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„Ein freier, denkender Mensch bleibt nicht da stehen, wo das Schicksal ihn hinstößt.“, erklärt Lehmann (Robert Gwisdek). Die Erkenntnis stammt von Heinrich von Kleist, wie auch die literarische Vorlage, die der ambitionierte Jungregisseur auf die Leinwand bannen will. „Ein Film in Superlativen. Helden, Schlachten, Blut und Tränen. Liebe, Hass und Krieg. Ein Epos.“, soll es werden, doch der Traum platzt mit der Produktionsförderung. Übrig bleibt Lehmanns Maxime: „Keine Grenzen und Einschränkungen.“ Für die Fantasie des Publikums und der verbliebenen Crew, wo nun das Historienspektakel erstehen soll.

Im beschaulichen schwäbischen Speckbrodi findet das Team imposante Kulissen, Unterkunft beim Ortswirt, Unterstützung beim Bürgermeister und in der Bevölkerung ein eifriges Laienensemble. Die Star-Akteurin der Lisbeth (Rosalie Thomass) wird zur mirakulösen Muse des Unterfangens, das gleich dem der Titelfigur von KOHLHAAS ODER DIE VERHÄLTNISMÄßIGKEIT DER MITTEL zwischen Heroismus und Fanatismus schwankt. Entdecken Darsteller wie Rainer (Heiko Pinkowski) eine völlig neue Ausdrucksform, stoßen andere wie sein Film- und Liebespartner in der Rolle des Knechts Herse (Thorsten Merten) an die Grenzen ihrer Vorstellungskraft. Der Titeldarsteller (Jan Messutat) verabschiedet sich aus dem Projekt, erstmals nach der Hiobsbotschaft von der Streichung der Produktionsgelder, von Lehmann zum Bleiben überredet wenig später erneut und schließlich endgültig. Kohlhaas habe er kein bisschen verstanden, tadelt ihn der Regisseur, der die Figur mit ganzer Seele verinnerlicht und letztlich selbst verkörpert – auf mehr als einer Ebene.

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Der Hauptcharakter des Films wird quasi notgedrungen zum Hauptcharakter des Films-im-Film. Mit der Kohlhaas-Rolle übernimmt Lehmann den Part, den er im wahren Leben als verbissener Idealverfechter gegen die rigorose Realität spielt. Eine ähnliche Überschneidung von Fiktion und Faktizität hat hinter den Kulissen bereits stattgefunden. Aron Lehmann ist der filmische Lehmann. Der filmische Lehmann ist Kohlhaas. Kohlhaas ist Don Quijote. Ein ambivalenter Streiter der Rechtsethik bei von Kleist, ein unnachgiebiger Streiter der Regieethik bei Lehmann. Der hinter der Kamera, der mit KOHLHAAS ODER DIE VERHÄLTNISMÄßIGKEIT DER MITTEL sein sinniges Spielfilmdebüt gibt, und sein Alter Ego davor ergänzen sich, womöglich mehr als es Aron Lehmanns Absicht ist. „Mein Film lebt von der Vorstellungskraft des Zuschauers und der Überzeugungskraft der Selbstverständlichkeit.“, erklärt sein Regiekommentar: „Bäume sind Riesen, Kühe Pferde und ein paar Komparsen bilden ein Heer von fünftausend Mann.“ Bäume, Kühe und Komparsen gibt es in Aron Lehmanns Stoff, ein Heer und Pferde bei Kleist. Eines aber kennt weder die klassische Novelle, noch deren klastische Adaption: Riesen.

Die Riesen gibt es bei Miguel de Cervantes, der seinen Hidalgo in dessen berühmtestem Abenteuer gegen sie anrennen lässt. Wo Cervantes Protagonist wähnt, seine klapprige Rosinante sei ein edles Ross, nimmt der Drehbuchprotagonist einen Stier für ein Pferd. Wo der historische Charakter hinter der KOHLHAAS-Novelle seine private Fehde zum allgemeinen Gerechtigkeitskrieg erklärt, erklärt der Mensch hinter dem Filmplot sein konkretes Ringen um materielle Mittel zu künstlerischer Radikalität. Der wahre Kampf all dieser Ritter von der Traurigen Gestalt – mögen sie aus Geschichtschroniken stammen, aus Novellen, realen oder fiktionalen Drehbüchern – gilt den Windmühlen der Wirklichkeit. Das Schicksal hat Lehmann gestoßen, doch er bleibt nicht stehen, genau wie sein weltverzweifelter Wutbürger Kohlhaas. Konsequenz heißt auch einen Holzweg zu Ende zu gehen. „Realismus spielt dabei keine Rolle.“, weiß Aron Lehmann: „Die oberste Regel: keine Zweifel.“

Die völlige Freiheit davon beinhaltet die von sachlicher Reflektion. „Wenn du das fühlst, ist es nicht lächerlich.“, ruft Lehmann. Wohl aber tragisch-komisch und in all seiner Kleinheit: ein Epos. Wenn auch nur ein verhältnismäßiges.

 

KOHLHAAS ODER DIE VERHÄLTNISMÄßIGKEIT DER MITTEL startet am 8. August im Kino und hat beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen gerade den Filmkunstpreis gewonnen.

 

Bilder-Copyright: Missing Films

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