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maniac elijah wood remake kritik

Ein Mann beobachtet aus einem Auto heraus Menschen, die im nächtlichen Los Angeles einen Club verlassen. Der Blick folgt einer jungen, hübschen Frau. Eine Stimme sagt: „Du bist so schön“. Die Frau scheint zu bemerken, dass sie beobachtet wird. Die Stimme: „Ich sehe dich auch.“ Die Frau versucht in ein Taxi einzusteigen, doch dieses fährt ohne sie los. Sie geht weiter die Straße entlang. Die Stimme: „Ich weiß, wo du wohnst Judy!“ Der Wagen, in dem der heimliche Beobachter sitzt, biegt um die Ecke und beschleunigt. Ein düsterer Electro-Soundtrack setzt ein. Der Mann fährt durch dunkle, trostlose Straßen. Müll, Dreck, Obdachlose, Straßengangs. Im Hintergrund immer die blitzende Skyline der Stadt. Der Wagen fährt in einen Tunnel und beschleunigt weiter. Auch der dunkle Electro-Score wird schneller. Der Wagen nähert sich dem Stadtzentrum. Designerläden und Nobelrestaurants. Alles wirkt kalt und steril. Schnitt. Ein Flur in einem Apartmentgebäude. Die Frau kommt dem Beobachter entgegen die Treppe hoch, bemerkt ihn jedoch nicht. Der Mann verfolgt sie bis zu ihrer Wohnungstür. Sie dreht sich um. Der Mann: „Schrei jetzt nicht!“ Ein erschrockener und ungläubiger Blick. Noch bevor die Frau zum Schrei ansetzen kann, durchbohrt ein gewaltiges, blitzendes Messer ihr Kinn bis zum Mund. Zwei Hände schneiden der Toten den Skalp vom Kopf. Der Soundtrack schwillt zu einem bedrohlichem Dröhnen an. Der Filmtitel überdeckt in gewaltigen, blutroten Lettern die schockierende Szenerie: MANIAC.

Diese Eröffnungssequenz von ALEJANDRE AJAS MANIAC ist ebenso mitreißend, wie beunruhigend. Fast durchgängig aus der Sicht des Mörders gedreht, zwingt der Film den Zuschauer die Tat aus dessen Perspektive zu betrachten. Die perfekte Synthese aus eleganter Kameraführung, flüssigem Schnitt und atmosphärischem, treibendem Electro-Soundtrack erzeugt einen Sog, der den Betrachter des Films weiter mit dem Killer verschmelzen lässt. Die faszinierende Darstellung eines ruhig und überlegt handelnden Einzelgängers im nächtlichen L.A. erinnert stark an den Auftakt zu DRIVE (2011). Auch der Protagonist in Nicolas Winding Refns Meisterwerk ist ein Krimineller mit Hang zu abrupter, extremer Gewalt. Doch er ist auch ein Held und dadurch eine Identifikationsfigur. MANIAC hingegen zwingt dem Zuschauer die Identifikation mit einem psychopathischen Serienkiller auf und geht dabei so weit, dass der Betrachter dessen Lust am Töten fast mitfühlen kann.

Einen ähnlich provozierenden Ansatz in einem Serienmörderfilm fand sich zuletzt in MR. BROOKS (2007), der in seiner ersten Mordszene das Erschießen eines jungen Pärchens als einen ekstatischen Rausch, als die Verwirklichung einer ultimativen Machtphantasie zeigt. MANIAC radikalisiert die Visualisierung der Lust des Triebtäters am Töten jedoch bis zu dem Punkt, an dem der Zuschauer gezwungen wird, selbst in den Körper des Killers zu schlüpfen. Der Film ist somit der Endpunkt einer Entwicklung, die darauf abzielt dem Zuschauer seinen üblichen emotionalen Sicherheitsabstand im Dunkel des Kinosaals zu verweigern, eine Entwicklung, die bereits mit Michael Powells PEEPING TOM (1960) begonnen hat. Wie Powell, so konfrontiert auch Khalfoun den Zuschauer mit dessen eigenem Voyeurismus und dessen Lust an der Betrachtung von psychischer und physischer Gewalt. Doch während PEEPING TOM zwischenzeitlich auch einmal in die Opferperspektive wechselt und hierdurch die masochistische Komponente im Konsum von Gewaltdarstellungen aufzeigt, zwingt MANIAC den Zuschauer durchgängig die sadistische Sicht des Täters auf. In letzter Konsequenz ist der Kinogänger ja tatsächlich der eigentliche Täter. Schließlich werden alle dort gezeigten Morde nur für ihn gemacht.

