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Macbeth’s Creed – Cannes-Blog, 11te Folge

von | 23 Mai 2015 | Cannes 2015 | 0 Kommentare

Trockeneiskino und Schmuddel-Shakespeare, Cannes vor dem Bundesliga-Finale

„Scheiß Bayern!“ – Jochen Laube ist nicht nur ein menschlich, wie fachlich sehr geschätzter Produzent aus Ludwigsburg, einst bei TeamWorx, noch bei Ufa-Fiction, und sehr bald selbstständig, er ist auch Fan des VfB Stuttgart. Und weil sein Verein vor einer Woche plötzlich in wenigen Minuten wieder von einem Nichtabstiegsplatz auf den drittletzten Rang rutschte und an diesem Samstag nicht verlieren darf, und weil all das ohne eigenes Zutun geschah, durch die Unfähigkeit der Augsburger und vor allem durch das Desinteresse des FC Bayern, denen die Bundesliga plötzlich wurscht geworden ist, war er am letzten Samstag schwer genervt. Zu recht. Denn das einzige Triple, das der FC Bayern unter Guardiola geholt hat, sind die drei Niederlagen der letzten Wochen, mit denen die Bayern kräftig in den Kampf um Nichtabstieg und Europaleague-Qualifikation eingegriffen haben. Glücklicherweise hat der Fußballgott sie für diesen Schongangfußball bereits bestraft.

Letzte Woche erst hatte ich, als ich über MAD MAX schrieb, in der Erinnerung an 1985 auch Dieter Schatzschneider erwähnt, der mal ein paar Jahre lang Rekordtorjäger von Hannover 96 war. Lustigerweise sorgte gerade jener Schatzschneider diese Woche für Schlagzeilen, die bis nach Cannes vordrangen, weil er den FC Bayern aus den gleichen vorgenannten Gründen einen „Piss-Verein“ nannte, ein Ausdruck, den ich zwar nicht verwenden würde, den ich aber für vollkommen erlaubt halte.

Nur macht in unseren Tagen der Tugendterror und die sprachliche Correctness ja auch vor dem Fußball nicht halt. Daher hat man bei Hannover Schatzschneider jetzt erstmal öffentlich gemaßregelt – obwohl wir alle sicher sein können, dass Hannovers Präsident und sein Manager das hinter vorgehaltener Hand ganz genauso sehen.

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Zum diesjährigen Festivalgefühl gehört auch, dass die Luft diesmal relativ früh raus ist. Bereits am Donnerstag hatte man das Gefühl, dass in Cannes sonst erst samstags eintritt: Dass jetzt das Festival vorbei ist. Darum können wir uns heute Nachmittag ganz auf die Radio-Live-Übertragung (ich bevorzuge da WDR 2) und auf die allgemein bekannten russischen Live-Streams des letzten Bundesliga-Spieltags konzentrieren. Meine Sympathie gilt da einmal dem VfB, schon wegen Jochen und auch wegen Peter Rommel, der nicht weniger VfB-Fan ist als dieser, aber immer gern mal damit kokettiert, dass ihn „der VfB jetzt einfach überhaupt nicht mehr interessiert“ (zuletzt Anfang Februar in Rotterdam). Ich geb‘ aber gern zu, dass ich noch ein bisschen mehr dem HSV die Daumen drücke, und hoffe, dass es bei denen zumindest für die Relegation reicht. Sorry Freiburg, sorry vor allem Hannover, denen ich heute schon deshalb den Direktabstieg wünsche, weil ihr Präsident Martin Kind dem Traditionsclub eine Industrie-Struktur überstülpen will, wie sie sonst nur Leverkusen, Wolfsburg und Hoppenheim haben – um dann selbst der Provinzoligarch von Hannover zu werden.

