, fast bedrückend schimmert die farbenfrohe Trickfilmwelt, in der Kiki zu früh erwachsen werden muss.

Der Himmel, den die kleine Hexe durchkreuzt, ist nicht voller rosa Wolken. Schon während ihres Anflugs auf den Ort ihrer Hexenprobezeit überfällt Kiki eine Gewitterfront. Der raue Wind der Erwachsenenwelt weht ihr symbolisch entgegen. Das Air ist kühl in dem malerischen Küstenstädtchen eines fiktionalen Frankreichs zwischen Tradition und Nouvelle Vague. Kiki bezieht die staubige Dachkammer der Bäckerin Osono (Keiko Toda), in deren Geschäft sie aushilft. Mit ihrem Flatterkleid und der überdimensionalen Schleife im Haar erinnert die Altersgenossen gegenüber misstrauische Kiki an ein Kind in Erwachsenenkleidung. Osono gesteht sie, dass sie sich für ihr schwarzes Kleid geniert. Doch bunt gestattet der Hexenbrauch nicht. Doch eine Hexe will sie um jeden Preis werden, damit Kikis kleiner Lieferservice weiter Päckchen per Besenluftpost transportieren kann. Ihr Kleid ist auch Arbeitskittel, den Kiki nicht ablegen kann, weil die finanzielle Not sie dazu zwingt. Armut und materielle Beschränkung sind in vielen Filmen der Ghibli Studios präsent. In Die letzten Glühwürmchen führen sie sogar zum Tod der Protagonisten.
Versteckte Details und unscheinbare Momente erzählen den ernsthaften Subplot, der Kikis kleiner Lieferservice wie jedes Werk Miyazakis auszeichnet. Im Supermarkt zeigt Jiji auf eine bedruckte Tasse. An der Kasse steht diese zwischen Kikis Einkäufen. An im Schaufenster ausgestellten Schuhen geht ihr Blick jedoch sehnsüchtig vorbei, sie ernährt sich von Billigessen und überlässt ihren Proviant Jiji. Statt auf die Party ihres Freundes Tombo (Kappei Yamaguchi) fliegt sie zur Arbeit. Sie arbeitet trotz Einbruch der Dunkelheit, arbeitet trotz Sturmwetter, arbeitet ohne Bezahlung. Bis zum Umfallen, im wörtlichen Sinne. Oft ist Kiki innerlich zerrissen zwischen Sehnsucht und Pflichtgefühl, Wunsch und Wirklichkeit. Ein Engel ist sie in ihrer aufopferungsvollen Hilfsbereitschaft fast selbst. Statt eines Teufelchens sitzt dafür der schwarze Kater Jiji auf ihrer Schulter. Jiji verkörpert Kikis Es, dass Bedürfnisse artikuliert: Furcht, Müdigkeit, Erschöpfung, Hunger, Frustration und Sehnsüchte.
Wie stark die kleine Hexe ihre natürlichen Bedürfnisse unterdrückt, symbolisiert der trotz seines fantastischen Sujets emotional authentische Film darin, dass Kiki Jiji schließlich nicht mehr verstehen kann. Ihre Hexenkraft verrinnt mit ihrer Lebenslust, die Last der Erwachsenensorgen drückt ihren Besen auf die Erde. Kikis kleiner Lieferservice ist das Gegenstück zu den meist die Wichtigkeit von Fleiß und Hilfsbereitschaft betonenden westlichen Kinderfilmen, deren Figuren im als wirtschaftliche Norm dargestellten Überfluss leben. Der Lieferservice der kleinen Hexe, so der mit dem Buchtitel identische japanische Originaltitel, lehrt die lebhafteste von Miyazakis zahlreichen Heldinnen nicht Benehmen und Verantwortung, sondern Selbst-Bewusstsein – für ihre eigenen Wünsche. Nur der Zauber der Kindheit kann eine kleine Hexe fliegen lassen und beschwingt machen wie der magische Studio Ghibli-Animé.
Bis zum Kinostart des von Miyazaki geschriebenen Arrietty am 2. Juni lesen Sie bei uns eine Artikelreihe mit Besprechungen seiner Werke von Lida Bach.

Kikis kleiner Lieferservice – Majo no Takkyubin
R, B: Hayao Miyazaki
K: Shigeo Sugimura
D: Minami Takayama, Rei Sakuma, Kappei Yamaguchi, Sho Saito, Keiko Toda, Mieko Nobusawa, Haruko Kato, Hiroko Seki, Yuriko Fuchizaki
Japan 1989, 103 min
Verleih: Universum Film
DVD-Start: 14. November 2005
Sprachen: Japanisch, Deutsch
FSK 0
www.universumfilm.de