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FUTATSUME NO MADO © 2014 WOWOW & COMME DES CINÉMAS, Cannes Filmfestival

FUTATSUME NO MADO © 2014 WOWOW & COMME DES CINÉMAS, Cannes Filmfestival

Zwei großartige Filme von Naomi Kawase und David Cronenberg im Wettbewerb von Cannes

„Sur mes cahiers d’écolier/ Sur mon pupitre et les arbres/ Sur le sable sur la neige/ J’écris ton nom“

(On my notebooks from school/ On my desk and the trees/ On the sand on the snow/ I write your name“)

Paul Eluard

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„Ihr jungen Leute solltet nie feige sein! Wenn ihr was sagen wollt, sagt es. Wenn ihr was tun wollt, tut es. Wenn ihr weinen wollt, weint!“

Ein alter Fischer in FUTATSUME NO MADO von Naomi Kawase

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Wellen, Meer. Vielleicht eine Minute lang. Das erste Bild. Schnitt. Das zweite: Ein alter Mann schächtet eine Ziege. Die Kamera streift dann über Hügel, Schilf, wieder Meer. Der Wind ist zu hören. Man versteht, dass wir es hier mit einem kleinen Küstendorf zu tun haben, später begreifen wir: Es ist eine Insel. Es handelt sich um das abgelegene Amami, die größte der Amami-Inselgruppe, weit im Süden der japanischen Insel. Hier ist das Leben stehengeblieben und die Moderne fern.

Nachts wird eine Männerleiche gefunden. Am nächsten Morgen sehen wir unter den Schaulustigen auch Kaito und Kyoko. Ein Dialog der Blicke. „Yesterday, I was waiting for you.“, sagt sie, er schweigt. Mit Wenigem macht der Film alles klar: Beide sind 14, wir wissen, das beide eng befreundet sind. Eine Jugendliebe, erfüllt von Vertrautheit. Sie hat ihn gewählt, ist stärker, reifer. Und dann hebt der Film zum ersten Mal ab…

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Sie taucht minutenlang in Schuluniform. Schwimmt im Wasser auf ein Korallenriff zu. Schwerelos. Genuss des Augenblicks; im Wasser ist sie wie ein Teil der See. Eine Nixe, Meerjungfrau. Dort findet er sie. Sie fahren Fahrrad, er strampelt, sie steht hinter ihm. Wind, Fahrtwind, Tempo. Grün und Blau und Weiß und Schwarz, später dann Apricot und Blau. Danach gibt es Nudeln mit Tintenfisch. Kyokos Vater, ein ehemaliger Surfer, ist Fischer. Er gibt Kaito eine große Portion für Zuhause mit. Auch das ist Dorfgemeinschaft auf Insel.

Kaitos Mutter ist alleinerziehend, Kyokos Mutter todkrank und wird bald sterben. „Why is it that people are born and die?“ – „I do not know.“ – „For no reason.„. Er redet gar nicht, sie redet wenig.

Es gibt Gespräche über den Tod: „I am trying but I cannot stand my mother suffering.“ Ihr Körper wird verschwinden. „Wo ist ihre Wärme?“ – „Sie bleibt in Dir.

Auch mit der Mutter selbst. Die sagt: „In the mainland, people want to live as long as possible.“ Und lacht. Wir lachen mit, ohne wirklich zu verstehen.

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FUTATSUME NO MADO © 2014 WOWOW & COMME DES CINÉMAS, Cannes Filmfestival

FUTATSUME NO MADO © 2014 WOWOW & COMME DES CINÉMAS, Cannes Filmfestival

Ein Sommer. Das Wetter ist wechselhaft, mal Wind, mal Regen, schnell Sonne, immer wieder ein Taifun.

Es gibt auch Gespräche über unsere Verbundenheit mit der Natur. Kaito sagt „The sea is scary. The sea is alive.“ Sie: „Wenn man surft, dann ist das wie eins werden mit der See, mit der Natur.“ Es sei wie Sex und wir ahnen, dass beide nicht kennen, wovon sie spricht. Sie aber weiß es trotzdem.

Im Gartenhaus wird für Kyokos Mutter das Sterbebett aufgestellt. Es steht so, dass sie auf einen uralten, 400, oder 500 Jahre alten Baum blicken kann. Die Sterbeszene, in denen die Mutter von vielen Frauen und Männern aus der Insel umgeben ist, zählt zu den Höhepunkten des Films: Sie singen „The song of the morning glory“, Tanzen am Sterbebett – ein glücklicher Tod.

Derweil hat Kaiko seinen Vater besucht, der in Tokio lebt. Kawase macht hier en pasant auch das Stadt-Land-Thema auf, und dies nicht auf Kosten der Stadt. Der Vater erzählt dem Sohn seine Sicht Tokios: „There is energy here, which you only find in Tokio. Warmth…“ Es gebe zwar Müdigkeit und Stress, aber auch den Wunsch sich selbst auszudrücken.

