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Das 61. Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg 2012 öffnete unter dem Motto „Leben! Aber wie?“ für zehn Tage allen Filminteressierten seine Tore. Gezeigt wurde eine Auswahl internationaler Autorenfilme über das Leben in all seinen Facetten und über die Frage, was das Leben eigentlich lebenswert macht.

Und wer es nicht weiß: dieses Festival rühmt sich damit, so manchen Newcomern den Start in eine internationale Karriere ermöglicht zu haben. So wird es auch laut Dr. Eckart Würzner (amtierender Oberbürgermeister der Stadt Heidelberg) das „Festival der wirklichen Entdeckungen“ genannt. Schaut man sich das Programmheft genauer an, so liest man bereits auf den ersten Seiten, dass dieses Festival der Ort für „Entdeckungen aus allen Ländern der Erde, Debüts kommender Regiestars und Meisterwerke auf Anhieb“ sei. Ob dies zutrifft, konnte in den folgenden Tagen überprüft werden. Allerdings sind Namen wie François Truffaut, Wim Wenders, Jim Jarmusch und Krzysztof Kieslowski hier durchaus keine Unbekannten. Von Letzterem wurden dieses Jahr als besonderer Augenschmaus fünf Filme über das, was das Leben lebenswert macht, gezeigt.

Insgesamt hat man dieses Jahr die Chance 46 Filme auf der großen Leinwand zu sehen. Begleitet von dem Gedanken, dass es natürlich unmöglich ist, alles zu sehen, habe ich mir vier spezielle Kategorien vorgenommen: Internationaler Wettbewerb, Internationale Entdeckungen, Kieslowski und die Kategorie Sondervorführungen.

Kategorie Sondervorführungen

Den Start haben die Sondervorführungen gemacht, mit Sean Penns Film INTO THE WILD (USA 2007). Dieser bereits bekannte Film zählt keinesfalls als „neue Entdeckung“, doch passt er hervorragend zu dem Motto des Festivals und die Chance diesen Film nochmals auf der großen Leinwand zu sehen, wollte ich mir durchaus nicht entgehen lassen!

Der 22-jährige Christopher McCandless (Emile Hirsch) ist der Parade-Aussteiger schlechthin. Eine traumatische Kindheit, mit dem daraus resultierenden Widerstandswillen gegen die Eltern und die fassadenhafte Gesellschaft, gepaart mit einer Leidenschaft für literarische Klassiker, bilden seinen Antrieb alles hinter sich zu lassen. Die unverfälschte Wildnis erleben, alleine sein in Alaska, das ist sein Ziel. Auf seinem Weg begegnet er Gleichgesinnten, neuen Freunden, unterschiedlichen Auffassungen vom besten Lebensweg und nahezu konträren Welten. Am Ende bleibt jedoch nicht viel. Alles, was von Bedeutung hätte sein könnte, lässt er hinter sich. Zwar erreicht er Alaska, aber zu einem Preis, den kaum ein anderer bereit gewesen wäre zu zahlen. Dennoch trifft ihn genau hier, in der ausweglosen Einsamkeit, die größte und wahrste Erkenntnis seines Lebens.

Zuerst scheint es wie eine typische Aussteigergeschichte: junger Rebell, der mit Auszeichnung das College abschließt und gute Chancen auf ein Jurastudium in Harvard hat, entschließt sich zum Leidwesen der Eltern, alles hinter sich zu lassen und ein Leben frei wie ein Vogel zu führen. Die Geschichte eines beeindruckenden jungen Charakters vor der ergreifenden Kulisse Amerikas. Das Land selbst steht für den Traum eines freien und selbstbestimmten Lebens. INTO THE WILD greift daher mehrfach auf einfache Aufnahmen der Landschaft zurück, um jene Assoziation der Sehnsucht in uns hervorzurufen.

Jeder Schritt in diesem 148-minütigen Film führt uns tiefer zu dem, was Alexander Supertramp alias Christopher McCandless antreibt. Hilfestellung erfahren wir dabei zusätzlich von dem Voice-over seiner zurückgelassenen Schwester. Familiengeheimnisse werden aufgedeckt und wir fühlen immer mehr mit unserem Vagabunden mit, ja wir würden es ihm sogar gleichtun. Doch irgendwann kommt der Wendepunkt. Die atemberaubende Wildnis verliert ihren Zauber und in den Vordergrund tritt das Menschliche. So gelangt man zu dem Punkt, an dem man dem Freiheitsliebenden Egoismus vorwirft und nicht versteht, wie er in all seinem Idealismus nicht erkennt, was er den Menschen um ihn herum antut.

INTO THE WILD ist keine Erfolgsgeschichte. Sie hätte es sein können, doch im entscheidenden Moment fällt unser Protagonist die falsche Entscheidung und die Sehnsucht nach Freiheit wendet sich zu einem Gefühl der Gefangenschaft und Einsamkeit. Ab diesem Punkt zeigt die Natur, dass sie nicht immer der Freund des Menschen ist.
Das Entscheidende für mich an dem Film ist das Gefühl, mit dem er einen zurücklässt.
Kein Aufatmen, kein Schmunzeln zum Abschied, keine Bewunderung.
Beklemmung, wegen der letzten, elementaren Erkenntnis von Alexander Supertramp:

Happiness is only real when shared.

Dankbarkeit, weil wir nun die Möglichkeit haben, alles Gesehene zu teilen, Gemeinsamkeit neu wertschätzen und doch der Traum von unbändiger Freiheit in uns weiter schlummern darf. Ich würde sagen: Ziel erreicht.

Auf der Flucht vor dem Gift der Zivilisation durchschreitet er allein das Land, um sich in der Wildnis zu verlieren. Alexander Supertramp, Mai 1992.

Am Ende des Filmes wird jenen, die es nicht schon wussten, deutlich vor Augen geführt, dass es sich hier um eine wahre Begebenheit handelt. Alexander Supertramp hat existiert. Bücher wurden geschrieben, Filme gedreht, Debatten angeregt. War er ein Idol, jemand, der es schaffte, das wahre Leben wenigstens eine Zeit lang voll auszukosten? Oder war er doch nur ein kindlicher Träumer, der an seiner Unerfahrenheit, seinem Idealismus und vor allem seinem Hochmut gescheitert ist? Sean Penns Abenteuer-Drama gibt seine eigene Antwort darauf und auch auf das Motto des Filmfestivals. Jeder will leben, aber welcher Weg ist der Richtige? Und vor allem im Bezug auf INTO THE WILD: Richtig für wen?

Sechs weitere Filme wurden in der Kategorie Sondervorführungen gezeigt. Jeder von ihnen behandelt auf ganz besondere Weise die Frage nach dem Wie im Leben:
FAUST (Alexandr Sokurow, Russland)

HABEMUS PAPAM (Nanni Moretti, Italien, Frankreich)

SPEED – AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT (Florian Opitz, Deutschland)

THE TREE OF LIFE (Terrence Malick, USA)

TOUT CE QUE TU POSSÈDES (ALL THAT YOU POSSESS; Bernard Émond, Kanada)

DES HOMMES ET DES DIEUX (VON MENSCHEN UND GÖTTERN; Xavier Beauvois, Frankreich).

 

Bilder-Copyright: Int. Filmfestival Mannheim-Heidelberg