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Hanna Doose ist Regisseurin, ihr erster Langfilm STAUB AUF UNSEREN HERZEN mit Susanne Lothar in der Hauptrolle gewann gleich drei Preise beim Filmfest München – u.a. den Förderpreis Neues Deutsches Kino für die beste Regie – und wurde vor wenigen Tagen mit dem First Steps Award ausgezeichnet.

Mit ihrem Erlebnisbericht vom Filmfest in Locarno gewähren wir Euch einen weiteren stellvertretenden Einblick in eine Generation von jungen deutschen Filmschaffenden:


Mit dem Zelt zum Filmfestival

Es ist ein Mittwochabend im Sommer in Berlin. Mein Freund Markus zwingt mich dazu, in unserer Kreuzberger Wohnung im Wohnzimmer unser Zelt aufzubauen.
Zuerst maule ich, ich bin müde und denke: Das ist doch übertriebene Sorgfalt! Schließlich bin ich aber doch etwas nervös, weil ich zum ersten Mal alleine zelten werde und ich sehe ein, dass es vielleicht ganz schlau ist, jetzt zu checken, ob dieses Zelt überhaupt noch funktionsfähig ist.

In drei Tagen werde ich morgens ganz früh mit dem Flieger in die Schweiz nach Locarno zum Filmfest aufbrechen. Die Gerüchte um dieses von allen Seiten so begeistert umschwärmte Festival haben sich bestätigt: Es gibt schon seit Wochen keine Unterkünfte mehr und wenn, dann sind sie nicht zu bezahlen.

Es ist also klar: Ich muss auf den Zeltplatz. Allerdings soll auch der 50 Euro pro Nacht und Person kosten! Selbst mein Kumpel Martin Heisler, Produzent bei Lichtblick media in Berlin – der sogar einen Film in Locarno laufen hat! -, wird mit seiner Kollegin Gabi Simon auf dem Zeltplatz absteigen. Martin und ich haben abgesprochen, dass ich ihn auf dem Flughafen in Mailand treffen soll, von wo aus es mit dem Festival Shuttle weiter nach Locarno geht.
Martin Heisler kenne ich vom Studium an der dffb, wo er ein Jahr über mir Produktion studiert hat. Er hat sich nicht annähernd so viele Jahre wie ich Zeit gelassen und ist direkt nach dem Studium bei Lichtblick media als Geschäftsführer eingestiegen, hat für die Produktionsfirma das Berliner Büro eröffnet. Mit David Sievekings DAVID WANTS TO FLY hat er bereits einen sehr erfolgreichen Dokumentarfilm produziert, der seine Premiere im Panorama der Berlinale 2010 feierte.

Während ich also letzten Samstag morgens um 6 Uhr in der Abflughalle in Tegel warte, dass sie das Gate aufmachen, sehe ich plötzlich Judith Kahveci, die ich auch vom gemeinsamen Regiestudium an der dffb kenne! Ich stürme auf sie zu und wir liegen uns sofort in den Armen – ab jetzt wird bis Ankunft Locarno non Stopp durchgequatscht. Judith hat als einzige Deutsche einen Kurzfilm in Locarno laufen, ÜBER RAUHEM GRUND. Sie nennt sich selbst Youdid, das ist ihr Künstlername, als Regisseurin. Also mache ich das ab jetzt auch.

Youdid und ich warten in Mailand nun auf Martin. Als ich ihn endlich entdecke, begrüßt er mich mit den Worten: „Ich hab mein Zelt in Düsseldorf beim security check liegen lassen!“ Es stellt sich heraus, dass ich dann wohl am besten mit seiner Kollegin Gabi ein Zelt teile… Dafür würde ich dann auch nix zahlen müssen. Finde ich einen guten Deal!
Hier am Flughafen treffen wir auch auf Malte Sieveking, er ist der Vater von David Sieveking, dem Regisseur von VERGISS MEIN NICHT, den Martin produziert hat. Der Film wird jetzt in Locarno seine Welturaufführung feiern. Es ist ein Dokumentarfilm über Davids Mutter Gretel, Maltes Frau, die an Alzheimer erkrankt ist und von Sohn und Mann bis zu ihrem Tod gepflegt und begleitet wurde.
Ich hatte bereits vor einigen Monaten einen Rohschnitt des Films sehen dürfen und war schon damals begeistert von dem mutigen, ganz persönlichen und unglaublich berührenden Material. Malte spielt im Film natürlich eine tragende Rolle. Und ich freue mich sehr ihn zu treffen. Ich habe das Gefühl, ihn durch den Film schon richtig zu kennen.

