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Semaine de la Critique, Mars Distribution

Semaine de la Critique, Mars Distribution

Adèle ist zurück an der Croisette

„I haven’t come for glory, I have come for danger.“
Victor Hugo

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Vor zwei Jahren gewann Adèle Exarchopoulos eine Goldene Palme. Sie persönlich, als Darstellerin der „Adèle“ in BLAU IST EINE ANDERE FARBE, gemeinsam mit ihrer Leinwandpartnerin Lea Sedoux. Jetzt ist sie zurück an der Croisette, aber nicht im Wettbewerb, sondern im Eröffnungsfilm der „Semaine de la Critique“, und diesmal an der Seite von Tahar Rahim, der vor wenigen Jahren ebenfalls im Wettbewerb knapp an der Goldenen Palme vorbeischrammte, als Hauptdarsteller von Jacques Audiards UN PROPHÈTE.

Wenn beide jetzt in einer auch räumlich abgelegenen Nebensektion laufen, dann erzählt uns das nicht allein etwas darüber, wie schnell der Palmen-Ruhm verblassen kann, allemal für Schauspieler, die eben doch eher Material sind, sondern auch darüber, wie reichhaltig das Kino Frankreichs ist, und wie breit die Qualität dieses Festivals.

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Eröffnet wird natürlich nicht nur der Festival-Wettbewerb. Jede Nebensektion hat ihre eigene kleine Eröffnung, zumeist einen Tag später. „Un Certain Regard“ eröffnete mit AN, dem neuen Film der Japanerin Naomi Kawase, auf den wir noch kommen werden, und die „Quinzaine“ mit Phillippe Garrels Film L’OMBRE DES FEMMES, den ich leider verpassen musste.

Dafür habe ich mir nach langer Zeit mal wieder eine Eröffnung der „Semaine de la Critique“ angeguckt, mit Adèle Exarchopoulos in der Hauptrolle und einem vielversprechenden Titel: LES ANARCHSTES. Den habe ich gern gesehen. Es ist kein perfekter Film, aber ein angenehmer, energiegeladener, der ist, was er ist, dazu steht und sich nicht wichtiger nimmt, als nötig.

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Dabei wäre ich beinahe nicht reingekommen: Denn es gab riesige Schlangen, das eher kleine Kino im „Miramar“ hätte dreimal gefüllt werden können. Als ich am Eingang die Mitarbeiter der Semaine anspreche, ob sie mir einen Gefallen tun könnten – einmal weil ich nett frage, und dann weil ich schließlich 12 Jahre als Deutschland-Korrespondent der Sektion gearbeitet habe, ist man freundlich, muss aber ablehnen, und verweist mich an den Presseagenten des Films.

Und der ist nicht nur mit meiner Frage, sondern auch den Nachfragen anderer Kollegen und der ganzen Situation von Anfang an überfordert. Die ganze Zeit geht es in seinem abwehrenden Gerede nur um ihn selber: „Schauen Sie MICH nicht so an.“ – „What do you want from ME?“ – „Why do you ask ME, when you alreaedy know the answer?“ – „Why do you give ME that look? As you were the most miserable person on earth?“ – „I am here for you guys.“ Und so weiter.

Ich reiße mich zusammen, sage ihm, ich wolle ja nur freundlich fragen, aber das werde er ja noch verstehen, meint er „I am doing this job for 15 years“. Ich denke „15 Jahre zu lang.“ Und als der Presseagent dann auch noch von Quinzaine redet, erlaube ich mir, ihn darauf hinzuweisen, dass wir in der Semaine sind. Er daraufhin: „Are you still beeing friendly.“

So geht’s fast eine Stunde lang. Dabei muss man es mal aussprechen: Wer schreibt schon über die Semaine? Wie soll man auch, bei solchen Presseagenten? Da muss sich die Semaine etwas mehr Mühe geben, sonst macht man den weiten Weg an das andere Ende Stadt irgendwann gar nicht mehr.

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Natürlich kann man sagen: Wer schon in einen Film gehen will, der von Anarchisten erzählt, sollte sich vielleicht mit solchen Heinis gar nicht abgeben, sondern einfach den Saal stürmen. Gemeinsam hätte das auch hingehauen. Aber die Jugend von heute ist anders und lässt sich lieber nach Hause schicken. So wird das nichts mehr mit der Verbesserung der Verhältnisse.

