Seite auswählen
Camille (Yara Pilartz)  |  ©Canal+

Camille (Yara Pilartz) | ©Canal+

Nun, solange „Brad Zett“ noch auf sich warten lässt, hier noch ein paar Notizen zu dem, was sich unsere französischen Nachbarn kürzlich zum Thema „Wiederauferstehung“ haben einfallen lassen.

LES REVENANTS basiert lose auf dem gleichnamigen Film (englisch THEY CAME BACK) von Robin Campillo aus dem Jahr 2004. Die Adaption von Fabrice Gobert wendet den gesellschaftspolitischen Blick von Campillos Film jedoch wieder weitgehend zurück ins Private (bzw. in kleinere soziale Einheiten). Geblieben allerdings ist die zentrale Fragestellung: wie mit dem Unerwarteten umgehen, wie sich in einer Welt zurechtfinden, die sich verändert, dich für tot, dein Leben offiziell für beendet erklärt hat – und damit all deine sozialen Bindungen und Ansprüche für aufgehoben? Wie sich dem lange Zeit Erhofften, Erträumten stellen, das plötzlich auf unerwartete Weise Realität wird: der Rückkehr des für immer verloren geglaubten, geliebten Menschen, auf unerklärliche Weise dem Tode entrissen?

Ein sonniger Tag. Ein Schulausflug. Ein Bus, gefüllt mit Kindern und deren Betreuern, unterwegs auf einer serpentinenreichen Landstraße, kommt plötzlich (aus zunächst noch unbekannten Gründen) von der Straße ab. Trauer, Entsetzen, 38 Tote. Diese an Atom Egoyans THE SWEET HEREAFTER (1997) erinnernde Ausgangssituation erfährt jedoch eine überraschende Wendung, als vier Jahre später in dem kleinen, abgeschiedenen Ort in den Bergen, aus dem die Verunglückten stammten, sich unerhörte Dinge ereignen. So erhält etwa eine Frau, deren Ex-Mann gerade zusammen mit anderen trauernden Eltern in einer Gesprächsgruppe sitzt, unerwartet Besuch von Camille, ihrer damals zu Tode gekommenen Tochter. Diese entschuldigt sich nur kurz für ihr Zuspätkommen, stillt ihren außergewöhnlich großen Hunger, bevor sie flugs unter der Dusche verschwindet. Während die Mutter noch gar nicht weiß, wie ihr geschieht, tauchen auch andernorts seltsam verloren wirkende Kinder und Erwachsene auf, auf der Suche nach ihrem alten, gewohnten Leben, nach Menschen und Orten, die ihnen vertraut sind (waren). Wie es scheint, fehlt ihnen jegliche Erinnerung an die letzten Jahre, ebenso an die genauen Umstände (und die vermeintliche Tatsache) ihres Ablebens. Nach und nach, in mehreren Flashbacks, werden zumindest dem Zuschauer diese offenbart: nicht alle sind bei diesem Unglück ums Leben gekommen, sondern über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten verteilt, an anderen Orten, zu anderen Zeiten. Alle offenbar jedoch unter mehr oder weniger gewaltsamen Umständen.

„Victor“ (Swann Nambotin)  |  ©Canal+

Victor (Swann Nambotin) | ©Canal+

Wie bereits das wunderbar Traumartig-Schwebende der Titelsequenz andeutet, legten die Macher der Serie, deren erste Staffel letzten Winter auf Canal+ zu sehen war und seit kurzem als THE RETURNED auf Channel4 (im Original mit Untertiteln – das hat es seit 20 Jahren nicht gegeben!) ausgestrahlt wird, sehr viel Wert auf Stimmung und Atmosphäre. Als Vorbilder nennt Gobert etwa Lynchs TWIN PEAKS, Thomas Andersons LET THE RIGHT ONE IN (2008) oder auch die surrealen Bildkompositionen des Fotografen Gregory Crewdson. Inspiration war in gewissem Sinne auch die Musik der Band MOGWAI, die beauftragt wurde, vorab einen Soundtrack für die Serie zu komponieren, der wiederum als „akustischer Leitfaden“ während der Dreharbeiten dienen sollte. Ein interessanter Cocktail an Einflüssen, der zumindest in der ersten Folge der Serie (wie die nächsten sechs Folgen nach einem der „Rückkehrer“, hier Camille, betitelt) mitunter eine sogartige Wirkung entfaltet und gespannt auf mehr macht. Zudem stellt sich nicht das Gefühl ein, dass hier, wie in den sogenannten „Quality Series“ amerikanischer Prägung, dem „goldenen Kalb Dramaturgie“ alle anderen filmischen (Ausdrucks-)Mittel geopfert oder zumindest streng untergeordnet werden – ohne hier die bewundernswerte dramaturgische Finesse und Komplexität dieser TV-Epen abwerten zu wollen. Aber Dramaturgie allein ist eben NICHT alles. Hierbei auch wichtig zu betonen, dass Gobert in vielen Folgen selbst für die Regie verantwortlich zeichnet, im Wechsel respektive zusammen mit Frédéric Mermoud.

Bereits in Produktion ist (trotz der aktuell laufenden Ausstrahlung des französischen Originals) ein britisches Remake unter der Ägide von Großmeister Paul Abbott, Arbeitstitel (wenig überraschend): THEY CAME BACK! Zu erwarten ist also, gemessen an Abbotts bisheriger Arbeit, dass auch er der von Goberts Ko-Autor Emmanuel Carrère angegebenen Direktive „l’idée était de traiter une situation irréaliste de manière réaliste“ (zumindest in gewissem Sinne) treu bleiben wird. Festzuhalten wäre natürlich noch, dass es sich auch hier im französischen Original nicht um eine „Zombie-Serie“ im eigentlichen Sinne handelt, hier nicht Schrecken und Entsetzen verbreitet, sondern ein eher leises, aber umso nachhaltigeres Unbehagen sich einstellen soll. Ausgehend von der Frage: was wäre wenn… wenn sie wirklich zurückkämen, so wie wir sie in Erinnerung haben – und nicht als blass- oder gar grünhäutige, motorisch eingeschränkte Kannibalen mit dem IQ einer Stubenfliege? Unverhofftes, unbeschreibliches Glück, zweite Chance (vgl. IN THE FLESH) – oder doch Fluch? Wir werden sehen… die zweite Staffel ist für nächstes Jahr angesetzt.

Hm, hatte Marc Forster nicht auch schon mal eine Art Horrorstreifen abgeliefert? Moment, irgendwas mit Monstern… genau: MONSTER’S BALL!? Oder verwechsle ich da was… egal.

Mehr dazu beim Telegraph.

Pin It on Pinterest