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In Cannes ist heute wenig zu erwarten. Allgemein bereitet man sich auf die Preisverleihungen am Samstag und vor allem am Sonntagabend vor. Am Samstag laufen nur Wiederholungen und die Preisgewinner der Nebensektionen. Am Sonntag wird der komplette Wettbewerb wiederholt, da werde ich zwei Filme nachholen, und unter Umständen – je nach Programmierung – noch den einen oder anderen Film ein zweites Mal angucken. Der letzte Wettbewerbsfilm ist MACBETH, die Verfilmung des Shakespeare-Stücks durch einen Herren namens Justin Kurzel. Von dem hat man bisher noch nicht viel gehört, und wer MACBETH jetzt gesehen hat, weiß auch warum.

Kurzel ist Australier, und war 2011 auf dem Fantasy Festival mit THE SNOWTOWN MURDERS verteten, der bei der US-Kritik recht gut ankam. Als nächstes wird er den Game-Blockbuster ASSASSIN’S CREED in ein Kinogewand pressen. MACBETH dient ihm da offenbar zum Üben – kaum die richtige Voraussetzung, um in Konkurrenz mit den MACBETH-Verfilmungen von Orson Welles und Roman Polanski zu treten. Kurioserweise sind für ASSASSIN’S CREED mit Michael Fassbender und Marion Cotillard die gleichen Hauptdarsteller gelistet, wie bei MACBETH. Das wird ja was werden.

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MACBETH CANNES

Die Pressevorführung von MACBETH begann unerwartet lustig: Seit Jahren ist es ein längst müder Gag, dass vor mindestens jeder zweiten Wettbewerbsvorführung ins kurze Dunkel nach dem Cannes-Trailer irgendeiner laut „Raoooouuuul!!!“ in den Saal brüllt. Wieso, und wer damit gemeint ist, weiß ich nicht, das begann schon vor meiner Zeit. Auch Filmkritiker sind kindisch.
Diesmal aber brüllte irgendeine weibliche Stimme in dem Augenblick, als das Logo der „The Weinstein Company“ vor dem Film erschien, laut und sehnsuchtsvoll „Haaarveeeeyyyy!!!“ Das war lustig.

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Das war aber auch der letzte Moment, an dem es für die nächsten 110 Minuten irgendetwas zu Lachen gab. Der Himmel und das Bild sind meistens wolkenverhangen, düster und barbarisch. Kurzel setzt auf Anti-Glamour. Auf einen kaum verhohlenen Kult des Barbarischen und Primitiven. Alles ist braun und schmutzig, der Dreck hängt zwischen den Bärten der Männer und sitzt unter ihren Fingernägeln. So war’s halt im Schottland des Mittelalters, soll uns das wohl sagen. Denn tatsächlich ist MACBETH ja auch historisch grundiert und dramatisiert Ereignisse, die sich tatsächlich um 1050, kurz vor der normannischen Eroberung Englands, zugetragen haben.

Dreckig darf es darum natürlich schon sein, denken wir an Polanskis Verfilmung, in der er das ganze Hippietum den Zeitgeist seiner Zeit, mit den schrecklichen persönlichen Erfahrungen des Mordes an seiner Frau Sharon Tate und seines ungeborenen Kindes kurzgeschlossen hatte.

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Nur tut Kurzel dasselbe eben ohne eigene Idee, ohne Poesie, und erfüllt stattdessen alle Klischees eines Videokids, das es in die Welt der Erwachsenen verschlagen hat. Stil ist alles; fetziges, aber auch sehr techniklastiges Bilddesign, mal Zeitlupe, mal Hochgeschwindigkeit, mal mit Horrorfilmelementen, dann leicht japanisch angehaucht – aber jetzt bloß nicht zuviel erwarten! -, und man hat den Eindruck, hier würde einer die Prophezeihungen der drei Hexen am Anfang des Stücks ein bisschen zu wörtlich nehmen: „Hurlyburly, … fair is foul and foul is fair/hover through fog and filthy air.“

Aber es gibt einen Rhythmus, keine erkennbare Bilddramaturgie. Inhaltlich soll es halt ein bisschen um Wahnsinn gehen und ein bisschen um Machtgier. Aber selbst das wird hier allenfalls angedeutet, keineswegs schlüssig herausgearbeitet und individuell interpretiert. Es bleibt angeschminkte Bedeutung.

