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kurosawa die ästhetik des langen abschieds marcus stiglegger

© edition text und kritik

Die Filmwissenschaft ist wie dieses weite, im Morgengrauen vor einem liegende Hochplateau. Heerscharen sind über diesen fruchtbar tief-schwarzen Boden bereits hinweggefegt. Haben ihn mit festen Tritten immer weiter verdichtet, aber auch ihre Spuren in ihn gezogen. Ihn immer schöner vernarbt. Im Idealfall, umgepflügt. Schwarz ist dieses weite Schlachtfeld nicht nur Dank diesem ganz besonders fruchtbaren Torf, der all die Samenkörner bunt aufblühen lässt, die da jeden Tag neu von den Mähdreschern fallen, die immer wieder auch von individueller Hand ganz liebevoll ins Erdreich gedrückt werden. Nein, schwarz ist es auch von all dem dunklen Blut, was in unzähligen Auseinandersetzungen immer wieder auf ihm vergossen wurde. Dunkles Blut, welches die Erde hier längst tief durchtränkt hat. Es scheint erst gestern gewesen zu sein, als hier ein laut-starkes Unwetter über seine weite Freifläche hinweggezogen ist. Ein feuchter Nebel, wie man ihn so nur ganz früh im Morgengrauen beobachten kann, breitet sich da nun vor uns aus. Hängt klamm zwischen den Schilfhalmen, so dass selbst die ganz breit ausgetretenen Pfade von ihm beinahe wieder gänzlich verschluckt werden. Genau jetzt, heute scheint der Boden aufgeweicht und wir wundern uns, was hier so alles an unseren Stiefeln kleben bleibt.

Akira Kurosawa, so oft scheint man diesem Pfad schon gefolgt zu sein und doch gelingt es Marcus Stiglegger mit klarer und präziser Schwertführung immer wieder Seitenarme freizulegen, die damit einen ganz neuen, noch weiter fassenden Blick auf den Großmeister der Filmkunst frei machen. So weit, dass mit einem Mal auch die ganz große Hauptstrasse des Kinos sichtbar wird.

Sein spannendes Buch KUROSAWA – DIE ÄSTHETIK DES LANGEN ABSCHIEDS wirkt dabei im Wesentlichen auf zwei Ebenen. Zum einen blättert es den kolossal weitgreifenden Einfluss von Kurosawa auf das internationale Kino vielschichtig auf. Belässt es dabei nicht bei den offensichtlichen Adaptionen von Sergio Leone, George Lucas, Walter Hill, Martin Ritt oder John Sturges, sondern zeigt auch, wie der visuelle Erzählstil des Meisters noch heute bis hinein in die Filme von David Lynch, wie auch das hypermoderne Kino eines Bruno Dumont oder Nicolas Winding Refn wirkt.

So weit, so spannend. Aber dem Buch gelingt tatsächlich noch weit mehr. Stiglegger ist ein präziser Beobachter von Inszenierung und findet klare Worte um zu beschreiben, wie sich im WIE des visuellen Erzählens von Kurosawa einige der ganz grundlegenden Geheimnisse der mythologischen Kraft des Kinos offenbaren. Dabei kommt Stiglegger eine ganz entscheidende Charaktereigenschaft zugute, die ihn hier tiefer kommen lässt als andere. So präzise er in seiner filmwissenschaftlichen Analyse ist, so spürt man in nahezu jeder Zeile und Fußnote: Der Schwung seiner Schwertführung speist sich direkt aus der schier unerschöpflichen Quelle eines cinephil pochenden Herzens. Aus echter Liebe und Leidenschaft für das Kino als Ganzes, die ihn noch einmal freier und furchtloser Zusammenhänge freilegen lässt.

KUROSAWA – DIE ÄSTHETIK DES LANGEN ABSCHIEDS stellt sich gänzlich unvoreingenommen dem Film-Erleben mit all seiner Unberechenbarkeit. Zwängt es nicht in längst viel zu verstaubte Schubladen. Im Gegenteil, das Buch interessiert sich ganz gezielt für das scheinbar Unabwägbare, das Leben darin. Schließt den dem Leben am nächsten kommenden unberechenbaren Teil des Kinos immer mit ein. Spart auch dessen Grausamkeit nicht aus. Bleibt furchtlos und klar auch noch im Angesicht dessen, wo es ganz persönlich wird. In der Ästhetik des langen Abschieds, der sinnlichen, wie persönlichen Berührung mit dem Tod. So gelingt Stiglegger ein Schlüsselwerk über das Kino als Medium der Verführung. Grenzüberschreitend, klug und klar.

Kurosawa - die Ästhetik des Langen Abschieds (Marcus Stiglegger)

© etk

Marcus Stiglegger, KUROSAWA – DIE ÄSTHETIK DES LANGEN ABSCHIEDS edition text + kritik Deutsch 180 Seiten 29,80 EUR