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Little Voices
Little Voices

Seit Jahren toben in Kolumbien Bürgerkriege und bewaffnete Konflikte. Leiden müssen darunter vorallem die Kinder des Landes. Jairo Eduardo Carrillo und Oscar Andrade lassen in ihrem Film Little Voices (im Original Pequeñasvoces) ebendiese zu Wort kommen.
Vier Kinder zwischen acht und dreizehn Jahren schildern ihre tragischen Erlebnisse aus ihrer ganz eigenen Sicht. Stellvertretend für mehr als eine Million, allein in Kolumbien, erzählen sie von der heimatlichen und familiären Idylle und deren jähem Ende. So raubt der aufgeflammte bewaffnete Konflikt ihnen große Teile ihrer Kindheit und machte sie zu Halbwaisen, Vertriebenen, oder Kindersoldaten. Eines verliert gar sein rechtes Bein und seinen rechten Arm durch eine Bombe. Immer wieder wechselt der Film zwischen den Geschichten der Kinder und teilt sie in immer grausamer werdende Episoden. Trotzdem blicken sie, bei allem Grauen das ihnen widerfahren ist, am Ende des Filmes mit kindlichem Optimismus nach vorne und offenbaren auf beeindruckende Art und Weise auch Hoffnungen, Wünsche und Ziele für die Zukunft.
Das auffälligste Merkmal von Little Voices ist nicht, dass Kinder zu Wort kommen, sondern deren Einbindung in die visuelle Gestaltung des Films. So besteht der Film zu großen Teilen aus animierten Kinderzeichnungen, die, gemischt mit zusätzlich gezeichneten und animierten Elementen, einen extrem eigenen, für Manchen gewiss gewöhnungsbedürftigen Stil ergeben. Doch gerade diese unkonventionelle Optik, die den Kindern die Möglichkeit gibt, das von ihnen gesehene und erlebte in Bilder zu fassen und selbst in den Film einzubringen, macht den Film so interessant. Der Zuschauer fühlt sich in ein buntes, kindlich naives Paralleluniversum versetzt und wird von den einzelnen Kindern in deren Welt mitgenommen, um die oft unfassbar grausamen Schrecken des Krieges aus deren Perspektive wahrnehmen zu können. Selbstverständlich wird auf blutige und optisch verstörende Bilder, die man aus üblichen Kriegsfilmen kennt, verzichtet. Little Voicesist dadurch jedoch nicht weniger fesselnd und eindrucksvoll. Im Gegenteil, die ungewohnte und vorallem verhältnismäßig unparteiische, trotz der Grausamkeit naive und beinahe nüchterne Perspektive, aus der die Kriegsschrecken wahrgenommen werden, machen die Eindrücke noch wesentlich effektvoller und packender. Einige Szenen, die mitten in die Idylle hereinstoßen schocken trotz oder gerade wegen der kindlichen Aufmachung mehr als mancher Live-Action Kriegsfilm. Ähnlich verhält es sich mit der zum Ende des Films aufkeimenden Hoffnung und den verbliebenen Zielen der Kinder. Der Stil des Filmes erlaubt es auch dem erwachsenen Zuschauer auf beeindruckende Weise, sich in die Perspektive und das Empfinden der jungen Erzähler hineinzuversetzen und eröffnet ihm eine extrem berührende oft traurige jedoch auch stets optimistische Sichtweise.
So trifft Little Voices gerade durch seine unkonventionelle Machart einen Nerv und kann aus seiner ungewöhnlichen Perspektive, das Leiden, dem die Kinder ausgesetzt sind durch den andauernden Krieg, nicht nur in Kolumbien, unglaublich greifbar machen. Denn noch heute sind trotz der teilweisen Abrüstung der Paramilitärs, Mord und bewaffnete Konflikte in Kolumbien an der Tagesordnung und zerstören nach wie vor Leben und verhindern das unbeschwerte Aufwachsen der Kinder, deren Geschichten Little Voices zu einem Film machen, der seinesgleichen sucht.

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