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Die Todgeweihten grüßen
Cannes-Blog, Folge 7.

Dies nur ein erster Eindruck an einem Tag, der von Eindrücken überquillt. Wir werden morgen auf Lars von Triers neuen Film ausführlicher eingehen. Man müsste aber eigentlich mal die Schreibsituation hier thematisieren: Rein, raus, schreiben für Broterwerb, rein, raus, schreiben für NEGATIV, rein in den neuen Takashi Miike, gleich, jetzt in zehn Minuten, nebenan im Salle Debussy…

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Melancholia vom dänischen Überregisseur ist fraglos auch nicht weniger großes Kino als Terrence Malicks Film gestern. Gleich zu Beginn begegnet man überraschenden Gemeinsamkeiten mit Malick: Auch hier Sterne und Galaxiennebel im Weltall, auch hier ein kosmologischer Blick, unter dem auf einmal der Mensch ganz klein wird. Und auch hier eine Geschwistergeschichte: Justine und Claire, zwei erwachsene ungleiche Schwestern, gespielt von Kirsten Dunst und Charlotte Gainsbourg. Zeit und Raum sind nicht näher bezeichnet. Man begleitet Justine zunächst auf ihrer prächtigen Hochzeitsfeier, die von Claire und deren reichem Gatten und überquellendem Luxus und in alten Ritualen ausgerichtet wird. Diese erste halbe Stunde wirkt ein wenig wie von Triers Version von Vinterbergs Das Fest und Hanekes Das Weiße Band – das Portrait einer bürgerlichen Gesellschaft, hinter deren prächtiger Fassade sich ein Abgrund an Amoral und Verzweiflung auftut. Man erfährt, dass Justine depressiv ist, und ihre Ehe wird die Hochzeitsnacht nicht überstehen. Schwerer wiegt, dass ein meteorenhaft sich aufführender Planet an den nächsten Tagen knapp an der Erde vorbeirasen soll. Justine aber ahnt Schlimmeres – und am Ende des Films tritt tatsächlich der Weltuntergang ein! Trier inszeniert das mit abstrakter Reduktion, Zeitlupen und viel opernhaftem Pathos – zur Musik von Wagners Tristan. Man kann den Film ähnlich wie Malick zu bemüht finden, glauben, dass Trier sich überhoben hat. Und im Vergleich zu The Tree of Life ist Melancholia fraglos kühler, ironischer. Lars von Trier glaubt nicht an Gott, aber ans Ende der Welt, und teilt uns diese Gewissheit mit einem gewissen sarkastischen Vergnügen mit. Wo Malick die Heiligkeit des Lebens feiert, entfaltet Trier einen apokalyptischen Abgesang. Aber der visionären Kraft seiner Bilder, ihrer Eleganz und dem erzählerischen Mut werden sich auch Triers Kritiker nicht ganz entziehen können. Melancholia ist eine großartige Erfahrung.

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Dahinter verblasste dann alles andere zur Halbzeit der Filmfestspiele. Auch wenn Bruno Dumonts schwarze Wiederauferstehungsgeschichte Hors Satan in ihrer radikalen Reduktion beeindruckte und durchaus auch Gemeinsamkeiten aufwies. Auch wenn Aki Kaurismäkis Gutmenschenkino Le Havre so menschelte, wie man es von diesem Regisseur erwartet. Richtig enttäuschend war dagegen Habemus Papam von Nanni Moretti: Wer eine flotte Komödie über den Vatikan erwartet hatte, wurde enttäuscht. Stattdessen sah man eine zähe Farce, in der allein Michel Piccoli glänzt. Er spielt einen zum Papst erkorenen Kardinal, der an seiner Berufung zweifelt. Nun denn. Dann lieber mit Lars von Trier untergehen. Und gleich, wie gesagt, mit den Samurai von Miike.

Hier finden sie alle Cannes-Texte.

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