Vom Flughafen Mailand geht es mit vielen anderen Filmemachern im Shuttle nach Locarno. Endlich angekommen, erschlägt uns eine Hitzewelle. Und wir treffen auf den Rest der VERGISS MEIN NICHT-Filmtruppe. David, der Regisseur, hat auch seine Freundin Jessica De Rooij mitgebracht, die Komponistin ist und den Soundtrack zum Film gemacht hat. Außerdem ist natürlich Adrian Stähli dabei, der Kameramann, für den das als Schweizer hier ein Heimspiel ist.
Erstmal müssen die Filmemacher-Akkreditierungen geholt werden, mit denen wir in alle Vorstellungen rein kommen, Plakate aufgehängt werden und vor allem endlich mal was gegessen werden!
Als ich die Speisekarte öffne, wird nochmals klar, dass das hier kein billiger Spaß wird. Es ist fast unmöglich pro Mahl unter 20€ weg zu kommen und dabei auch noch satt zu werden!
Die Luft ist unerträglich schwül und ich sehe mal wieder Schwarz: Wie es das Schicksal will, dürfen wir wahrscheinlich gleich im Sturzregen unsere Zelte aufbauen… Aber vorher müssen wir noch abklären, wer mit welchem Auto wohin fährt und wer sich wann wieder trifft. Ich finde es angenehm, einfach nur blinder Passier sein zu dürfen und mal ein anderes Filmteam dabei zu beobachten wie die sich so organisieren. Amüsiere mich bestens, weil es mich so an die Zeit mit meinem Team kürzlich auf dem Münchner Filmfest erinnert, wo mein erster langer Spielfilm STAUB AUF UNSEREN HERZEN (Abschlussfilm dffb) seine Weltpremiere feierte.

Die Gruppe teilt sich auf und ein paar von uns setzen sich langsam in Richtung Auto von Adrian, dem Schweizer Kameramann, in Bewegung. Während ich versuche, den Mini-Terrier von Adrians Freundin durch die Straßen zu dirigieren, ohne auf ihn drauf zu treten, schleppt Martin freundlicherweise mein Gepäck.
Mittlerweile grummelt es gefährlich, dunkle Wolken sind aufgezogen und es fängt an zu regnen. Wir fahren allerdings immer noch nicht zum Zeltplatz sondern nur geschlagene 50 Meter weit, um uns wieder mit den anderen zu treffen. Aus wie sich schließlich herausstellt für alle Beteiligten völlig unerfindlichen Gründen werden noch mal Autos getauscht.
Endlich stehen Martin, Gabi und ich in der Anmeldeschlange vom Zeltplatz und warten im Regen. Wir bekommen einen Platz direkt am See, dem Lago Maggiore! Und irgendwie haben wir vergessen, dass man bei Gewitter nicht baden soll, also alle noch mal rein ins Wasser. Unglaubliches Panorama: Man schwimmt vor einer wunderschönen grünen Bergkulisse.

Und auf geht es zum ersten Film. Es schüttet wie aus Eimern, und ich renne mit Gabi und mit unseren Schirmen bewaffnet durch Locarno zum Kino.
In der Semaine de la critique, einer traditionsreichen Reihe des Festivals, die sieben Dokumentarfilme zeigt, gucken wir CAMP 14 – TOTAL CONTROL ZONE von Marc Wiese.

