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Amen


Der Bambus im Sturm, suicidal tendencies in Schweden und wird Kim Ki-duk verrückt? – San Sebastián-Blog, Folge 7

Dem Kino geht es gut, aber nicht allen Filmemachern. Das merkt jeder, der Amen sieht, das neue Werk von Kim Ki-Duk. Vor zehn Jahren war er der Wundermann des koreanischen Autorenkinos, und auch wer seine Filme schon damals ein bisschen prätentiös fand, konnte ihnen doch handwerkliche Meisterschaft und Einfallsreichtum nie absprechen. Nach einer künstlerischen Krise schien Kim nun zurückzukommen – Arirang lief in Cannes und war eine Film gewordene Selbsttherapie. Wer aber Kim jetzt bei der Pressekonferenz zu seinem neuen Film beim Festival im baskischen San Sebastián erlebte, muss sich ernsthafte Sorgen um den Geisteszustand des Regisseurs machen: Fahrige Gesten, unzusammenhängende Sätze, die viel Sinnloses und bestenfalls Banalitäten enthielten, passten zu einem Film, der kaum an das Niveau einer guten Hochschularbeit heranreicht. Es geht darin um eine Art zeitgenössische Mariengeschichte, die die bekannte Frauenverachtung des Regisseur mit katholischem Kitsch vermischt – eine junge Frau wird im Zug von Paris nach Venedig von einem Mann mit Gasmaske betäubt und vergewaltigt. Sie wird schwanger und durch geschickte Manipulation und moralischen Druck bringt sie der Täter schließlich dazu, nicht abzutreiben, sondern das Kind auszutragen. Glücklicherweise war der dilettantisch inszenierte Amen die Ausnahme im Wettbewerb.
Aber was ist mit dem Regisseur los? Wird Kim Ki-duk verrückt? Das fragten sich nicht wenige, die ihn hier erlebten. Wer hier persönlich mit Kim zu tun hatte, begegnete einem Mann, der zuviel trinkt, sich unflätig benimmt, verwahrlost wirkt und auf seine Umwelt nur noch eingeschränkt reagiert. Ein hochrangiger Vertreter des Festivals ließ sich zu der Bemerkung hinreißen: „Könnte sein, dass das jetzt sein letzter Film war.“

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Miracle / I Wish / Kiseki

Die beiden Wettbewerbsfilme aus den anderen großen Filmländern Asiens gehörten dagegen zum besten des Wettbewerbs. So etwa Miracle vom Japaner Hirokazu Kore-eda. Wie in Julie Delpys Le Skylab steht die Welt der Kinder und deren Blick auf die Erwachsenen im Zentrum. Auch hier dominiert Alltägliches wie die Mahlzeiten und ihre Zubereitung, wie der Gang zur Schule und das Treffen mit Freunden im Schwimmbad. Und die Rolle des „Skylab“, des Weltereignisses im Hintergrund, spielt hier ein Vulkan, dessen bedrohlich wachsende Wolken einen drohenden Ausbruch signalisieren. Kore-eda gelingt es mit leichter Hand, Kindheit ernst zu nehmen, und ohne Weinerlichkeit von Schmerzen und Enttäuschungen zu erzählen. Denn im Zentrum stehen zwei Brüder, deren Eltern sich getrennt haben. Der jüngere blieb beim Vater, der ältere ging zur Mutter. Wie sensibel und witzig der Regisseur die Kinder inszeniert, ist zauberhaft, und hätte allein schon einen Preis verdient.