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MANIAC ist das Werk der beiden Franzosen Alejandre Aja (Koautor und Produzent) und dessen Protegé Frank Khalfoun (Regie). Der Film ist das Remake von William Lustigs gleichnamigen Horrorklassiker aus dem Jahre 1980. Der ursprüngliche MANIAC ist wohl nur deshalb in die Filmgeschichte eingegangen, weil seine Verbindung von schmuddeliger Atmosphäre und roher Gewaltdarstellung damals recht radikal war. Aber ein echtes Psychogramm eines Serienkillers im Sinne von John McNaughtons HENRY – PORTRAIT OF A SERIENKILLER (1986) ist William Lustigs kleiner Exploitation-Schocker sicherlich nicht. Erfreulicherweise ist ALEJANDRE AJAS MANIAC ein sehr eigenständiger Film, der nur das grobe Handlungsgrundgerüst des Originals übernommen hat. So wurde der Ort der Handlung von dem heruntergekommenen New York der frühen Achtziger in die vermeintliche Glitzermetropole Los Angeles verlegt und der von Elijah Wood verkörperte Psychopath ist nicht mehr eine von vornherein äußerst suspekte Persönlichkeit, sondern ein junger, hübscher Mann.

Oberflächlich betrachtet deutet die Verlegung des Handlungsortes von New York nach Los Angeles lediglich auf den Willen der Macher des Films, die raue, schmuddelige Atmosphäre des Originals durch einen momentan modischen glatteren Look zu ersetzen. Doch ähnlich wie in den Filmen von Michael Mann verbirgt sich hinter der scheinbar glatten Oberfläche mehr, als man zunächst bewusst wahrnimmt. Die Weite und Kälte der Stadt ist in MANIAC ein Spiegel der inneren Leere und Entfremdung seiner Bewohner. So wird bei einer Vernissage in einer Galerie offenkundig, dass sich hinter der schicken Fassade eine gähnende Leere an menschlicher Kälte und Desinteresse auftut. Der Künstler ist für die Galeristin nur ein notwendiges Übel, die Kunst interessiert sie nur als ein Mittel um möglichst viel Geld zu machen. Die Konzentration auf die Oberfläche der Dinge macht somit spürbar, dass es genau diese mangelnde Tiefe ist, an der sensiblere Persönlichkeiten immer wieder abprallen und letzten Endes zerbrechen.

Der Killer Frank ist solch ein empfindsamer Mensch. Von seiner trendigen Umgebung grenzt er sich bereits äußerlich durch seine Retro-Kleidung ab. Er restauriert alte Schaufensterpuppen und wohnt zusammen mit diesen Puppen in einer alten Werkstatt, die sich seit Generationen in Familienbesitz befindet. Dieser Ort wirkt in L.A. wie ein Fremdkörper, wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Doch für Frank ist es seine eigentliche Welt. Er selbst sagt: „Manchmal erscheinen mir die Puppen wirklicher als die Menschen zu sein.“ Frank verbindet die tote Welt der Lebenden mit seiner nostalgischen Ersatzwelt, indem er die Haarschöpfe der von ihm ermordeten Frauen auf den Köpfen den Schaufensterpuppen festtackert. Frank erinnert ein wenig an den Serienmörder und Kannibalen Jeffrey Dahmer. Auch der war ein freundlicher, schüchterner, gutaussehender Mann, der sich bizarre Erinnerungsstücke von seinen Opfern bewahrte, um seine eigene Einsamkeit zu bekämpfen. Doch weder Dahmer selbst, noch zahlreiche Psychologen, konnten die konkreten Ursachen bzw. Auslöser für seine Taten ergründen. Es ist genau diese Irrationalität, die ebenso unheimlich, wie faszinierend ist.

MANIAC hätte ein Film werden können, der dieses Nichtgreifbare auf beängstigende Weise erfahrbar macht. Doch leider haben Aja und Khalfoun den Film mit einer Reihe an zusätzlichen Elementen überfrachtet, die allesamt keinen Mehrwert schaffen, sondern MANIAC lediglich viel von seiner Kraft nehmen. Das beginnt bei Franks ständigen unvermittelten Migräneanfällen, die anscheinend seine inneren Konflikte veranschaulichen sollen. Diese Anfälle erklären jedoch nichts, sondern führen nur dazu, dass Frank einen Großteil seiner Unauffälligkeit wieder verliert. Vollends absurd wird es dann, wenn Frank sich nach seinen Taten frenetisch die Hände mit Stahlwolle zu schrubben beginnt. Als Folge läuft der Killer dauerhaft mit blutverkrusteten Händen herum, was jedoch nur der Zuschauer wahrzunehmen scheint. Zusätzlich wird Frank auch noch von traumatischen Kindheitserinnerungen gequält, die ebenfalls nichts erklären, dafür aber umso mehr in ihrer Küchenpsychologie beschämen. Das einzige gelungene ausschmückende Element stellen Franks Halluzinationen dar, die das Irrationale und Wahnhafte seiner Taten aufzeigen. Weniger wäre im Falle von MANIAC also tatsächlich mehr gewesen.

Der Film erscheint am 21. Mai auf DVD.

Bild-Copyright: Ascot Elite

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