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Der heilige Marco Müller, die Akkreditierung für die Akkreditierung, chinesische Amour Fou in Paris und kostenlose Gondelfahrten.

Venedig-Blog, Folge 1

„We are sorry for the interruption. The screening will start as soon as possible.“ Erste Vorführung am ersten Tag – wir sind wieder in Venedig. Mitten im Trailer, der knalligen Lumière-Burleske, die im Auftrag des Festivalleiters Marco Müller eingefärbt und am Computer aufgepeppt wurde.
Genau gesagt ist es noch gar nicht der erste, sondern der vorerste Tag, der Tag „-1“. Ein paar Pressevorführungen laufen schon, die ersten Gäste klappern mit ihren Rollkoffern über den Lido, beziehen die Appartements, die für knapp zwei Wochen Zuhause, Büro und Fluchtpunkt zugleich sein werden. Erst am Abend des nächsten Tages werden die Filmfestspiele von Venedig offiziell eröffnet – und alles hier vor Ort sagt uns, was für eine Frechheit es aber auch ist, einfach zu erwarten, dass hier über einen Tag vorher schon etwas funktionieren muss.
„Please take your seat. The screening is about to begin.“ sagt die warme, aber autoritäre Frauenstimme aus der Dose jetzt schon zum zweiten Mal, Lacher im Saal, denn das Licht geht nach 30 Sekunden wieder an. Es dauert 20 Minuten, dann erst beginnt die Vorstellung von Love and Bruises, der die Nebenreihe Giornate Degli Autori, international auch Venice Days genannt, eröffnet. Der Regisseur ist kein Geringerer als der Chinese Lou Ye, und man wundert sich ein bisschen, dass ein Film dieses Regisseurs in einer Nebenreihe läuft. Schließlich hat Lou Ye, Regisseur unter anderem von Suzhou River und Summer Palace und einer der interessantesten und besten Filmemacher Chinas, zuletzt in Cannes einen Drehbuch-Preis gewonnen; seine letzten drei Filme liefen im dortigen Wettbewerb.

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Love and Bruises hat schon mal vieles, was einen einnimmt: Er ist ein richtiger Paris-Film und handelt von Chinesen. Produziert wurde in Frankreich von Isabelle Glanchet (Why Not Productions). Es geht los mit einem Streit mitten auf der Straße: „Je t’aime plus“ sagt ein französischer Enddreißiger im Anzug, „I loved you in Beijing. You are in Paris. You are free now.“ Die Frau, eine Chinesin, die vielleicht Ende 20 ist – „28“ sagt sie später einmal, aber das muss ja nicht stimmen – oder auch Anfang 30, ist sichtbar erschüttert. Wie in Trance taumelt sie vom Ort der Niederlage… Über eine Brücke… Über einen Markt… Um dort einen weiteren Schlag zu bekommen – ein Balken, der von einem Marktarbeiter getragen wird, trifft sie unglücklich am Kopf, sie stürzt zu Boden. Der Arbeiter kümmert sich um sie und als er sieht, dass sie nur etwas benommen, aber nicht weiter verletzt ist, beginnt er sofort zu flirten. Er ist charmant, sie lässt sich zum Essen einladen. Er heißt Mathieu, sie heißt Hua. Als er sie nach Hause bringt, erwartet er eine Gegenleistung, als sie sich sträubt, kommt es an einem Maschendrahtzaun zu einem nicht sehr eindeutigen Sex, halb zieht er sie, halb sinkt sie hin. Dann aber geht sie mit ihm mit, und so ist alles eine Mischung aus sexueller Gewalt und Leidenschaft.
Mathieu und Hua sind zwar nicht ganz Seberg und Belmondo, aber diese sich nun entspinnende, wechselhafte Amour Fou erinnert doch eine Weile an Außer Atem. „Life’s good“ steht auf seiner großen Werbetafel. Aber Mathieu ist in Kleinkriminalität verwickelt, seine Freunde tendieren zu Rassismus und Frauenverachtung, er selbst spricht bald von Heirat, Kindern und davon, dass sie dann zuhause bleiben soll – „Your science is crap.“, sie lacht nur und will doch nicht von ihm lassen. Viel mehr als Sex und Gespräche über Döner und Musik haben sie nicht gemeinsam, und man muss ihrem chinesischen Ex-Lover zustimmen, der sagt: „Er ist unter deinem Niveau.“
So erzählt der Film über diese Story einer chinesischen Akademikerin und eines französischen Arbeiters noch viel mehr: Von Liebe, die nur Sex ist, von Klassenkonflikten und Milieus, von kultureller Differenz. „What’s Chinese for you?“ fragt Hua einen ihrer Professoren.

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Und es geht um Politik: „The fight continues“ sagt einer von Huas Professoren in der Vorlesung, erzählt von Frauenemanzipation in den 60ern. Darüber legt Lou Ye dann pathetische Streicher-Musik, voller Ernst und Heißblut. Irgendwann ist Hua dann zurück in China. Dort arbeitet sie als Dolmetscherin für eine französische Journalistin. Und wir hören folgendem Dialog zu: „Gibt es eine Opposition in China?“ – „Das ist eine typisch westliche Frage. … Ich bin kein Dissident. Ich habe eine andere Meinung. … Demokratie ist ein Lernprozess. … Automatisches Vergnügen ist kein echtes Vergnügen. Das sieht man an den Olympischen Spielen.“ Klarer in seinen politischen Aussagen kann ein chinesischer Film nicht sein. Auch was ihr ein Vorgesetzter sagt, als sie sich entschließt, in China zu bleiben, ist ein klares Statement: „We need people like you, Comrade Hua. Contribute building your country.“ Das ernste Leben ist besser, als die Flucht in die Spaßgesellschaft. Und in China ist das Leben ernst.