Das Filmfest Locarno ist ja vor allem bekannt für die „Piazza“ Vorführungen. Das heißt auf dem malerischen Platz in der Mitte des Städtchens, umgeben von herrschaftlichen bunten Häusern können ca. 5.000 Menschen gemeinsam einen Film schauen! Jeden Abend ist der Platz brechend voll und man muss mindestens eine Stunde vor Vorstellungsbeginn da sein, um noch einen guten Sitzplatz zu ergattern.
An meinem ersten „Piazza“ Abend wird vor dem eigentlichen Film der Ehrenpreis an den großen Produzenten Arnon Milchan verliehen. Er hat Filme wie PRETTY WOMAN, L.A. CONFIDENTAL, ONCE UPON A TIME IN AMERICA und FIGHT CLUB produziert. Während der Zeremonie werden Fotos aus seinen Filmen an die Häuserwände projiziert. Es ist eine unglaubliche Stimmung!
Man spürt wie all die Tausende von Zuschauern sich freuen heute Abend hier zu sein, während Brad Pitt und Julia Roberts uns von den Wänden betören… Muss das ein Gefühl sein, wenn man solche Filme gemacht hat!
Arnon Milchan ist ein äußerst charismatischer älterer Mann, der sofort alle in seinen Bann zieht, als er auf der Bühne erscheint. Er erzählt, wie es war, als er den Anruf erhalten hat, dass ihm dieses Jahr der Ehrenpreis für sein Werk in Locarno verliehen werden soll. Da dachte er: Nicht schon wieder auf ein Festival! Man versteht – bei dieser Karriere, bei diesen Filmen; sicher sind diese Verleihungen nichts, was ihn noch locken könnte… Er macht eine Pause und blickt in die riesige Zuschauermenge. Alle starren ihn an. Die Kamera macht eine Großaufnahme von seinem Gesicht und wir sehen es riesengroß auf der Leinwand. Plötzlich füllen sich seine Augen mit Tränen.
Er sagt, er hätte es nie erwartet, aber jetzt hier vor uns zu stehen, das sei der Höhepunkt seiner Karriere. Er sei so unendlich dankbar und glücklich, dass wir alle gekommen sind. Er weint und spätestens jetzt hat er alle Herzen hier erobert. Er fragt, ob wir ihm auch etwas sagen möchten? Ein Raunen geht durch die Menge. Plötzlich meldet sich eine Frau aus den vorderen Reihen und sie darf auf die Bühne kommen.
Arnon Milchan und die Frau, die uns als Publikum vertritt, stehen sich nun gegenüber. Sie sagt: „I just wanted to give you a hug.“ Und Arnon öffnet die Arme.
Die Frau versinkt in seiner Umarmung und Arnon weint.
Mich bewegt diese Szene sehr, weil sie mir zeigt, wie groß das Kino ist! Dieser unglaublich erfolgreiche Produzent hat ein großes Herz und er hat die Fähigkeit, die Menschen zu berühren, durch seine authentische, ehrliche Art. Er bezieht uns mit ein, er lässt uns Teil haben an seinen Emotionen, so dass wir das Gefühl haben, wir sind mittendrin, wir sind dabei. Und genau das schaffen Filme!

 

Seelenkontrolle

Marc Wieses Dokumentarfilm CAMP 14 – TOTAL CONTROL ZONE beeindruckt mich nachhaltig.
Ich bin tief schockiert über die Fakten, die mir so nicht bewusst waren: Über 200.000 Menschen sind zum Teil schon seit Jahrzehnten in nordkoreanischen Arbeits- und Umerziehungslagern inhaftiert. Die Regeln in diesen Lagern sind ganz klar: Arbeiten (meist in Mienen) und totaler Gehorsam. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird bestraft, meist sofort mit dem Tod!

