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NEGATIV_Game of Thrones_Second Sons_Titan's Bastard, Daario Naharis

In SECONDS SONS dreht sich alles um die Erweiterung und Restrukturierung von Familien- und Gruppenkonstellationen. So schaltet der junge Daario Naharis in Yunkai die Anführer seiner Söldnertruppe aus und überführt die Second Sons in Danys bunten khalasar.

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Manchmal kann die Stärke von GAME OF THRONES auch zur Schwäche der Serie werden: Ist eine Folge zu vollgepackt mit Handlungssträngen, hechelt man in der Geschwindigkeit des Vorspanns von einem Handlungsort zum nächsten, ohne sich wirklich auf einen der vielen Erzählstränge einlassen zu können. In fünf Minuten hat eine Szene Information, Charakterisierung, Aktion und – natürlich – Unterhaltung zu bieten, ehe sie von einer Szene aus einem völlig anderen Plot abgelöst wird. Episoden wie BLACKWATER oder jüngst SECOND SONS, in denen die Handlungsorte mit nur einer Hand abzuzählen sind, erweisen sich dadurch als angenehme Abwechslung.

In der achten Folge der dritten Staffel GAME OF THRONES spielt die Handlung an nur fünf Schauorten – wobei zwei davon jeweils kurz am Anfang und Ende angefertigt werden. Der Schwerpunkt von SECOND SONS ruht also auf den Handlungssträngen in Yunkai, Dragonstone und King’s Landing. Eine ebenso geschickte wie auch notwendige Fokussierung; sie gibt Serienschöpfer und –autoren David Benioff und D.B. Weiss die Möglichkeit, den jeweiligen Handlungsstrang intensiver auf den Zuschauer einwirken zu lassen. Die Entwicklungen der Charaktere erscheinen schlüssiger, die Entwicklung der Geschichte nicht übers Knie gebrochen. Als Zuschauer verbringt man eine knappe Stunde an nur fünf Schauplätzen in Westeros hat nicht das Gefühl, in der Zwischenzeit irgendetwas verpasst zu haben. Man muss eben nicht immer wissen, was währenddessen hinter der Mauer passiert oder welches Körperteil Theon als nächstes abgeschnitten wird.

SECOND SONS. Der Titel der Folge bezieht sich auf die gleichnamige Söldnergruppe, die von der Sklavenstadt Yunkai angeheuert wurde, um Danys Armee Paroli zu bieten. Damit sie die Schlacht dennoch für sich entscheidet, setzt Daenerys Targaryen alles daran, die Second Sons für sich zu gewinnen – was ihr auch gelingt, nur nicht so wie erwartet. Statt nämlich ihren ungehobelten Anführer Mero, genannt Titan’s Bastard, auf ihre Seite zu ziehen, hat sie in seinem Untergebenen Daario einen unverhofften Verbündeten gefunden. Überwältigt von ihrer Schönheit, buhlt der junge Hauptmann um die Gunst der Drachenkönigin – und bringt ihr als Zeichen seiner Ergebenheit Meros Kopf. Früher oder später fällt wohl jeder Mann Danys reizenden Rehäuglein zum Opfer. Ist man nicht gerade ihr Todfeind oder ein verrückter Zauberer, wird man unweigerlich ihr glühender Verehrer.

In der Verkörperung der Roten Priesterin finden Eros und Thanatos zusammen - Einmal mehr wird Dragonstone zum Schauplatz generischer Horrorelemente

In der Verkörperung der Roten Priesterin finden Eros und Thanatos zusammen – Einmal mehr wird Dragonstone zum Schauplatz generischer Horrorelemente.

Auf der anderen Seite der Narrow Sea kehrt die Rote Priesterin mit Gendry nach Dragonstone zurück und treibt den König in der Meerenge in einen altbekannten Gewissenskonflikt. Im Reflektieren über Gerechtigkeit, Pflichterfüllung und Ehre muss Stannis einmal mehr entscheiden, wie weit er im Kampf um den Eisernen Thron gehen will. Heiligt der Zweck die Mittel? Melisandre redet ihm ein, der Auserwählte des Lord of Lights zu sein. Wie kann er dem Willen eines Gottes widersprechen, der sich augenscheinlich als real existierende Macht erweist? Auf der anderen Seite appelliert Davos an die Menschlichkeit seines Königs: Auch wenn es einem höheren Zwecke diene, dürfe Stannis die Ermordung eines unschuldigen Blutsverwandten nicht zulassen.

