Seite auswählen

Bei einem Film einzuschlafen, gilt für gewöhnlich nicht gerade als Indiz für dessen Qualität. Ich habe mich schon mehrfach von Solaris in den Schlaf singen lassen. Es ist das Gefühl, tief durchzuatmen und dem Lauf der Welt – für gut 90 Minuten wenigstens – bedingungslos zu vertrauen, endlich anzukommen: „Everything we’ve done is forgiven. Everything.“

Als der Film 2002/2003 unter Steven Soderberghs Regie als Neuverfilmung des berühmten Science Fiction-Romans von Stanisław Lem 1961 in die Kinos kam, waren die Reaktionen verhalten. Sympathiebekundungen blieben die Ausnahme, es regten sich lebhafte Zweifel, ob dieses Werk es überhaupt verdiene, in einem Atemzug mit Lems literarischer Vorlage und der Verfilmung des sowjetischen Meisterregisseurs Andrej Tarkowskij (1972) genannt zu werden.

Zugegeben – Soderbergh ist kein Tarkowskij. Sein Ansatz ist – so konstatierte Spiegel Online zur Berlinale-Premiere wenig einsichtsreich – „amerikanischer“. Doch Spiegel Onlines Verdikt war noch freundlich: Der namensverwandte Filmspiegel bezeichnete Solaris als „[b]edeutungslose, inhaltsleere Adaption ohne jeden Reiz“; Allesfilm urteilte: „die Nebenstränge der Handlung verpuffen einfach im ätherischen Nichts […]. Soderbergh […] hat offensichtlich eingesehen, dass er kein großer Denker ist“; und Filmstarts befand: „Sicherlich sind die Bildcollagen […] wunderschön, aber zur Entwicklung der Handlung tragen sie rein gar nichts bei. [… W]as nützt das alles, wenn Solaris inhaltlich nur Leere zu bieten hat.“ Punkt. Nicht mal ein ungläubiges, zweifelndes, nicht-wahrhaben-wollendes Fragezeichen gönnte man dem Film.

Dass Soderbergh den Lem’schen Roman eher als Inspiration denn als direkte Vorlage sah und auch kein Remake von Tarkowskijs Solyaris liefern wollte, daraus macht der Regisseur kein Geheimnis. Der Film nimmt die Geschichte des letzten Rettungsversuchs einer bemannten Raumstation zur Erkundung des Planeten Solaris zum Anlass, die emotionale Wirkmacht von Erinnerung und Imagination als Axiom menschlicher Identität zu definieren. Ihm gelingt es dabei, ein völlig glaubwürdiges Zukunftsszenario zu entwerfen, in dem die Science-Fiction in den Hintergrund, der Mensch als denkendes, fühlendes, erlebendes Wesen in den Mittelpunkt gerät. „We don’t want other worlds,“ sagt Ulrich Tukur als Dr. Gibarian einmal über die Raumfahrt, „we want mirrors“.

Unter dem Einfluss von Solaris, das muss auch der mit der Rettungsmission beauftragte Psychologe Chris Kelvin (George Clooney) erfahren, manifestieren sich die Ängste, Träume und Wünsche der Raumstationbewohner als scheinbar lebendige Personen. Es ist der Planet selbst, der mit spielerischer Neugier aber auch zunehmender Bedrohlichkeit die Köpfe und Herzen der Wissenschaftler ausspioniert, ihre Regungen und Gedanken zum Leben erweckt. Immer wieder zeigt Soderbergh den brodelnden, stets seine Farbe und Größe verändernden Solaris in einzelnen shots oder lässt im Anschnitt – hinter einem Fenster, um die Ecke blitzend – seine Präsenz erahnen. Dabei sind die psychedelischen Animationen des Planeten vielleicht noch das schwächste Motiv des gesamten Films – Solaris erzeugt mit seinen metallisch-glänzenden Farben auf der Raumstation, den maßvoll die Röhren entlang gleitenden Kamerabewegungen und dem Soundtrack von Cliff Martinez, der mal getragen und retardierend, mal unterschwellig aggressiv daher kommt, eine Atmosphäre, die zwischen ängstlicher Erwartung und tröstlicher Überwältigung changiert. So wird die emotionale Verfasstheit Kelvins, der auf dem Raumschiff von Inkarnationen seiner jungen Frau Rheya (gespielt von der einzigartigen Natascha McElhone) heimgesucht wird, jenseits der Handlung in die filmische Darstellung übersetzt, nistet sich – wie Solaris in der Psyche der Figuren – zunächst in den Bildern und Tönen des Films ein und überträgt sich schließlich auch auf den Zuschauer. Ob es eine verzweifelte, todtraurige oder hoffnungsvolle Entwicklung ist, wenn Kelvin sich der von Solaris erschaffenen, durch seine eigenen Projektionen gezeichneten Rheya vorsichtig nähert, die ihm schließlich so vertraut wird, dass er das Schiff nicht mehr verlassen kann, bleibt offen bis zum Schluss.

Soderberghs Solaris ist eine Meditation, die beim wiederholten Sehen, bei jedem neuen Erleben an Tiefe, an Faszination gewinnt. Der Film ist nicht – wie es ihm oft zum Vorwurf gemacht wurde – auf eine simple Liebesgeschichte zu reduzieren. Vielmehr wird an Solaris deutlich, was eigentlich für alle Filme gilt: Sie halten uns einen Spiegel vor und werfen uns letztlich auf unsere eigene Existenz zurück, sie sind immer auch ein Stück wir selbst.

Solaris
R: Steven Soderbergh (der übrigens unter den Pseudonymen Peter Andrews und Mary Ann Bernard auch die Kamera und den Schnitt besorgt)
D: George Clooney, Natascha McElhone, Viola Davis, Jeremy Davies, Ulrich Tukur
USA 2002, 99 Min.
Copyright: 20th Century Fox

Über die Autorin Maike Reinerth

Maike Reinerth studierte Medienkultur, deutsche Sprache und Literatur in Hamburg und ist seit Anfang 2010 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Filmwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz tätig. Sie ist Herausgeberin des Buchs „Probleme filmischen Erzählens“ und verfasst regelmäßig Filmkritiken für das Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext. Solaris lernte Maike während ihrer Magisterarbeit zu „Formen der Erinnerung im Spielfilm“ lieben, heute promoviert sie zu „Figurationen des Subjektiven“ im Spiel- und Animationsfilm.

Pin It on Pinterest