Shin Dong-Hyuk wird am 19. November 1983 als Kind zweier Häftlinge in dem nordkoreanischen Umerziehungslager Camp 14 geboren. Vom Tage seiner Geburt an war er ein politischer Gefangener. Seine gesamte Kindheit und Jugend verbringt er in dem Straflager der härtesten Kategorie: Zwangsarbeit seit seinem 6. Lebensjahr, Hunger, Schläge und Folter bestimmen seinen Alltag. Ständig sind die Häftlinge der Willkür der Wärter ausgesetzt und vom Tode bedroht. Shin hat keine Ahnung von der Welt außerhalb der Stacheldrahtzäune. Shin glaubt, dass alle Menschen so leben würden. Erst mit 23 Jahren gelingt ihm durch einen Zufall die Flucht. Eine monatelange Odyssee führt ihn durch Nordkorea nach China und schließlich nach Südkorea. Dort betritt er eine Welt, die ihm völlig unbekannt ist.“ Soweit die offizielle Synopsis des Films.

Marc Wiese hat nach einer Zeitungsnachricht seinen Protagonisten aufgespürt, der jetzt in Südkorea lebt, und führt bewegende Gespräche mit ihm. Untermauert werden die Erinnerungen des jungen Mannes mit ganz schlichten und dabei unglaublich eindrücklichen Zeichnungen, die zum Teil animiert sind.
Auch lässt Marc Wiese zwei ehemalige Wächter zu Wort kommen, bei denen einem die Zerrissenheit zwischen dem unerträglichen Bewusstsein ihrer tiefen Schuld und dem Bedürfnis zu verdrängen und zu vergessen, ins Auge springt.
Shin Dong Huyk:
Wir lebten dort lediglich, um die Regeln des Arbeitslagers zu befolgen und am Ende unseres Lebens den Tod zu empfangen. Solch einen Ort bezeichnen die Wärter als „Total Control Zone“. Wir wussten nichts von der Außenwelt. Wir wussten nur, dass unsere Eltern und Vorfahren sich schuldig gemacht hatten und wir deswegen fleißig arbeiten müssen, um diese Schuld zu bereinigen. Nie sah ich, dass jemanden die Strafe erlassen wurde und er das Arbeitslager verließ. Daher dachte keiner von uns, dass wir diesen Ort je verlassen werden. Es gab manchmal Menschen, die aus Angst vor Schlägen und aus Hunger Fluchtversuche unternahmen, aber sie wurden zum Hassobjekt der Hinterbliebenen und empfingen auf einem öffentlichen Hinrichtungsplatz den Tod.

Im Alter von 14 Jahren wird Shin Dong Huyk Zeuge von einem Gespräch zwischen seinem älteren Bruder und seiner Mutter, wo es um die Fluchtpläne des Bruders geht.
Er beobachtet wie die Mutter dem Bruder eine Schale kostbarsten Reis zubereitet, den sie ihrem jüngeren Sohn noch nie gegeben hat! Shin ist eifersüchtig, fühlt sich wahrscheinlich auch ausgeschlossen und hintergangen, schließlich glaubt er an das System des Lagers und weiß sofort, was er tun muss. Er läuft zu seinem Lehrer und verrät die Fluchtpläne seines Bruders!
Was muss in diesem Kind vorgehen, wie sehr hat hier eine Gehirnwäsche gegriffen, dass er fähig ist, seine eigene Familie zu verraten, wo völlig klar ist, dass sie damit ihr Leben verwirkt haben!?

Sieben Monate lang wird Shing eingesperrt und anfangs schwer gefoltert. Er überlebt nur dank eines alten Mannes in seiner Zelle, der sich seiner annimmt und seine Wunden pflegt. Shing sagt später, es sei die erste wirkliche Zuneigung, Nähe gewesen, die er bekommen und empfunden hat…
Ich verstehe nicht, wie das Familienleben in diesem Lager stattgefunden hat. Ob Eltern und Kinder so sehr voneinander getrennt waren; man bewusst versucht hat, keine Bindungen zwischen ihnen entstehen zu lassen? Ich kann mir einfach nicht richtig vorstellen wie man einem System näher stehen kann, als den eigenen Familienmitgliedern. Der Film lässt dies offen. Dafür gibt es ja auch keine einfache Antwort.
Aber mich beschäftigt die Frage danach, wie die Familie miteinander gelebt hat, wie das Familienleben im Lager aussah, so sehr, dass mir die Auseinandersetzung damit im Film doch fehlt.