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Immerhin bin ich dann doch noch reingekommen, nach meinem Eindruck als Allerletzter. Ich saß in der ersten Reihe, und konnte gut sehen.
Zuerst einmal wurde die Sektion eröffnet. Lange Reden. Über 2900 Filme habe man gesehen, und dann ein Sermon: „pertinance and dependance … contemporary world … questions enleve des choses.“

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Semaine de la Critique, Mars Distribution

Semaine de la Critique, Mars Distribution

Alles spielt 1899 und beruht zwar im ganz Allgemeinen auf Historischem, ist aber im Konkreten vollkommen fiktiv. Zugleich spielt er mit der Wahrheitsfrage: Denn der sehr coole, poppige Titelvorspann zeigt die Darstellernamen und dann immer dazu scheinbar historische Bilder.

Der Film des Franzosen Eli Wajmann ist auch eine Verrätergeschichte. Im Zentrum Jean, ein Polizist, dessen Vater 1871 ein Kommunarde war. Sein Vorgesetzter setzt ihn darauf an, eine anarchistische Gruppe zu infiltrieren. Warum? fragt er. „weil Du Vertrauen erzeugst.“ Für Jean ist das eine einmalige Aufstiegschance, die er mit beiden Händen ergreift. Er verlässt seine Freundin, eine Dienstmagd, mit der Begründung, er wolle nicht mehr „leben wie Les miserables“. Das Zitat ist plausibel, weil erwähnt wird, dass er von Victor Hugo erzogen worden sei.

„Ich bekam ein Angebot, dass ich nicht ablehnen kann. Tut mir leid.“ – „Nein, dir tut nichts leid – Du wirst schlecht enden.“

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Formal ist alles ein konventioneller Kostümfilm, mit hervorragender Kamera und exzellenten Darstellern. Der ziemlich aufwendig inszenierte Film zeigt das Paris um 1900 plausibel, zeigt Arbeitsbedingungen, Fabriken und den Lärm, der dort herrschte. Warum macht man so etwas nicht bei uns? Dann aber auch die Bildung der Arbeiter, und die aus heutiger Sicht sehr braven anarchistischen Salons. Wajmann zeigt Pathos und Idealismus. Damals ging Politik auf Leben und Tod – das wird sie wieder und das war besser, auch das zeigt der Film.

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Auch auf heutige Verhältnisse anwendbar sind einige der Film vorkommenden praktischen Grundsätze: „vivre, pas survivre“, „Do not let the pessimists crash us.“ und „1. Never negotiate! 2. Never vote! 3. Take arms, when necessary“ Das ist natürlich alles gerade sehr aus der Mode. Aber jede Mode kommt wieder, alles eine Frage der Zeit.

Auch nett die Behauptung, es gibt drei Wege zu leben: Working, begging, stealing.

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Eine Liebesgeschichte gibt es natürlich auch. Auf den Satz der von Exarchopoulos gespielte Figur der Judith, sie sei nicht frei, antwortet Jean: „That sounds not like what an anarchist would say.“ – „What does an anarchist say?“ – „Kiss me strong right now! And nothing like that.“
Auf die Frage, warum sie Anarchistin geworden sei, antwortet sie: „Die Leute glauben, es sei aus Hass gewesen. Aber es war aus Liebe.“

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So lässt der Film das Pathos des Anarchismus wiederauferstehen, berührt en passent den Zeitgeist um 1900, Photographie und Psychotherapie und die zeitlose Frage, die auch in Woody Allens IRRATIONAL MAN eine zentrale Rolle spielt: Wann darf man Gewalt anwenden? Wann töten?

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Hinzu machen auch der Aufstieg von widerständigen, demokratieskeptischen Bewegungen und die wachsende Verachtung, für die sich selbst lähmende, in juristischen Glasperlenspielchen verfangene parlamentarische Demokratie das Thema Anarchismus attraktiv und aktuell. Der Philosoph Slavoj Zizek behauptet, der Bestand der Demokratie sei keineswegs sicher, in Zukunft drohe eine sanfte, um so nachhaltigere Diktatur.

Aber wo es eine neue Diktatur und Tyrannei gibt, da wird es auch neuen Anarchismus geben.

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