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Leute schaut Euch an, was es damals gab, traut Euch mal was! – die 120 Tage von Caligari, Folge 5

von | 2 Jun 2015 | Caligari auf Filmtour, Rüdiger Suchsland auf Filmtour | 0 Kommentare

Das Kino der Weimarer Republik hält dem der Gegenwart den Spiegel vor

Heute mittag war ich zu Gast beim Filmmagazin Zwölf Uhr Mittags, der Kultsendung des geschätzten Kollegen Knut Elstermann auf Radio 1 von RBB. Eine tolle Sendung, eine Stunde Kino pur – genau das wozu öffentlich-rechtliche Sender da sind. Knut ist populär, aber nicht populistisch, er hat einfach die Fähigkeit, komplizierte Dinge verständlich auszudrücken, und sie auch mal so zu vereinfachen, dass sie jeder kapiert, ohne ihnen aber ungebührlich Gewalt anzutun.

Im Gespräch, dessen leider leider nur erste Hälfte man hier herunterladen und ab Minute 21.50 anhören kann, steigt Knut gleich ein mit der Misere des deutschen Kinos. Er nennt meinen Film eine Titanenarbeit.

Wir reden zunächst über die Begrenztheit des heutigen deutschen Kinos, und Knuts Fragen provozieren bei mir einen Gedanken: Vielleicht habe ich diesen Film mehr als für alle anderen für die deutsche Filmszene gemacht, vor allem für die heutigen deutschen Regisseure, von denen ich viele wirklich gern mag, und noch mehr respektiere. Denen rufe ich gewissermaßen zu: Leute schaut Euch an, was es damals gab, traut Euch mal was! Das Weimarer Kino ist experimentell, ein Kino, das Mut macht, Lust macht, etwas auszuprobieren – es ist toll, weil es realistisch ist, genau hinschaut, und so die Seelenlage und die politische Lage der deutschen Nation widerspiegelt.

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Der Besuch in Nürnberg im Casablanca am Freitagabend war sehr toll. Das Publikumsgespräch dauerte eine Stunde im Kino, dann gings draußen noch locker eine weitere weiter. Von diesen Publikumsgesprächen, nicht nur dem in Nürnberg, werde ich noch einiges mehr erzählen, aber diese Filmtour ist so intensiv, dass ich gerade kaum nachkomme mit Schreiben. Und das journalistische Tagwerk will auch noch getan werden.

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Die Fahrt nach Köln verzögert sich. Seit Montag fahre ich jetzt hin und her durch die Republik, ein Handelsreisender in Sachen Film, und noch keine einzige Zugfahrt ging ohne Verspätung ab. Die Bundesbahn behauptet zwar stur, dass über 98% der Züge pünktlich seien, aber alle Menschen die ich kenne, sitzen in den restlichen zwei. Diesmal hält der Zug zwischen Nürnberg und Frankfurt „wegen einer Stellwerksstörung„. Man muss das immer einkalkulieren und daher konsequent einen Zug zu früh fahren. Wie in Indien.

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Bin dann gerade noch rechtzeitig in Köln in der Filmpalette. Vor dem Kino wartet schon mein engagierter Verleiher, Joachim Kühn von Real Fiction Film. Ich kannte den Verleih zunächst nur als Journalist, und hatte da schon einen guten Eindruck. Jetzt lerne ich alles mal von der anderen Seite kennen – und habe mir schon sagen lassen, dass ich die typischen Regisseursverhaltensweisen an den Tag lege: Zum Beispiel den Verleih immer zu drängeln, immer Angst zu haben, dass der Verleih zu spät in die Gänge kommt. Anfangs hatte ich das tatsächlich, jetzt nicht mehr. Kürzlich, in Oberhausen, habe ich noch ganz andere, bisher verborgene Seiten von Joachim kennengelernt. Er war nämlich mal Filmschauspieler. Vor fast 30 Jahren, 1986 hat er in dem Super-8-Monumentalfilm JESUS – DER FILM von Michael Brynntrup und zwei Handvoll Kollektiv-Filmemacher mitgespielt. Einen von Jesu Jüngern.

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Joachim Kühn von Real Fiction
BVB Aufstellung - Caligari auf Filmtour

Schnell sind wir uns einig, dass wir das Filmgespräch diesmal vor den Film verlegen, weil wir beide das DFB-Pokalfinale gucken wollen. Es gibt ein paar Fragen dazu, wie ich dazu kam, den Film zu machen, knapp 40 Leute sind im Kino. Ich verspreche aber, danach noch einmal vorbeizuschauen. Das hätte ich besser nicht machen sollen, denn beim Stand von 1-0 ging ich, als ich zurück war, stand es 1-1 und so wie das Spiel lief, machte ich mir später Gedanken, ob ich da irgendetwas ausgelöst habe… Hm.

Ein Mitglied vom Kölner Asta-Filmclub spricht mich an, ob sie den Film zeigen dürften. Von mir aus sehr gern. Das Kölner Asta hat ein sehr gemischtes Programm, zeigt SONNENSUCHER von Konrad Wolf und experimentelle kolumbianische Animation, aber auch Wellness-Arthouse wie MONSIEUR CLAUDE…

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Vor dem Zubettgehen lese ich noch, dass Jeanine Meerapfel zur neuen Präsidentin der „Akademie der Künste“ gewählt worden ist. Eine sehr gute Nachricht. Und zwar nicht einmal so sehr, weil „es“ eine Frau ist, sondern weil es eine Filmemacherin ist – die erste neben Konrad Wolf der der Ostberliner AdK 17 Jahre vorstand. Meerapfel ist Nachfolgerin von Klaus Staeck, dessen tolle Ausstellung „Kunst für alle“ noch bis zum 7. Juni, also bis Sonntag läuft. Jeder sollte sie gesehen haben.

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Morgen, am Sonntag geht’s in „die verbotene Stadt“, wie der Kölner sagt: Nach Düsseldorf.

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