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Dies ist ein überaus sinnlicher Film, voll schlichter und zugleich über sich hinausweisender Schönheit, erfüllt von der Ausstrahlung dieser subtropischen Insel mit ihren Korallenriffen und einem Sensorium für den Kreislauf der Natur, von Leben und Tod. Es gibt auch eine autobiographische Dimension: Kawases Familie stammt selbst aus Amami.
FUTATSUME NO MADO bedeutet wörtlich „Das zweite Fenster“ – es ist in erster Linie ein zurückgenommenes, ruhiges Portrait zweier Schüler, des Erwachsenwerdens. Kawase zeigt das Glück der Losgelöstheit im Augenblick, die Brüchigkeit des Familiären und den Schmerz des Erwachsenwerdens – Abschiede von der Kindheit.

Es ist ein sehr berührender Film, voller Poesie, zugleich über universale menschliche Grundsatzerfahrungen.
Der Film hat alle Tugenden des japanischen Kinos: Er erzählt visuell und musikalisch, in wenigen Worten, und ähnelt eher einem Poem, als einem Theaterdrama. Eine leicht bewegte Kamera beobachtet den Wind, die Wellen, das Licht der Sonne, das durch die Bäume scheint und begleitet seine Figuren schwebend, zitternd, subjektiv durch ihr Leben. Kawase erzählt total stringent und zugleich vollkommen leichtfüßig, unaufdringlich.

Ein Meisterwerk auf Augenhöhe mit Ingmar Bergman, Roberto Rosselini und Francois Truffaut.

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Natürlich wird alles gut ausgehen. Auch das Sterben ist in diesem Film ja kein Grund Angst zu haben. Aus dem Mund des alte Fischers hören die beiden irgendwann ein paar grundsätzliche Lebensregeln: „Ihr jungen Leute solltet nie feige sein! Wenn ihr was sagen wollt, sagt es. Wenn ihr was tun wollt, tut es. Wenn ihr weinen wollt, weint!

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MAP THO THE STARS, Copyright: Cannes Filmfestival,  ‎Daniel McFadden

MAP THO THE STARS, Copyright: Cannes Filmfestival, ‎Daniel McFadden

Leben und Sterben in Hollywood: Ein alter Bekannter an der Croisette ist David Cronenberg: Zum neunten Mal ist er in Cannes, mehrere Palmen hat er gewonnen, aber noch nie die goldene. Ob ihm das jetzt mit MAPS TO THE STARS gelingt?
Immerhin hält er hier der Filmindustrie und damit auch ihrem Mekka namens Cannes den Spiegel vor. Das Ergebnis ist ein abgründiges Bild, eine Mischung aus Sozialsatire und klassisch-griechischer Tragödie. Man begegnet einer Handvoll Menschen aus dem Hollywood der Gegenwart; es sind so schrille wie schräge Typen, die alle leider wahren Klischees über das Leben in Hollywood versammeln: Julianne Moore als Schauspielerin von Gestern, die von den Geistern ihrer toten Mutter verfolgt wird, ein medikamentenabhängiges, verwöhntes nervliches Wrack; John Cusack als korrupter zynischer Startherapeut, Robert Pattinson als Chauffeur, der vom Filmruhm träumt; daneben ein Kinderstar, eine vertriebene Tochter und eine Familientragödie, deren Hintergründe langsam freigelegt werden. Mia Wasikowska spielt eine junge Frau, die aus Florida gerade erst in Hollywood auftaucht. Sie wirkt ebenso verwundbar, wie gefährlich, neugierig wie krank, sie ist witzig, aber scheint eine Last mit sich herumzutragen.

Die Dialoge sind großartig: „How did you find me?“ – „Please! No film-noir-questions.“ Oder: „Juliette Lewis?“ – „Die ist bei Scientology…“ – „Ich hab auch schon überlegt, zu konvertieren, das wäre gut für meine Karriere.
Ein Gedicht von Paul Eluard spielt auch eine wichtige Rolle, und das Inzest-Tabu.

MAPS TO THE STARS ist nicht nur einer der interessantesten Wettbewerbsfilme bislang – dies ist eine sehr sehr witzige Abrechnung mit der Unterhaltungsindustrie, und ein erfrischend direktes, überhitztes Dekadenzportrait aus der Mitte unseres Zeitalters.

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„Et par le pouvoir d’un mot/ Je recommence ma vie/ Je suis né pour te connaître/ Pour te nommer Liberté.“

„By the power of the word/ I regain my life/ I was born to know you/ And to name you – LIBERTY“

(Paul Eluard: LIBERÉ (in: Paul Éluard, POÉSIE ET VÉRITÉ, Paris, Éditions de la main à la plume, 1942. Reprint: Paul Éluard: AU RENDEZ-VOUS ALLEMAND, Paris, Éditions de Minuit, 1945)

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