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Martin Gobbins Berlinale Tagebuch: 3

von | 12 Feb 2017 | Berlinale 2017 | 0 Kommentare

Wilde Maus

7/10 Punkte
Josef Hader, Österreich 2017
Sektion: Wettbewerb

„Die Zauberflöte ist keine Oper, sondern ein Singspiel“, blafft der Musikkritiker Georg seine junge Kollegin an. Ex-Kollegin besser gesagt, denn Georg ist gerade gefeuert worden, weil er noch einen Altvertrag hat und dadurch deutlich mehr verdient als die zwar ahnungslose, aber eben günstige Kollegin. Seiner Frau Johanna – einer dem Alkohol durchaus verbundenen Psychotherapeutin mit ebenso verspätetem wie verzweifeltem Kinderwunsch – sagt er nichts von der Entlassung. Jeden Morgen macht er sich angeblich auf in die Redaktion, tatsächlich aber fährt er zum Prater und sinnt auf Rache an seinem ehemaligen Chef. Er steigert sich immer mehr in diese Aufgabe hinein und beginnt langsam, seine Fantasien wahrzumachen, was zu aberwitzigen Szenen führt, die Georgs zutiefst bürgerliche Existenz mit mal spätpubertären, mal kriminellen Taten kontrastieren. Josef Hader macht aus seinem Regiedebüt eine lakonische Komödie, die seine typischen, selbstironischen Figuren bruchlos fortsetzt. Je länger der Film aber andauert, desto mehr Ernst entwickelt er in seiner Darstellung von Midlife-Krisen, Beziehungstälern und Selbstzweifeln. „Wilde Maus“ ist eine gut ausgeglichene Mischung aus vielen sehr amüsanten Momenten, allgemeingültigen Problemen mit hohem Identifikationspotenzial und emotionalen Wandlungen. Das ist einerseits mehr als viele andere Berlinale-Beiträge von sich behaupten können und andererseits nicht mehr als unterhaltsames gediegenes Arthouse-Kino: Zu tiefgründig für reines Entertainment, aber leicht genug, um zumindest im Programmkino massentauglich zu sein.


On Body and Soul (Testről és lélekről)

8/10 Punkte
Ildikó Enyedi, Ungarn 2017
Sektion: Wettbewerb

Als Marika zum ersten Mal auf den Knopf drückt, wendet sich der gesamte Film. Regisseurin Ildikó Enyedi zeigt sich geduldig, ehe sie dieses Ass von einer Szene aus dem Ärmel schüttelt – genau das zahlt sich im letzten Drittel aus. Sie baut langsam ihre Geschichte auf, die zunächst als absurde Komödie erscheint: Da ist der Finanzchef eines Schlachthofs, der mit der Liebe abgeschlossen hat, und Marika, eine neue Kollegin, die eine autistische Störung hat, entsprechend menschenscheu und distanziert ist und mit Gefühlen anderer nur durch Auswendiglernen erwarteter Reaktionen umgehen kann. Diese beiden verhärmten Seelen werden aufeinander aufmerksam, als sich herausstellt, dass sie des nachts exakt dasselbe träumen: Sie werden dabei zu Hirschen im Winterwald. Diese magisch-realistischen Szenen fügt Enyedi immer wieder in die eigentliche Erzählung ein. Dem im Traum offenbar werdenden, beidseitig wachsenden Wunsch nach Zweisamkeit steht jedoch Marikas Unfähigkeit im Weg, menschliche Nähe emotional oder gar körperlich zuzulassen. Dabei „trainiert“ sie hart dafür: Mit der Hand im Kartoffelbrei simuliert sie das Empfinden menschlicher Körperwärme, ein Plüsch-Panther darf ihren Busen liebkosen, nur das eigenständige Fühlen bereitet ihr immer noch Schwierigkeiten. Dann aber drückt Marika auf jenen Knopf – den Play-Button eines CD-Players. Es erklingt Laura Marlings unmittelbar ergreifendes Lied „What he wrote“ und zum ersten Mal spürt Marika wirklich etwas. Spätestens, wenn das Lied zum zweiten Mal ertönt, hat sie das Fortgeschrittenen-Stadium ihrer „sentimental education“ erreicht. Das klappt zwar im Finale zwar alles etwas sehr schnell, aber wie Ildikó Enyedi mit einer Badewannen-Szene, einer letzten Einstellung im Wald und eben Laura Marlings Lied jenen Stau an Emotionen freisetzt, den sie geduldig aufgebaut hat – das erzeugt schon eine mitreißende Wucht und vielleicht sogar ein paar feuchte Wangen.

Requiem for Mrs. J (Rekvijem za gospodju J.)

