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Martin Gobbins Berlinale Tagebuch: 5

von | J Feb 2017 | Berlinale 2017 | 0 Kommentare

Stonehead (Shi Tou)

6/10 Punkte
Zhao Xiang, China 2016
Sektion: Generation

„Auf der ganzen ersten Welt gibt es sie für wenig Geld“, so heißt es bei Funny van Dannen in einem Lied über Plastikbälle. Das Problem des zehnjährigen Zhu ist, dass sein Teil Chinas noch nicht zur ersten Welt gehört und ein eigener Ball daher unerschwinglich erscheint. Ein Ball bringt nicht nur Zhus Geschichte ins Rollen, er dient auch dem gesamten Film als MacGuffin: Zhu ist ein Musterschüler und bekommt zur Belohnung eben jenen Ball geschenkt. Mit den Klassenkameraden, die ihn in der Pause nicht mitspielen lassen, will er diesen Schatz natürlich nicht teilen – doch der strenge Lehrer befiehlt genau das, also schlitzt Zhu den Ball auf. Lieber gar kein Ball als ein geteilter. Doch das macht ihn und seinen besten Freund natürlich noch mehr zu Außenseitern. Das eigentliche Drama des Films spielt sich aber nicht auf dem Bolzplatz ab, sondern am einzigen Telefon des Dorfes. Dort versucht Zhu immer wieder erfolglos, seine Eltern zu erreichen. Die sind so weit entfernt, dass sie es selbst zum Neujahrsfest nicht nach Hause schaffen. Und so wie Zhu geht es vielen Kindern in seiner Schule. Mit der Abwesenheit der Eltern macht Regisseur Zhao Xiang auf ein riesiges chinesisches Problem aufmerksam: Rund 270 Millionen Menschen im sind im Reich der Mitte als Wanderarbeiter unterwegs, viele lassen ihre Kinder auf dem Land bei den Großeltern. Der Film erzählt zwar recht gemächlich von diesem Problem und am Ende wird es etwas moralinsauer, doch wichtiger ist die Frage, die er aufwirft: Was macht es mit einer ganzen Generation von Kindern, dass sie ohne ihre Eltern aufwachsen?


Ghost in the Mountains

3/10 Punkte
Yang Heng, China 2017
Sektion: Panorama

Sie: „Weißt du noch, wie wir uns hier zum ersten Mal geküsst haben?“. Er: „____________________ .“ Sie: „Wahrscheinlich hast du es längst vergessen.“ Er: „______________________ “. Yang Hengs „Ghost in the Mountains“ – ein Drama über einen chinesischen Wanderarbeiter, der nach zehn Jahren in sein Heimatdorf zurückkehrt und seiner Jugendliebe wiederbegegnet – ist einer jener Filme, in denen Menschen nicht auf Fragen und Aussagen anderer antworten. Stattdessen stehen sie stumm und indifferent da und starren schwer gedankenversunken in die Ferne. Und natürlich rauchen sie dabei immerzu. So wirkt ihr Schweigen gleich viel mysteriöser, tiefgründiger, cooler. Yang Heng kopiert solche Arthouse- und Film-Noir-Klischees mit einer derartigen Penetranz, dass völlig ernst gemeinte Szenen irgendwann nur noch lächerlich und unfreiwillig komisch wirken. So schwerfällig wie die Dialoge ist auch das Tempo des Films, denn in puncto lange Einstellungen imitiert Yang ebenfalls den Habitus zahlreicher Werke des „Slow Cinema“, nur hat er leider wenig zu sagen. Und so dehnt sich die Zeit, die Kamera dreht sich immer wieder quälend langsam um 360 Grad, die Figuren verhalten sich wie auf Diazepam und der Plot stellt noch die aufreibendsten Szenen maximal entdramatisiert dar. „Ghost in the Mountains“ ist genau der richtige Film für alle, die immer schon mal Menschen beim Rauchen zusehen wollten – wobei selbst das noch weniger interessant ist als in James Bennings „Twenty Cigarettes“.