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Momente wie diese dürften der Grund sein, warum der Film nicht im Hauptwettbewerb läuft, den Marco Müller lieber Staatstragendem vorbehält. Müller ist bekanntlich Chinesenversteher. ganz wörtlich gemeint, denn er spricht angeblich 17 (oder waren es 18) chinesische Dialekte. Aber ganz so wörtlich ist das sowieso nicht gemeint, eher metaphorisch, so wie man über einen mittelalterlichen Heiligen schon mal sagte, er könne die Stimmen der Tiere verstehen. Müller muss so ein Heiliger sein. Und wie man diese nicht versteht, wenn sie mit den Tieren reden, so versteht man eben auch Müller manchmal nicht.

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Noch einmal ist Hua in Frankreich, in Arras in einer Arbeitersiedlung aus dem 19. Jahrhundert, die, mit Kohleberg gleich daneben, direkt aus Germinal stammen könnte. Sie besucht Mathieu, weiß aber schon, dass sie den Chinesen heiraten wird, der sie füttert, sich um ihren Vitaminhaushalt sorgt, und verspricht „Keine Lügen.“ Im Gegensatz zu Mathieu, der ihr sogar seine erste Ehe vorenthielt. Und da setzt die Männersolidarität ein: „You are getting married and you are here? You are a real bitch“ sagt Mathieu.
Die schlechthin großartige (Hand-)Kamera von Yu Lik Wai – der auch selbst Regisseur ist, und viel für Jia Zhang-ke arbeitet, fängt das alles in leichten, luftigen Bildern ein. Sie fliegt und fließt ein ums andere Mal, mitunter gehen Paris und Peking ineinander über, und auch sonst herrscht in diesem tollen Film ein wunderbarer Fragmentarismus, eine experimentelle Grundhaltung. Wenigen gelingt diese Art flirrenden Kinos so gut, wie Lou Ye.

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Wir sind wieder in Venedig. Die Menschen sind braungebrannt, die Frauen (und manche Männer) leicht bekleidet. Das Wetter herrlich, so schwül, dass es sogar den Mücken zu anstrengend ist. Das ist auch körperlich eine ziemliche Umstellung denn nur einen Tag zurück lag der kalte deutsche Regensommer. Für die Filmauswahlsichtung fürs Festival Mannheim Heidelberg, die vergangene Woche stattfand, war das ganz passend. Und dann wurde mit zwölfstündiger Zugfahrt alles anders. Ein Wandel der Welt, die über München und Villach immer verschlampter und lockerer wurde – oder soll man sagen: südlicher? – bis zu dem Moment, wo wir in Venedig Mestre ausstiegen, und kein Zug mehr in die Stadt fuhr, auch kein Bus, sondern nur Taxen, die groteske 25 Euro für die kurze Fahrt wollten. Und dann, als wir uns gerade breitschlagen ließen, das zu bezahlen, kam ein Bus, unfahrplanmäßig, eben italienisch aus dem Nichts. Der Fahrer wollte noch nicht einmal Geld, drängelte nur zur Eile und fuhr uns in fünf Minuten zur Piazzale Roma. Dort tuckerte dann die Nachtgondel eine Dreiviertelstunde lang durch ein wunderschön verschlafenes nächtliches Venedig.

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Vor dem Film kam der Trailer der Giornate. Gesponsort hat die Firma „Luce“, also sieht man zur Musik von Battle of Algiers (von Morricone) alte Schwarzweißaufnahmen: Der junge Bertolucci, ein Fußballspiel, ein Filmset. Schön. Unklar. Eindrucksvoll.

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Wenn man seine Akkreditierung will, und nicht die ausgedruckte Bestätigungsmail vorweisen kann, muss man sich bevor man den Palazzo des Festival betritt, einen Ein-Tages-Pass abholen. Also eine Akkreditierung für das Abholen der Akkreditierung.

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Alles scheint also wie es war, aber nichts ist, wie es gerade noch war. Eine Modifikation des ganzen Leben. Warum schreibe ich hier eigentlich? Und vor allem: Für wen? Natürlich für die, die nicht da sind, sondern weit weg. Für die, die ganz nahe sind. Für Freunde. Für Filmemacher. Auch für die Kollegen. Für Josef Schnelle, der hier ist, und nicht mehr genannt werden will. Für Michael Althen, der leider nie mehr hier sein wird, und doch nicht wegzudenken ist. Für die, die es lesen, und für die, die es nicht lesen, für die, die mir daraufhin Mails schreiben, für die, die anderen Mails schreiben, für die, die sich über die Texte freuen und für die, die sich über sie aufregen.
In diesem Sinne: Have fun! Denn wie der gute alte Münchner Kollege Bodo Fründt neulich ganz wunderbar formuliert hat: Ein Filmfestival muss vor allem Spaß machen.

Hier lesen Sie alle Berichte von Rüdiger Suchsland aus Venedig.

Bild-Copyright: Wild Bunch

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