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Männerbilder in Schnittgewittern

von | 12 Aug 2015 | Locarno 2015 | 0 Kommentare

Viele Ameisen sind des Skorpions Tod – sie ist berühmt, diese Eröffnungsszene von THE WILD BUNCH, dem bekanntesten, und wahrscheinlich auch besten Film von Sam Peckinpah aus dem Jahr 1969. Ein Haufen Outlaws überfällt in der Uniform amerikanischer Soldaten eine Bank. Sie wurden verraten, es gibt eine Riesenschießerei und dieses erste von mehreren Blutbädern in diesem Film wird parallel montiert zu ein paar Kindern, die sich friedlich daran ergötzen, zwei Skorpione in einen Haufen roter Ameisen zu werfen – deren schiere Masse die viel höher entwickelten, an sich stärkeren Tiere zugrunde richtet.

Es ist dies natürlich eine Analogie, der sarkastische Kommentar zu dem, was der Regisseur uns hier bieten möchte: Denn die übrig gebliebenen sechs Desperados fliehen, angeführt von William Holden, nach Mexiko, und werden dort chancenlos gejagt von US-Marshalls – und dabei zu besseren Menschen.

THE WILD BUNCH, der 1914 spielt und zu der Zeit gedreht wurde, in der der Italo-Western die alten Frontier-Mythen durch neue ersetzte, ist ein Abgesang, eine Slow-Motion-Western-Action-Operette, und einer der einflussreichsten Filme aller Zeiten. Kathryn Bigelow, Martin Scorsese, Brian De Palma, um nur einige zu nennen, betonen seine Bedeutung für ihr eigenes Werk.

Und auch sonst ist Sam Peckinpah, geboren 1925, gestorben viel zu früh bereits 1984, nicht nur der legendäre Hollywood-Außenseiter, der einerseits mit den ganz Großen drehte – unter anderem Burt Lancaster, William Holden, Dennis Hopper, Dustin Hoffman und immer wieder mit Steve McQueen – und der sich gleichzeitig immer wieder mit den Studiobossen überwarf und mehr als einmal Persona non Grata in Hollywood wurde. Vor allem aber ist Peckinpah ein Kultregisseur für andere Filmemacher wie für Cinephile.

Höchste Zeit, dass ihm jetzt in Locarno eine richtige, nahezu vollständige Retrospektive gewidmet wird – denn wer seine Werke jetzt wiedersieht, oder überhaupt zum ersten Mal anschaut, der begreift, wie sehr das Gegenwartskino von Peckinpah zehrt, und wie sehr es gleichzeitig im Augenblick hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.

Nur 14 Kinofilme hat Peckinpah gedreht. Denn die ersten zehn Jahre seiner Karriere arbeitete er als Assistent und inszenierte Fernsehserien, zum Beispiel viele Folgen von RAUCHENDE COLTS. Doch unter den 14 Filmen die zwischen 1961 und 1984 entstanden sind mindestens fünf echte Meisterwerke, die längst als zeitlose Klassiker anerkannt sind.

Nach THE WILD BUNCH drehte Peckinpah noch einen Western: PAT GARRET JAGT BILLY THE KID – und was für ein Unterschied. Von Bob Dylan, der auch in einer Nebenrolle mitspielt, stammt die Musik zu diesem Hippie-Western, der den Idealismus der Outlaws feiert, wie ihren Todestrieb, und der die Gegenkultur von 1968 in die amerikanische Geschichte einbettet, auch durch die Wahl Dylans, aber erst recht, in dem Folk-Rock-Ikone Kris Kristofferson den schönsten Kriminellen und Freund der Armen, „Billy the Kid“ verkörpert.

Dann muss man THE GETAWAY nennen, „den“ Steve-McQueen-Film überhaupt, ein archetypischer Roadmovie aus den 70er-Jahren. Und STEINER – DAS EISENE KREUZ, der umstrittendste Kriegsfilm der Filmgeschichte, gedreht mit Maximilian Schell und Senta Berger in Jugoslawien, als es noch den Ostblock gab.

In allen diesen Filmen zeigt sich Peckinpah jedes Mal wieder als Männerregisseur, dessen Filme den amerikanischen Traum in Gewalt und Pessimismus brechen, als Inszenierungskünstler ambivalenter Charaktere, dessen Stil aus Schnittgewittern mit Zeitlupen, aus Parallelmontagen, Wiederholungen und Perspektivwechseln ein Quentin Tarantino auch heute nichts hinzuzufügen vermag.

Allerdings ist Tarantino vielleicht einer der ganz wenigen legitimen Erben Peckinpahs.

Das zeigt auch der letzte, visionäre Film dieses Regisseurs: THE OSTERMAN-WEEKEND. Ein Paranoia-Thriller, der bereits alle Themen enthält – und klug behandelt – über die wir heute in Zeiten von Internet und NSA, von Snowden und Netzpolitik, debattieren: Was heißt Verrat und wo sitzen die wahren Verräter? Wieviel Überwachung dient dem Schutz der Freiheit, und wo untergräbt dieser Schutz die Freiheit selbst?

Sam Peckinpah war nicht nur ein Kino-Visionär, ein Zweiter-Weltkriegs-Veteran, dem manche Gewaltverherrlichung vorwarfen, er war auch ein großer Kritiker Amerikas.

Rüdiger Suchsland aus Locarno

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