7/10 Punkte
Bojan Vuletic, Serbien 2017
Sektion: Panorama

Frau J. will nicht mehr mitspielen. Vor einem Jahr ist ihr Mann gestorben, zudem hat sie ihren Job verloren und ist schwer depressiv. Auch wenn eine ihrer Töchter noch jung und die andere gerade schwanger ist: Frau J. will sich umbringen. Das ist aber gar nicht so einfach. Zwar besitzt sie eine Schusswaffe, doch sie will nicht, dass ihre Familie durch den Anblick ihres zerstörten Körpers traumatisiert wird. Schlafmittel wären die bessere Lösung, doch dazu muss ihre Krankenversicherungskarte erstmal erneuert werden – ein kafkaesker Irrgang durch diverse Institutionen beginnt. Was zunächst als eine schwarzhumorige Variante des osteuropäischen Miserabilismus anfängt, verwandelt sich immer mehr in ein berührendes Familiendrama mit politischem Unterton: Wofür lebt der Mensch, wenn er weder familiär noch beruflich gebraucht wird, wenn sein Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist? Neben der starken Hauptdarstellerin Mirjana Karanovic überzeugt vor allem die Montage: Bojan Vuletic schneidet mit präzisem Timing immer dann, wenn das jeweilige Kapitel auf dem Höhepunkt angekommen ist. Insbesondere der finale Akt hinterlässt einen bleibenden Eindruck – einerseits dank einer wunderbar surrealistischen Szene, andererseits aufgrund des zärtlichen Endes, das von der unbedingten Liebe unter Familienmitgliedern kündet.

Skins (Pieles)

6/10 Punkte
Eduardo Casanova, Spanien, 2017
Sektion: Panorama

Dass Álex de la Iglesia – Vorreiter der Welle an schrillen Grotesken aus Spanien – als Produzent von „Skins“ fungiert, deutet bereits an, dass der Debütfilm des 25-jährigen Regisseurs Eduardo Casanova ebenfalls äußerst bizarr daher kommt: Die Interieurs werden von quietschigem Pink und Lila geprägt. Vor allem aber sind sämtliche Figuren „deformiert“, wie es im Film heißt: Eine ist adipös, eine kleinwüchsig, zwei haben schwer entstellte Gesichter, eine keine Augen, ein unter Body Integrity Identity Disorder leidender Teenager will seine Beine amputieren lassen und bei einem Mädchen wurden Mund- und Afteröffnung vertauscht. Dieser Reigen an lose verbundenen „Freak“-Geschichten ist betont skurril und mitunter bewusst nervig, insbesondere wenn der Humor auf Jahrmarkt-Niveau sinkt und teilweise auf Kosten der „Deformierten“ geht. Und dennoch: Es ist ein Film, der sich etwas traut, ein exzessives, fantasievolles Debüt jenseits des guten Geschmacks – es steckt viel Kult-Potenzial in „Skins“. Zudem gleicht Casanova die dreckigen Witze durch die Wärme aus, mit denen er seine Figuren zeichnet. Und eines beherrscht der junge Regisseur besonders beeindruckend: Er kann aus dem Nichts heraus Emotionen voll aufdrehen, von Null auf Tränen in wenigen Sekunden.

One Thousand Ropes

5/10 Punkte
Tusi Tamasese, Neuseeland 2016
Sektion: Panorama

Maea ist Bäcker, Geburtshelfer, Ex-Boxer, Gastgeber eines friedlosen Geistes und Beschützer seiner schwangeren, von ihrem Freund misshandelten Tochter. Maea hat es dabei nicht leicht: Knetmaschinen ersetzen ihn zunehmend als Bäcker, er hat Probleme seine Wut und Aggressionen zu kontrollieren, seine Hebammentätigkeit wird vom bösen Hausgeist gestört – und der Geist bedroht zudem seine Tochter, die wiederum überlegt, zu ihrem gewalttätigen Partner zurückzukehren. Regisseur Tusi Tamasese gelingt es nicht, aus diesen fünf Geschichten einen kohärenten Film zu konstruieren. Der Plot ist wirr, weil überladen, und der Film erzählt, ohne dabei etwas zu sagen. Dem Ernst des Dramas kommen immer wieder billige Horrorelemente dazwischen. Dass „One Thousand Ropes“ bei der Berlinale läuft, hat er wohl vor allem der Tatsache zu verdanken, dass sein Regisseur samoanischer Herkunft ist und die Dialoge größtenteils in samoanischer Sprache gehalten sind – schließlich setzt sich das Festival seit Jahren für indigenes Kino ein. Das ist zweifellos ein hehres Unterfangen, nur ist „gut gemeint“ eben nicht immer gleich „gut gemacht“. Und ob dem Ruf des indigenen Kinos mit solch mittelmäßigen Produktionen wirklich gedient ist, bleibt fraglich.


Foto: © WEGA Film

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