Im Ausspielen schwarzromantischer Horrorfantasien erfährt der Konflikt jedoch eine unerwartete Auflösung. Melisandre entnimmt Gendry das kostbare Königsblut, ohne ihn dabei zu töten. Wie die Spinne ihr Opfer lockt sie den ahnungslosen Schmied ins Bett. Bevor es jedoch zum Höhepunkt kommt, wird Gendry von der Roten Priesterin überwältigt und ans Bett gefesselt. Melisandre wird einmal mehr zur Verkörperung einer übermächtigen, sexuell dominanten Frauenfigur, die dem Mann sämtliche Lebenskräfte raubt – hier mithilfe von ekelerregenden Blutegeln. Das Bett als heimliches Liebesnest wird zum Ort des Grauens, der Geschlechtsakt zum Kampf um Leben und Tod. Als wäre das nicht deutlich genug, wird die symbolische Kastrationsangst des Mannes dadurch ausformuliert, dass natürlich einer der drei formlosen Blutsauger in Gendrys Leistengegend angebracht wird.

Schließlich werden die drei vollgesaugten Blutegel dem Feuer übergeben, wobei Stannis jeweils die Namen seiner Konkurrenten in die Flammen murmelt: „The usurper Robb Stark, the usurper Balon Greyjoy, the usurper Joffrey Baratheon.“ Schon einmal konnte der seinen Widersachenn unterlegene Stannis den militärischen Nachteil durch die schauerliche Magie von Melisandre überwinden – Die obskure Schattengeburt der Roten Priesterin ermordete Stannis‘ kleinen Bruder am Vorabend der Schlacht und ließ somit einen Großteil von Renlys Armee in Stannis‘ Gefolgschaft übergehen. Im Spiel der Macht bleibt die Magie eine unberechenbare Trumpfkarte. Wird Gendrys „Opfer“ tatsächlich zum Sturz von Königen führen und für eine komplett neue Ausgangslage sorgen?

MAKE LOVE, NOT WAR!

Tyrion scheint den Erwartungen, die ihm im Rahmen seiner Heirat mit Sansa Stark von seiner Familie abverlangt werden, nicht gewachsen zu sein: Vor dem Aufgebot des Who is who in King’s Landing will es ihm nicht gelingen, seiner jüngeren aber größeren Braut das zeremonielle Hochzeitsgewand umzulegen.

Tyrion scheint den Erwartungen, die ihm im Rahmen seiner Heirat mit Sansa Stark von seiner Familie abverlangt werden, nicht gewachsen zu sein: Vor dem Aufgebot des Who is who in King’s Landing will es ihm nicht gelingen, seiner jüngeren aber größeren Braut das zeremonielle Hochzeitsgewand umzulegen.

Dass die Macher von GAME OF THRONES mit Ausnahme von BLACKWATER bisher keine der großen Schlachten aus der Buchvorlage adäquat umsetzen konnten und sie stattdessen ins Off verlegt haben, fügt sich interessanterweise nahtlos in ihr Spiel mit Erwartungshaltungen. Fantasy-Erzählungen auf Bildschirm und Leinwand leben von ihren großen Schauwerten. Mit erstaunlicher Tricktechnik und aufwendigem Production Design werden die exotischen Handlungsorte für den Zuschauer zum begehbaren Themenpark. Von außen betrachtet macht da auch GAME OF THRONES keinen Unterschied. Detailverliebte Sets, exotische Drehorte, farbenprächtige Kostüme und überzeugende CGI-Monster versetzen den Zuschauer Staffel für Staffel in wachsendes Staunen, regelmäßige Gewalt- und Sexszenen sorgen für zusätzliche Attraktionen. Doch anders als im herkömmlichen Fantasy-Blockbuster treten die Handlung samt ihren Trägern nicht in den Hintergrund. Im Gegenteil: Der Löwenanteil der Serie wird darauf verwendet, die spektakulären Wendungen der komplexen Geschichte aus langer Hand vorzubereiten und im Anschluss die emotionalen Reaktionen der Figuren auszuloten. Die Schauwerte dienen eher als Blendwerk, die wahre Sensation liegt im Drama der Charaktere selbst verborgen.