So ist das Ergebnis ein langweiliger, nach elf Festivaltagen schwer aushaltbarer Schmarrn, öde und prätentiös.

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Kein Festival in Cannes ohne Marion Cotillard. Was die Franzosen an dieser Frau, erst recht an dieser Schauspielerin finden, will mir einfach nicht in den Kopf. Spätestens seit dem affektierten, bedeutungsheischenden Spiel im letztjährigen Dardennes-Film DEUX JOURS, UNE NUIT sollte man ihre Grenzen kennen und begriffen haben, dass diese Frau leider sich selbst mit ihren Rollen verwechselt. Aber mal schauen, ob sie nicht hier am Ende einen Preis bekommt. Denn welch ein Zufall: Ihren nächsten Film, noch vor ASSASSIN’S CREED dreht sie mit Jurymitglied Xavier Dolan!

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CHRONIC, Michel Franco
CHRONIC, Michel Franco

Ein anderer, später Wettbewerbsbeitrag katapultierte sich stattdessen recht weit nach vorn in der Zuschauergunst: CHRONIC vom Mexikaner Michel Franco. Der war 2012 mit DESPUES DE LUCIA in „Un Certain Regard“ vertreten, ist also das in diesem Jahr seltene Beispiel eines Regisseur, der in die Topliga aufgestiegen ist. Franco ist so jung, wie schlau, was nicht unbedingt als Kompliment gemeint ist. Denn man hat bei seinen Filmen, bei diesem noch mehr als bei DESPUES DE LUCIA, hat man immer das unklare Gefühl, dass alles ein Produkt der Berechnung ist, eher ein zynischer nächster Karriereschritt, und als solcher überaus clever, als ein Herzensanliegen.

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Dieser Eindruck mag aber täuschen, denn Francos Filme sind einfach auch extrem kontrolliert, sie wirken nicht nur kalt, sondern trocken. In diesem Fall beginnt alles mit einer offenen Referenz an Hanekes CACHÉ: Aus einem Autofenster heraus beobachtet man ein Einfamilienhaus. Nichts passiert. Nach einer ganzen Weile erst tritt eine junge Frau heraus, steigt in ein Auto, fährt los. Der zweite Wagen folgt ihr. Darin sitzt, das zeigt uns nun an der nächsten Ampel ein Kameraschwenk, ein Mann, gespielt von Tim Roth.

Und jetzt sieht man anhand der Verkehrsschilder und der Autokennzeichen, auch dass alles in den USA spielt. In Los Angeles offensichtlich. Das ist schon einmal die erste Enttäuschung. Dies ist also doch nicht der eine lateinamerikanische Beitrag, auf den ich gehofft hatte.

In langen, statischen Einstellungen erzählt der Film von einem Mann (Roth). Man sieht ihn am Computer im Facebook-Profil jener jungen Frau herumstöbern, die er beobachtet hat. Dann sieht man ihn, wie er in einer Wohnung eine höllisch abgemagerte, offenkundig todkranke Frau pflegt, wäscht, ihr Essen macht, sie betreut, als sie Verwandtenbesuch hat. Bald darauf ist die Frau tot, und erst jetzt begreift man, dass der Eindruck, die beiden seien ein Paar oder verwandt, getäuscht hatte. Roth’s Figur heißt David, und ist Krankenpfleger und Sterbebegleiter, wohl zu unterscheiden von Sterbehelfer. Er tötet nicht aktiv, sondern betreut Schwerstkranke über Wochen und Monate bis zum Ende. Im einen Fall handelt es sich aber auch nur um einen alten Mann, der gerade einen Schlaganfall hatte, dessen Tod keineswegs unmittelbar bevorsteht.