Nach der Zeit im Gefängnis wird Shing gemeinsam mit seinem Vater, den er hier erstmals wieder sieht, und der auch gefoltert und eingesperrt worden war, zum Exekutionsplatz des Lagers gefahren. Vor seinen Augen werden hier jetzt seine Mutter und sein Bruder erhängt. Shing Dong erinnert sich, dass er nicht geweint hat. Ihm fielen die Tränen seines Vaters auf, aber er glaubte damals noch, dass „den Verrätern“ die Strafe recht geschehe…
Shing Dong stockt immer wieder die Stimme, wenn er versucht vor der Kamera von seinen grauenvollen Erinnerungen zu berichten und manchmal bittet er um eine Pause, wenn es gar nicht mehr weiter geht. Er habe nicht gelernt zu weinen, wenn die eigene Mutter exekutiert wird, aber er habe gelernt zu berichten, wenn jemand ungehorsam ist.

Mit Anfang 20 lernt Shing einen neuen Häftling kennen, der ihm zum ersten Mal von einer Welt außerhalb des Lagers berichtet. Der junge Mann kann sich die unglaublichen Geschichten nicht richtig vorstellen, aber was sofort sein Interesse weckt, ist die Nahrung! Es soll unterschiedliches köstliches Essen geben und nicht wie hier jeden Tag nur Mais. Schließlich fasst er einen Entschluss und will mit dem älteren Häftling fliehen.
Doch dieser stirbt an dem elektrischen Zaun, der das Lager umgibt. Er fällt so in den Zaun hinein, dass Shing unversehrt über den leblosen Körper seines Kameraden klettern und ungesehen in der Nacht verschwinden kann.
Seine abenteuerliche Flucht bringt ihn nach China, von wo aus er nach Südkorea gelangt.

Heute reist Shing Dong für Menschrechtsorganisationen um die ganze Welt, um von dem Schicksal der Häftlinge in Nordkorea zu berichten. Er hält Vorträge auch vor den höchsten Politikern und wirkt dabei sehr professionell, sympathisch und zurückhaltend. Ich bewundere ihn für diese Stärke. Doch im Inneren des jungen Mannes sieht es leider ganz anders aus: Shing fühlt sich unfähig in unserer Welt zurecht zu kommen. Er sagt, das Leben im Lager sei im Vergleich zu dem in unserer Welt so viel unkomplizierter gewesen. Dort war alles klar, die Regeln gaben alles vor, auch wenn es ein hartes Leben war. Hier gehe alles nur ums Geld, und ihm wachsen all die verschiedenen Probleme über den Kopf. Er sehnt sich nach der Zeit, wo sein Herz noch „rein und unschuldig“ war…

Er vermisst seine Heimat und das ist eben das Lager! Ich kann es kaum fassen und doch ist es so: Shing sagt, er wolle nichts mehr, als zurückkehren und ein ganz einfaches Leben führen, Gemüse anbauen, wenn es sein muss auch einfach nur Mais. Das finde ich das Allerschlimmste an seinem Schicksal, dass sie es wirklich geschafft haben, ihn für immer an ihr krankes System zu binden! Shing Dong lebt in Freiheit, aber sein Geist ist (noch) nicht frei!
„Mit dem Körper bin ich hier, aber mein Geist ist im Lager geblieben.“

 

Vergiss mein nicht

Die Weltpremiere von VERGISS MEIN NICHT auf dem Filmfest Locarno in der Reihe Semaine de la critique ist ein irres Erlebnis! Nach dem Film gibt es standing ovations, so begeistert und ergriffen ist das Publikum.

