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Kinozeitreise in die vor-digitale Steinzeit. Locarno-Blog, 2. Folge

von | 13 Aug 2014 | Locarno | 0 Kommentare

Der türkische Dokumentarfilm REMAKE, REMIX, RIP-OFF in Locarno

Wieviele verschiedene Geschichten gibt es eigentlich in der Welt? Genau 37 meint einer der türkischen Kinoveteranen, die hier interviewt werden Oder 38. Allenfalls 32 sagt dagegen sein Kollege. Es sei immer das gleiche: Rache, Gier, Superhelden oder Romantik…

Warum also das Rad der Erzählung immer neu erfinden? Es ist klar: bei hunderten von Filmen im Jahr müssen sich diese Geschichten wiederholen. Daraus machte das türkische Kino seit den Sechziger Jahren eine ganz eigene Methode. Weil man der amerikanischen und europäischen Konkurrenz ausgesetzt war, und weder finanziell noch personell mithalten konnte, drehte man die Hollywood-Erfolge einfach nach! Auf türkisch und mit billigsten Mitten! So gab es – kaum zu glauben – türkische Versionen von DRACULA, dem ZAUBERER VON OZ, SUPERMAN, RAMBO oder STAR WARS. Oder TARZAN IN ISTANBUL.

Der türkische Regisseur Cem Kaya erzählt jetzt auf dem Festival von Locarno in seinem Dokumentarfilm REMAKE, REMIX, RIP-OFF diese bislang unbekannte Geschichte des ganz speziellen türkischen Blockbuster-Kinos. In dem Film, der von dem Ludwigsburger Produzenten Jochen Laube gemeinsam mit dem kleinen Fernsehspiel des ZDF produziert wurde, erzählt Kaya, wie aus dem zunächst „normalen“, aber wirtschaftlich instabilen Betrieb der Istanbuler „Yeşilçam“-Studios eine der größten Filmproduktionen der Welt wurde. Und eine Art „Pirate Bay“ der vor-digitalen Steinzeit.

Die Imitationen wurden in wenigen Tagen mit wenig Budget gedreht. Filmmaterial war knapp. Doch die Regisseure drehten schnell, die Crews arbeiteten pragmatisch und die Schauspieler waren nicht zu erschüttern. Alle Mängel wurden wettgemacht durch exzessiven körperlichen Einsatz vor und hinter der Kamera.

So gab es auch eine türkische Version von Billy Wilders MANCHE MÖGEN’S HEIß, aber auch einen türkischen EXORZIST, mit Erbsensuppe und „Allah!“.

Aber dies ist mehr als eine Feier des Trash-Kino-Charmes. Es ist ein Stück Filmgeschichte, interessant für Türkei-Kenner wie für die, die bei ihrer nächsten Türkei-Reise einen der alten Filme angucken und in dieses sehr spezielle Universum eintauchen möchten. Kaya hat für seine Dokumentation viele hundert Werke gesichtet und Interview mit vielen Dutzend der Beteiligten geführt.

Regisseur Kaya feiert die unbändige Energie der „Yeşilçam“-Remakes, die vor allem in den ländlichen Gebieten bei den ungebildeten Massen große Erfolge hatten. Dabei erinnert sein Film aber auch an eine verlorene Kinokultur, eine Zeit, in der man auch in Westeuropa und Amerika einen völlig anderen Umgang mit dem Medium Kino hatte. Als es noch kein Fernsehen gab – in der Türkei wurde die Flimmerkiste erst Ende der 70er Jahre eingeführt – ging man jeden Tag ins Kino, und wenn einem der Film gefiel, dann sah man ihn eben zwei, drei, viermal hintereinander an.

So gesehen ist REMAKE, REMIX, RIP-OFF zwar eine Hommage an eine sehr spezielle türkische Kinoepisode, und handelt auch vom Verfall der am Westen orientierten modernen Türkei in Zeiten von Erdogans Fernsehdemokratie.

Aber die Verfallsgeschichte ist auch eine gesamteuropäische. Denn was käme heute in der aseptischen Luft der Cineplexe noch dem Zauber einstiger B-Movie-Paläste nahe? Oder den verbotenen, sehr speziellen Verlockungen eines Bahnhofskinos mit seinen „Eastern“, „Schulmädchen-Reports“ und Italo-Western. Cem Kayas ebenso nostalgischer wie magischer Dokumentarfilm ist eine wunderbare Kinozeitreise.
A propos Italo-Western: Selbstverständlich gibt es auch eine türkische Version von Sergio Leone.