Das zeigt der Film en detail, in Bildern, die notgedrungen alles andere als angenehm sind. Man kann hier den Vorwurf machen, dass der Film einen bestimmten Anteil von Exploitation hat, dass er bloßstellt und Voyeurismen befriedigt. Ich verstehe solche Gedanken, die ich selbst habe, finde sie aber zugleich falsch. Denn wie sollte man es sonst machen. Dezentes Weggucken, gar Verbergen kann nicht Sache des Kinos sein, jedenfalls nicht jenes Kinos, das ich mag und sehen will. Im Kino geht es ums Zeigen, gerade auch um das Zeigen des Unangenehmen. Wie hätte Franco es denn sonst machen können? Ich möchte nicht wissen, was man dem Film vorgeworfen hätte, wenn er irgendwie schönfärberisch, mit formalen Effekten oder gar „schön“ von solch‘ hässlichen Dingen erzählt hätte, anstatt in Francos kaltem, statischem Naturalismus.

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chronic franco cannes

Dies ist unbequemer Film, der seine Zuschauer fordert. Man kann auch gut verstehen, dass man sich das im Grunde nicht angucken möchte.

Die Geschichte erzählt neben Davids Arbeit einerseits nicht viel, andererseits alles: David identifiziert sich nämlich übertrieben stark mit seinen Patienten, und nimmt in Alltagsbegegnungen, etwa einer Zufallsbegegnung in einer Bar oder im Gespräch mit einer Buchhändlerin, deren Identität an. Das heißt auch: Er verleugnet sich selbst. Und etwa gegen Mitte des Films verstehen wir auch warum: Davids Sohn ist an einer unheilbaren Krankheit (ich glaube Leukämie) gestorben, und er hat ihm seinerzeit Sterbehilfe geleistet. Dann hat er sich von seiner Familie getrennt. Die junge Frau, die er beobachtet, ist seine Tochter (gespielt wird diese übrigens von Sarah Sutherland, der Tochter Kiefer Sutherlands). Im letzten Drittel des Films, nähern sich beide einander an, und auch mit seiner Exfrau spricht er.

Irgendwann hilft David einer todkranken Krebspatientin dann, zu sterben. Das Ende des Films nervt dann allerdings und ist unnötigt, und gibt denen Argumente, die, wie Violeta („Ich hasse Michel Franco“, meinte sie am Abend nach der Vorstellung), Franco als spekulativen Wichtigtuer empfinden, dessen Filme eine Art Kunstporno sind: David joggt auf dem Bürgersteig, man sieht ihm zwei Minuten lang ins Gesicht, und glaubt schon, dies sei das letzte Bild, da wird er – Zasch!!! – von einem Auto überfahren. Er war über eine rote Ampel gejoggt.

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Dies ist alles in allem aber ein guter Film. Kein Kandidat für den Hauptpreis, für alles andere aber sehr wohl. Eine Kontinuität zu Francos letztem Film liegt übrigens darin, dass auch hier wieder eine Vater-Tochter-Geschichte den emotionalen Kern des Films bildet.

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Hauptdarsteller Tim Roth war übrigens 2012 Chef der Jury in „Un Certain Regard“, die Franco seinerzeit ausgezeichnet hatte. „Diese Geschichte eines jungen Mädchens, das von ihrer Schulklasse gemobbt wird, hat mich seinerzeit enorm bewegt, ich konnte nicht aufhören, zu weinen“, sagte Roth jetzt in einem Interview. Als „Executive Producer“ hat er diesen Film jetzt möglich gemacht. Gut so. Aber schade, dass den Mexikanern mit Franco nun wieder ein guter Regisseur an „los yankees“ verloren gegangen ist.

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In den nächsten Blogs werden wir heute und morgen noch recht viel aus Cannes erzählen, was wir bisher sträflicherweise vernachlässigt haben. Aber die Filme selbst gehen natürlich immer noch vor. Morgen Abend werden dann auch bei uns die Preise vermeldet und bewertet. Bleiben Sie dran, liebe Leser, viel Spaß beim Fußball und – frohe Pfingsten!

Fotos: © Cannes Film Festival, Ricardo Trabulsi