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Das hätte auch 11 Flowers von Wang Xiaoshuai, der seinerzeit mit Beijing Bicycle bei der Berlinale den Regiepreis gewann, und dann nicht so ganz das hielt, was man sich von ihm versprochen hatte. Seiner neuer Film gefällt mir ausgesprochen gut. Man kann ihn „klein“ nennen, aber genaugenommen erzählt er mehr, als viele Großproduktionen. Die Handlung spielt 1975, während der letzten Ausläufer der Kulturrevolution im Südosten Chinas. Viele Familien von städtischen „Intellektuellen“, also Künstlern, Lehrern, Universitätsangestellten, dem Bildungsbürgertum, wurden seinerzeit zwangsweise aufs Land geschickt, um dort zu arbeiten und „von den Bauern zu lernen.“ Hauptfigur ist der elfjährige Wang Han. Sein Vater ist Kunstmaler, hat einen Posten an der örtlichen Hochschule, und erzählt dem Sohn von Da Vinci und Monet. „Wenn Du Maler wirst, kannst du frei leben, verstehst Du?“ Zunächst lernt man das Leben der vierköpfigen Familien kennen. Atmosphärisches ist beeindruckend, etwa die aus den 30er Jahren stammenden Wohnquartiere mit ihren Gemeinschaftsküchen auf dem Hof – ein Ort, wo sich alle treffen und es eine starke soziale Kontrolle gibt, wohl auch Spitzelei, andererseits viel Solidarität. Wang Han ist immer mit drei Schulfreunden unterwegs. Man redet über die Welt der Erwachsenen, über Streiks und eine mögliche Schließung der Fabrik im Ort. Aber auch über Jeofan, eine hübsche 15-jährige Nachbarstochter, die man heimlich beobachtet. Eine Attraktion sind auch die ab und zu stattfindenden öffentlichen Exekutionen von Straftätern. Und einmal wird am Fluss die Leiche eines Mannes gefunden – ein Mordopfer. Die Erwachsenen reden über das Ort-Kommitee, und über die roten Garden. Aus den überall verteilten Lautsprechern gibt es permanente Berieselung mit revolutionären Songs. Jeder hat eine Mao-Büste zuhause, im Ort hängen Tafeln mit Slogans und ein riesiges Mao-Plakat.

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11 Flowers

Wang Han ist gut in der Schule, soll Vorturner bei der täglichen Schulgymnastik werden. Aber dazu braucht er ein neues Hemd. Das ist zu teuer, wird dann aber doch angeschafft. Zwei Tage später, als Wang Han mit Freunden im Fluss badet, und das Hemd an einem Baum aufgehängt hat, wird es gestohlen. Wang Han eilt dem Dieb nach, stellt ihn im Wald, und es stellt sich heraus, dass er der Bruder der Nachbarstochter Jeofan, und der gesuchte, und inzwischen verwundete Mörder ist. Er werde ihm sein Hemd ersetzen, verspricht dieser, aber er werde ihn umbringen, wenn er ihn verrate. Eingeschüchtert traut sich Wang Han nicht, irgendetwas zu sagen, und wird für den unerklärlichen Verlust des Hemdes bestraft. Das Leben geht weiter. Doch eines Tages wird der Gesuchte gefasst, und bald wird klar, dass er getötet hat, um die Vergewaltigung seiner Schwester zu rächen. Mit der Post bekommt Wang Han ein Hemd geschickt – und so kommt alles heraus. Die Eltern gehen zur Polizei, der Polizist sagt „Danke für ihr politisches Bewusstsein.“ Und ein paar Tage später holen die Freunde Wang Han zu Hause ab, um wieder Hinrichtungen anzugucken. Als der Name von Jeofans Bruder fällt, hält er inne – und geht nicht mehr mit den anderen mit.

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Eine gute Behandlung der Kulturrevolution. Denn beiläufig wird Politik gezeigt. In keinem Moment wird der Zuschauer mit der Nase darauf gestoßen, wie er die Ereignisse zu bewerten hat; alles bleibt wohltuend offen, und immer ist klar, dass man bei aller Repression auch in China in den 70ern als Kind zunächst einmal eine normale, und oft genug glückliche Kindheit hatte.
11 Flowers ist eine französische Co-Produktion – von Isabelle Glachant, einer cleveren, Mandarin sprechenden Französin -, und wurde von arte-Frankreich wesentlich mitfinanziert. Es wäre spannend zu erleben, wenn solche Filme auch einmal mit deutschen Fördergeldern gemacht werden könnten.

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Die Vorführung von 11 Flowers war übrigens mal wieder eine Vorstellung nur mit spanischen Untertiteln – Chinesisch mit Spanisch, da ist man gleich doppelt so konzentriert, und ich hatte nicht das Gefühl, Wesentliches nicht verstanden zu haben.

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Was ist von diesem Hang des Autorenkinos zum Kinderblick zu halten? Ist das nur ein Zufall der Zusammenstellung, oder ein Trend? Die erste Antwort wäre die, dass die Regisseure damit ihre eigenen Sentimentalität und die des Publikums befriedigen, die nächste, dass sie durch den Kinderblick in der Lage sind, eine gewisse Harmlosigkeit und Naivität einzunehmen. Außerdem sind es Filme ohne erwachsene Liebesgeschichten und ohne Sex. Beziehungsweise mit einem Kinderblick von außen, der eine entwaffnende Wirkung hat. Aber das ist vielleicht auch wieder zu oberflächlich gedacht. Zumal in 11 Flowers die Schwärmerei und „Liebe“ des Elfjährigen für die Nachbarstochter, beides evident ist.