Auch VERGISS MEIN NICHT wirft für mich wieder viele Fragen zum Thema Familie auf und dieses Mal bekomme ich Antworten. David Sieveking begleitet gemeinsam mit seinem Kameramann Adrian Stähli die letzten Jahre seiner Alzheimer-kranken Mutter, Gretel. Der Film beschreibt wie die Familie mit der immer schlimmer auftretenden Vergesslichkeit und schließlich völligen Hilflosigkeit Gretels umgeht und wie sich Ehemann Malte Sieveking und Sohn David einer neuen Beziehung mit Gretel öffnen.
David macht diesen Film, weil er wissen möchte: Wer war meine Mutter und was weiß ich alles nicht über meine Familie?
Er geht auf eine unglaublich behutsame, geduldige und liebevolle Weise mit seiner Mutter um, ist also auch vor der Kamera ständig präsent. Ihm und seinem Kameramann Adrian gelingt es urkomische und herzzerreißende Momente einzufangen, bei denen man gleichzeitig weinen und lachen muss.
Der Film handelt natürlich zwangsläufig auch vom Leid dieser Familie, aber niemals vordergründig, sondern er erzählt von einer wunderbaren Frau, ihren Zielen und Vorstellungen vom Leben und ihrer Partnerschaft zu ihrem Mann Malte. Für mich ist es so, als erleben Gretel und Malte noch einmal eine ganz späte Liebe, die erst mit Auftreten der Krankheit beginnt!

Ich habe die Ehre im Kino neben Malte Sieveking zu sitzen und während wir warten bis sich der Kinosaal füllt, führe ich noch schnell ein kleines Interview mit ihm.
Hanna: Wie fühlst Du Dich?
Malte: Das ist ja eine saudumme Frage.
Hanna: Warum?
Malte: Das hat nix mit der Sache zu tun. Vielleicht sollte ich jetzt mal aufs Klo. Das ist alles unwichtig…
Hanna: Was ist denn wichtig?
Malte: Was der Film zeigt und wie der Film vom Publikum aufgenommen wird.
Und was die Produktion, das Machen des Films bewirkt hat. Was das auch an Zuwendung für Gretel bedeutet hat. Der Film hat mein Leben verändert. Jetzt kannst du dich zurück lehnen und die Schönheit der Bilder genießen… Anders als im alltäglichen Leben, wo man die ganze Zeit irgendwelchen Zielen hinterher rennt. Der Film war für Gretel wie eine Therapie und nur so konnte David auch so viel mit ihr machen. „Show“ ist wichtig! Man behandelt Leute anders, wenn man Publikum hat. Dann gibst Du Dir Mühe. Ich selbst lerne am liebsten auch was durch Abgucken. Wenn zum Beispiel eine meiner beiden Töchter Gretel besonders gut und liebevoll behandelt hat, versuchte ich mir das ab zu gucken.
Hanna: Wie standest Du anfangs zu der Idee einen Film über Gretel, über Euch zu machen?
Malte: Gretel und ich fanden das gut! Die Familie war insgesamt aber geteilter Ansicht. Eine meiner beiden Töchter findet, dass private Dinge nicht an die Öffentlichkeit gehören. Das habe ich versucht nach zu fühlen, damit kein Konflikt entsteht.

Jetzt wird David nach vorne gerufen, um seinen Film vorzustellen. Er erzählt wie er früher gefragt wurde, woran er gerade arbeite und er immer antwortete, er mache einen Film über seine Alzheimer-kranke Mutter. Die Leute bekundeten daraufhin ihr Bedauern: „Oh Gott, wie schlimm!“ Und er: „Nein ist es nicht…“ Und die: „Doch.“ Er: „Nein, es ist anders…“
Und heute möchte er uns zeigen, wie „anders“ es war.