Bestes Beispiel: Tyrions Hochzeit in SECOND SONS. Hinter der Fassade der feierlichen Vereinigung zweier Menschen verbirgt sich eine berechnete Staatsaktion, auf der mit jeder Geste Macht exerziert und Politik betrieben wird. Heiraten, das ist in Westeros eine alternative Variante der Kriegsführung. Mit nur zwei Hochzeiten haben die Lannisters die gefährlich werdenden Tyrells politisch ausmanövriert: Sowohl der Erbe Highgardens als auch der Erbe Winterfells wird ein Lannister-Nachkömmling sein. Statt auf offenem Schlachtfeld ist der Konflikt durch Intrigen, Hofverschwörungen und Ränkespielen unter der Oberfläche ausgefochten worden. Entsprechend angespannt ist die Stimmung der Hochzeit, gegenseitige Sticheleien steigern sich zu rohen Drohgebärden. So ermahnt Cersei ihre Schwiegertochter/Schwägerin Margaery an den geschichtlichen Hintergrund von RAINS OF CASTAMERE. Das Lannister-Lied erzählt den Untergang des Hauses Reyne, nach den Lannistern einst die zweitreichste Familie in Westeros, das nach ihrem hochmütigen Aufbegehren von einem jungen Tywin Lannister komplett ausgelöscht wurde. Eine implizite Kampfansage an die aufsteigenden Tyrells, die in einer offenen Morddrohung endet, als Cersei Margaery am Ende der Konversation verspricht, sie im Schlaf umzubringen, falls sie noch einmal „Schwester“ von ihr genannt wird.

„And now my watch begins“: Während der Hochzeitsnacht verspricht Tyrion seiner neuen Braut, sie erst anzurühren, wenn sie dazu bereit ist. Ob das jemals der Fall sein wird?

„And now my watch begins“: Während der Hochzeitsnacht verspricht Tyrion seiner neuen Braut, sie erst anzurühren, wenn sie dazu bereit ist. Ob das jemals der Fall sein wird?

Doch nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Familie schwelen die Konflikte. Joffrey nutzt jede sich bietende Gelegenheit, um seinen Onkel auf der Hochzeit öffentlich zu demütigen, indes Lord Tywin seinen Sohn dazu drängt, so bald wie möglich einen Erben mit Sansa zu zeugen. Tyrion ist von allen verlassen, sowohl seine Familie als auch seine neue Braut stellen sich gegen ihn. Um den Schmerz ertragen zu können, betäubt er sich mit Wein, was allerdings die Situation noch weiter eskalieren lässt. Für einen Moment scheint der latente Konflikt zur tödlichen Konfrontation auszubrechen, als Tyrion seinen sadistischen Neffen für seine Unverschämtheiten mit dem Dolch bedroht. Lord Tywin interveniert, die Katastrophe kann noch einmal abgehalten werden – vorerst.

Mit SECOND SONS wäre die erste Hochzeit zu Ende der dritten Staffel GAME OF THRONES abgehandelt. Der kurze Seitenblick auf Aryas Handlungsstrang erinnert den Zuschauer daran, dass das nächste Heiratsspektakel nicht auf sich warten lässt: Lord Edmure Tully wird vor Augen des versammelten Nordens eine Tochter aus dem Hause Frey ehelichen. Zudem darf King’s Landing der lang erwarteten königlichen Hochzeit entgegen sehen. Große Ereignisse kündigen sich an. Immerhin war Tyrions Hochzeit ein set piece durch und durch: Zu einer opulenten Ausstattung und reichen Bildgestaltung verdichteten sich sämtliche Konflikte in King’s Landing, brodelten unter verschlossenem Deckel, bis sie in kleinen Eruptionen zu furiosen Ausbrüchen kamen. Selbst die einzig wirkliche Kampfszene zu Ende der Folge, in der Sam das Geheimnis des in VALAR MORGHULIS gefundenen Drachenglases entdeckt und damit einen White Walker vernichtet, konnte nicht mit der ereignisdichten Hochzeit mithalten. Wer braucht also noch Schlachten in GAME OF THRONES, so lange in Westeros geheiratet wird?

Fotos  ©  HBO

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