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Happy End

Der letzte – und wirklich schlechte – Film des Tages war der schwedische Wettbewerbsbeitrag Happy End von Björn Runge. Ein Film, der seine Zuschauer von Anfang an quälen will. Und bei dem man sich sicher ist, dass das Kriterium fürs Casting der Hauptdarstellerin vor allem die Länge ihrer heruntergezogenen Mundwinkel war.
Ein paar Menschen in einer Großstadt der Gegenwart stehen im Zentrum: Eine depressive Fahrlehrerin, ihr Fahrgast, ein Witwer, der wegen Alkohol am Steuer seinen Führerschein neu machen muss, ihr erwachsener Sohn, ein Maler, der gerade einen Selbstmordversuch hinter sich hat und wieder bei Mami einzieht, ihre Putzfrau, ein junges Mädchen, dessen Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen, und das von seinem Freud geschlagen wird. Dieser Freund hat nach einer Pleite Schulden, und die Geldeintreiber sind ihm auf den Fersen. Der Titel ist mehr oder weniger zynisch gemeint.
Keine der Figuren handelt rational, kaum einer handelt nachvollziehbar, fast alle haben Selbstmordtendenzen. Man glaubt auch nichts. Man denkt freilich: Die armen Frauen, mit den ganzen abgefuckten Männern. Alles ist sehr vorhersehbar: Es wird grundsätzlich schlimmer und schlimmer, alle verletzen sich, davor fängt der Sohn was mit der Putzfrau an, aber das macht es auch nicht besser, denn die omnipräsente beschützerische Mami mischt sich ein, bereut das dann aber… An den entscheidenden Stellen guckt der Film weg, zeigt kaum Nacktheit aber dreimal exzessiv, wie der Freund die Freundin brutalst verprügelt, wie er sich demütigt und beschimpft. Runge macht es anscheinend Spaß, Menschen bei der Selbstzerstörung zuzusehen. Macht es Spaß? Am Ende kommt der große Ausbruch aller aufgestauter Aggression, und darüber kann man nur lachen: Das Zerstören der Wohnzimmereinrichtung, erst durch den Sohn, dann haut die Mutter ihren eigenen Kram in Klump. Der ist aber nur von Ikea, so wie dieser ganze Film Ikea ist.

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Rainer Gansera von der SZ ist auch hier, und sieht die Dinge erfreulicherweise ähnlich. Ihm geht „die protestantische Scheiße auf die Nerven“.

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In diesem Zusammenhang ist es noch interessant, daran zu erinnern, dass Björn Runge einmal einen großen Preis bekam: 2004 bei der Berlinale den Silbernen Bär für Daybreak. Und – Quizfrage – wer war damals Jurypräsident? Richtig: Frances McDormand! Wie in diesem Jahr in San Sebastian.

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Am Donnerstag dann auch doch noch eine Party im „Bataplan“, „dem“ Club der Stadt, direkt am Conchastrand gelegen. Man schwimmt in Teenagerhorden, die Michael Fassbender begegnen wollen, und trinkt Gin Tonic. Aber heute Abend ist dies die „Mexico Party“, es legen die befreundeten Filmkritiker Sara und Alessandro auf, Sara – Filmredakteurin bei „El Publico“, wir hatten von ihr im Auftaktblog erzählt – ist Mexikofan und veranstaltet in Madrid auch einmal im Jahr ein Musikfestival namens Chico Tropico. Das qualifiziert sie genug, und charakterisiert auch die Musik, die Spaß macht, zu der mir aber sonst nur die Worte indie-elektro-latino einfallen.

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Ein chinesisches Sprichwort lautet sinngemäß: „China ist wie der Bambus: Es biegt sich elastisch im Sturm zu Boden. Und wenn der Sturm vorüber ist, steht es wieder auf.“ Ein bisschen gilt dies natürlich auch für Filmkritiker auf Festivals.

Hier finden Sie alle Berichte von Rüdiger Suchsland aus San Sebastián.