Der Film beginnt. Ich habe hier einige Situationen beschrieben, die mich besonders berührt haben. Nicht weil sie die dramatischsten Momente sind, sondern weil sie beschreiben, was Gretel mit und durch ihre Krankheit für eine Bereicherung war.
Wenn man die Welt durch ihre Augen sieht, kommen einem die Dinge wieder neu vor.

David, Malte und Gretel sitzen beim gemeinsamen Essen auf der Terrasse. Gretel fragt, ob sie das einfach so essen soll, was da auf ihrem Teller liegt. Ob die Tomate das möchte? Liebevoll und geduldig, und auch amüsiert erklären Malte und David ihr, dass sie die Tomate sehr wohl essen kann… Gretel findet das komisch, es verwundert und belustig sie zugleich. Als Malte sie bittet auch noch die Tablette zu essen, die neben ihrem Teller liegt, gibt sie sie ihm und sagt: „Iss du die doch.“
Malte muss lachen, aber man spürt hinter der Reaktion auch eine tiefe Trauer und über den geistigen Verfall seiner Frau.

Eine Diskussion zwischen David und Gretel am Frühstückstisch: David erklärt ihr, dass sie seit über 25 Jahren mit ihrem Mann Malte in diesem Haus lebt und drei Kinder hat, davon sei er, David, ihr Jüngster. Gretel findet das spannend und kann es kaum glauben! Sie versucht es zu verstehen und fragt nach: „Wer ist Malte?“ David erklärt.
Sie: „Dein Mann?“ David: „Nein, dein Mann.“ Gretel: „Dann bist du der Vater?“ David: „Nein.“ Gretel: „Die Mutter?“ David: „Nein, das bist doch du…“

Während sein Vater sich endlich eine Auszeit gönnt und für einige Wochen verreist, übernimmt David die Pflege seiner Mutter. Er versucht sie mit seinem frischen Elan zu motivieren, wobei er sehr viel Geduld beweisen muss. Gretel ist meist einfach nur müde, möchte liegen, die Augen geschlossen halten und nicht gestört werden. Doch hin und wieder schafft David es, sie aus ihrer Lethargie zu reißen und dann hat sie auch immer wieder erstaunliche Geistesblitze.
Einmal machen sie zusammen Musik, David spielt Gitarre und singt und wie als sei es das natürlichste von der Welt für sie, schnalzt Gretel laut im Takt mit der Zunge.

David beschließt sogar mit ihr Schwimmen zu gehen. Als die beiden sich dem Becken nähern, kommt ihnen ein kleiner Junge mit Taucherbrille entgegen. Gretel bemerkt: „Den kann man doch nicht da rein schmeißen!“
David versucht vergebens, seine Mutter zu überreden, die letzten Stufen ins Wasser zu gehen, aber Gretel hat Angst. Sie fragt: „Können wir uns irgendwo anders hin setzen, wo wir nicht sterben?“

David ist am Ende seiner Kräfte. Es sieht so aus als könnte er nun doch aufgeben, seine Mutter immer wieder zu motivieren. Beide sitzen im Wohnzimmer. David stützt den Kopf in die Hände. Plötzlich fragt Gretel: „Wie geht´s dir?“
Es ist das erste Mal, dass sie ihn das fragt!
David: „Nicht so gut.“ Gretel: „Oh… kommst du mit?“ David: „Wohin?“
Gretel: „Nach Stuttgart, das ist alles was ich habe…“
In Stuttgart hat Gretel ihre Kindheit verbracht und dort lebt noch ihre älteste Schwester! Sofort weiß David, was zu tun ist: Er packt Koffer und sie machen sich im Auto auf nach Stuttgart. Die Schwester zeigt Gretel Fotos aus der Kindheit, wo auch ihr Vater drauf zu sehen ist, der im Krieg gefallen ist. Plötzlich leuchten Gretels Augen wieder, an ihren Vater und seine Liebe kann sie sich noch sehr gut erinnern.