Ciao Ciao

4/10 Punkte
Song Chuan, China 2017
Sektion: Panorama

Regisseur Song Chuan provoziert gern: Er wählt nervtötende Technotracks aus zur kontrapunktischen Unterlegung seiner Bilder aus dem ländlichen China. Er zeigt mehrere, für chinesische Verhältnisse sehr explizite Sexszenen. Und er achtet penibel darauf, dass nur ja kein Funken Sympathie für eine seiner Hauptfiguren aufkommt. Als die junge Ciao Ciao für einen Kurzurlaub in ihrem Heimatdorf in den Bergen eintrifft, begrüßen die Schulkinder sie mit dem Wort „Schlampe“ – eine Zuschreibung, die nicht ganz unzutreffend ist. Regelmäßig telefoniert sie mit einer Freundin in der Großstadt und versichert ihr, bald dorthin wiederzukehren – dann eines Tages aber teilt sie ihr ohne erkennbaren Grund mit, dass sie noch eine ganze Weile in dem Dorf, das sie hasst, bleiben wird. An Li Wei kann es jedenfalls nicht liegen. Mit ihm, einem testosterongesteuerten Kriminellen ohne Ambitionen, beginnt sie zwar eine Fickbeziehung, an sich öden sich die Beiden aber gegenseitig an. Trotzdem wollen die Beiden heiraten, ist klar. Ehe das geschieht, findet Song Chuan allerdings ein Ende für seinen Film, das in seiner Willkürlichkeit wohl wiederum eine Provokation sein soll. In der besuchten Vorstellung provozierte der Film indes vor allem vorzeitige Walkouts und gelangweiltes Schulterzucken.


The Taste of Betel Nut (Bing Lang Xue)

5/10 Punkte
Hu Jia, China 2017
Sektion: Panorama

Li Qi und Ren Yu führen eine offene Beziehung. Li ist der fürsorgliche, liebevolle Part, Ren der extravagante Playboy. Sie brauchen ihre Homosexualität weder verstecken noch erleben sie Diskriminierungen. Zumindest in ihrer tropischen, modernen Stadt im Süden Chinas muss kein Kampf mehr um die Toleranz gegenüber Schwulen ausgefochten werden. Dennoch zeigt uns schon der Prolog, dass Li im Lauf der Geschichte jemanden töten wird. In einer klassischen Ellipsenstruktur erzählt der Film, wie es dazu kommt – primär geht es aber um den Alltag der beiden Männer. Eine dramatische Zuspitzung erfährt der Plot erst nach etwas mehr als der Hälfte der Laufzeit, als die junge Bai Ling in das Leben von Li und Ren tritt. Es entwickelt sich eine ménage á trois, doch eigentlich möchte Bai Ling einen der Männer ganz für sich allein haben, der aber kann sich eine monogame Beziehung überhaupt nicht vorstellen. Polygamie als Normalzustand – das wäre eine interessante, provokante These. Doch Regisseur Hu Jia interessiert sich nicht wirklich für Beziehungskonzepte, er braucht Bai Ling lediglich als MacGuffin, der eine Gewalttat auslöst und in der Konsequenz zum eingangs gezeigten Mord führt. Allerdings hat selbst diese erzählerische Entwicklung herzlich wenig mit dem polygamen Lebensstils von Li und Ren zu tun.
Zudem fallen einige unmotivierte, rein als Selbstzweck existierende Stilmittel negativ auf – willkürliche Abblenden, prüde Bildüberlagerungen und flackerndes Neonlicht –, mit denen Hu Jia um die Aufmerksamkeit des Publikums kämpft.


The Tokyo Night Sky Is Always the Densest Shade of Blue (Yozora wa itsudemo saikô mitsudo no aoiro da)

5/10 Punkte
Yûya Ishii Japan 2017
Sektion: Forum

Einmal, als der Film romantisch zu werden droht, geht Regisseur Yûya Ishii von realen Aufnahmen zu Animationen über und lässt einen knuffigen Hundewelpen vergasen. Diese emotionale Brutalität findet sich auch bei der Protagonistin Mika wieder: Wenn der Bauarbeiter Shinji ihr unbeholfen seine Zuneigung zeigt, antwortet sie „Geh sterben!“, obwohl sie ihn eigentlich auch mag. Ihrer frisch verliebten Schwester prognostiziert sie, dass ihr neuer Freund sie irgendwann sowieso verlassen wird. Und wenn sie in ihrem Job als Krankenschwester den Angehörigen eines gerade Verstorbenen begegnet, denkt sie sich folgende Trostworte: „Keine Sorge! Den habt ihr sowieso bald vergessen.“ Die unheimlich spannende Frage, die Yûya Ishiis Romantic Dramedy stellt, lautet: Können Mika und Shinji – diese beiden einsamen Seelen, sie die Fleisch gewordene Kälte und Schroffheit, er der seltsame Eigenbrötler – jemals zusammenfinden? Diese Banalität und die zunehmende Überzuckerung des Films sind insbesondere deshalb schade, weil „Tokyo Night Sky“ vielversprechend beginnt, stilistisch erfreulich verspielt ist und durch zunächst unbemerkte Kontext-Sprünge immer wieder geschickt Finten legt. Sein Thema aber, die Einsamkeit in der Urbanität, hat der stilistisch durchaus ähnliche argentinische Film „Medianeras“ vor einigen Jahren deutlich tiefgründiger bearbeitet.

© V Shinebrothers Entertainment (Bing Lang Xue)

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