Weiter geht die Reise von Mutter und Sohn in die Schweiz, wo Malte Urlaub macht.
Unterwegs fragt Gretel öfter nach ihm. David sagt ihr: „Ich bin dein Sohn, ich bin hier. Malte ist im Ausland.“ Gretel dazu: „Schrecklich ist das!“
Als sie in der Schweiz bei Malte ankommen, empfängt der Gretel voller Freude mit ausgebreiteten Armen. Auch Gretel freut sich sichtlich, aber sie weiß nicht so recht wie ihr geschieht.
Malte: „Gretel, ich bin dein Mann.“ Gretel sieht sich nach David um: „Ich hab einen neuen Mann.“ Vater und Sohn müssen lachen und auch Gretel stimmt mit ein. Später sitzen sie in der Sonne und Gretel tätschelt Maltes Hand. Sie fragt David: „Wie heißt er denn?“

Es ist wunderschön zu sehen wie gut die Liebe dieser beiden Männer Gretel tut. Ich hätte nie zu hoffen gewagt, dass sie noch einmal so aufblühen würde, nachdem man Gretel am Anfang des Films gesehen hat wie sie sich gegen jede Art der Kontaktaufnahme tot gestellt hat. Aber Körper und Geist haben wieder richtige Fortschritte gemacht! Man merkt wie wohl sie sich in der Gesellschaft von David und Malte fühlt, weil sie plötzlich wieder von selbst erzählt und ganz selbstbewusst nachfragt, wenn ihr etwas wunderlich vorkommt.

Je mehr Gretel das Gedächtnis verliert, desto mehr deckt der Film über ihr Leben, über ihre Beziehung zu ihrem Mann Malte auf.
Beide waren immer schon sehr selbstbewusste, charismatische Typen und wollten eine Partnerschaft führen, in der es auch erlaubt war, etwas mit anderen zu haben, ohne Eifersucht! Nach außen hin wirkt dieses Konzept total cool und sehr reif. Aber welche Gefühle sich wirklich bei beiden Partnern über die Jahre angestaut hatten, kommt zum Teil erst jetzt zu Tage.
Am Schluss des Films fasst Malte sich ein Herz und liest Gretels alte Tagebücher. Er erfährt, dass seine Affären sie doch verletzten haben und sie gelitten hat, obwohl sie das nie gezeigt hatte.
Malte wird klar, er hatte das „gemeinsame Projekt“ nicht erkannt: Gretel hätte alles gemacht für die Familie, für den Deal, dass sie zusammen Kinder großziehen wollten, zusammen bleiben wollten!
Malte hat die Erkenntnis, dass er ihr Unrecht getan hat. Er glaubt, dass sie nicht die Liebe bekommen hat, die sie verdient hätte. Aber er sieht jetzt seine Chance, ihr das zurück zu geben, was ihr früher gefehlt haben könnte.

Plötzlich sagt Gretel zu Malte: „Ich liebe Dich“.
Es ist klar, dass sie das nicht aus Verwirrung sagt, sondern aus dem echten und wahren Gefühl heraus.
Und Malte nimmt es an. Er sagt: „Die Dinge werden jetzt auf den Punkt gebracht.“
Am Ende des Films sehen wir wie eine der beiden Töchter sich mit Malte darüber austauscht wie schwer es ihr fällt, die Mutter, ihren Geist gehen zu lassen. Sie kann die Tränen nicht mehr unterdrücken. Das sei doch wie ein Abschied auf Raten!
Der Vater nimmt sein erwachsenes Kind in die Arme.
Plötzlich tritt David ins Bild. Mit der Tonangel und seinen Kopfhörern auf dem Kopf umarmt er seinen Vater und seine Schwester. Und gemeinsam weinen sie.

Zuletzt sehen wir David im Zug. Er schaut aus dem Fenster und wir hören seine Stimme aus dem Off: „Der gute Geist meiner Mutter begleitet mich und zeigt mir, wo es lang geht.“

Am Samstag, den 11. August wird VERGISS MEIN NICHT als bester Film aus der Reihe Semaine de la critique auf dem Filmfest Locarno 2012 ausgezeichnet.

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