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Martin Gobbins Berlinale Tagebuch: 6

von | 15 Feb 2017 | Berlinale 2017 | 0 Kommentare

The Party

5/10 Punkte
Sally Potter, Großbritannien 2017
Sektion: Wettbewerb

„Ich bin Professorin für Geschlechtergerechtigkeit in der Literatur des amerikanischen Utopismus“. Diesen Schenkelklopfer liefert der Wettbewerbs-Beitrag „The Party“ – ein billiger Witz über die abgehobene Weltferne Intellektueller, der garantiert bei so ziemlich jedem Publikum zündet. Wem das reicht, der ist in „The Party“ gut aufgehoben, denn zu lachen gibt es hier viel – zu denken oder zu sagen dafür umso weniger. Eine Gruppe Alt-Achtundsechziger trifft sich zu einer privaten Feier, weil eine von ihnen es geschafft hat: Sie wird in Kürze Gesundheitsministerin. Für die Party hat sie etwas gebacken, was mehrfach zu wahnsinnig witzigen Kommentaren führt, dass sie als Feministin doch eigentlich nicht in der Küche stehen dürfe. Bei einer anderen Figur wird Feminismus auf Männerhass reduziert. Und Bruno Ganz spielt eine Rolle, deren einzige Aufgabe es ist, ganzheitliche Esoterik lächerlich zu machen. Kurzum: Sämtliche Rollen im Film sind arg eindimensional, die Dialoge wirken gekünstelt und mehrere Darsteller wurden offenbar gebeten, möglichst übertrieben zu spielen. Der Plot wiederum ist auf Teufel-komm-raus so konstruiert, dass alle Geheimnisse der Beteiligten an diesem einen Abend rauskommen und viele davon auch noch miteinander verbunden sind. Sämtliche Paarbindungen zerfallen an diesem Abend und am Ende ist mindestens eine Person tot. Das Erfreulichste an dieser belanglosen Screwball-Komödie fürs Arthouse-Publikum ist, dass sie nur 70 Minuten dauert.


From the Balcony (Fra balkongen)

7/10 Punkte
Ole Giæver, Norwegen 2017
Sektion: Panorama

Richard Strauss‘ dramatische Komposition „Also sprach Zarathustra“ ist filmgeschichtlich untrennbar mit Stanley Kubricks „Space Odyssey“ verbunden. Kubrick stellt darin die ganz große Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Ole Giæver greift ebenfalls auf Strauss‘ Stück zurück, während er mit Google Earth erst nach Europa, dann nach Norwegen, nach Oslo, in seine Straße und schließlich auf seinen Balkon zoomt. Die gleiche Musik, dort für die Makroperspektive auf die Menschheit, hier für die Mikroperspektive auf Ole Giævers Leben. Doch so unterschiedlich sind diese Perspektiven gar nicht, denn „From the Balcony“ stellt sehr ähnliche Fragen wie Kubricks Meisterwerk, nur eben aus dem Point of View des norwegischen Regisseurs. Giæver bebildert dabei seinen wandernden „stream of consciousness“: Es geht viel um das Thema Vaterschaft, aber auch um das Kindsein gegenüber den eigenen Eltern, um prägende Erfahrungen, die ihn zu dem gemacht haben, der er ist, um den Tod, das Weltall und die individuelle (In-)Signifikanz seiner Existenz. Anders als in Giævers vorherigem, ebenfalls autobiographischem Film „Out of Nature“ kommen Sexualität und Partnerschaftsprobleme kaum zur Sprache – vielleicht aus Rücksicht auf seine Frau, die in „From the Balcony“ oft zu sehen ist. Mit einer Collage aus alten Home Videos, aktuellen dokumentarischen Aufnahmen, fiktionalen Szenen und Internetclips philosophiert Giæver vor sich hin – und stellt naturgemäß mehr Fragen als er Antworten gibt. Die ständige Selbstbespiegelung und die Bruchstückhaftigkeit des Films mögen ab und zu nerven – doch auch wenn Giæver von sich selbst erzählt und viele Themen nur kurz anreißt, ist ihm ein Werk gelungen, das über universelle Fragen nachdenkt, die fast jedem im Leben begegnen.


Devil’s Freedom (La libertad del diablo)

6/10 Punkte
Everardo González, Mexiko 2017
Sektion: Special

Mexiko ist eine Demokratie. Ein Rechtsstaat aber ist das Land nicht. Drogenbanden, Militär und Polizei sind teilweise ununterscheidbar. In „Devil’s Freedom“ berichten Menschen, wie ihre Angehörigen willkürlich vom Staat festgenommen und dann direkt in die Folterkammern der Narcos weitergereicht wurden. Wer Glück hat, erfährt irgendwann vom Tod der Mutter oder des Sohnes – wer Pech hat, verbringt den Rest seines Lebens in Ungewissheit. Hunderttausende Mexikaner sind auf diese Weise „verschwunden“, Hunderttausende Leben wurden ohne Grund zerstört. Das Perverse ist, dass die Opfer mit Masken vor der Kamera sitzen, um sich vor der Verfolgung durch die Mörder ihrer Familienmitglieder zu schützen. Auch einige ausgestiegene Henker kommen zu Wort – einer wurde als Jugendlicher direkt von einer Drogenbande als Killer angeheuert, ein anderer wurde Polizist, um für Gerechtigkeit zu sorgen, doch seine Vorgesetzten zogen ihn mit hinab in die Folterkeller und anonymen Massengräber. „Devil’s Freedom“ erzählt eine wichtige Geschichte, keine Frage. Doch die relativ hohe Anzahl der Gesprächspartner lässt pro Fall nur wenige Minuten zu. Im vergangenen Jahr hatte sich Tatiana Huezos Berlinale-Beitrag „Tempestad“ dem selben Thema gewidmet, folgte dabei aber „nur“ zwei Einzelschicksalen. Diese qualitative Konzentration erweist sich im direkten Vergleich mit „Devil’s Freedom“ als Vorteil, denn es sind die Familiengeschichten, die Details, die Schilderungen des Lebens nach der Entführung, die den Zuschauer erahnen lassen, wie innerlich zerstört die überlebenden Angehörigen sind. „Devil’s Freedom“ setzt eher auf multiperspektivische Berichte und erreicht dadurch nicht die Intensität von „Tempestad“.


Butterfly Kisses

5/10 Punkte
Rafael Kapelinski, Großbritannien 2017
Sektion: Generation

„Butterfly Kisses“ dauert 89 Minuten lang. Über 80 Minuten sieht der Film aus wie eine typisch britische Sozialstudie: Wir lernen drei Freunde kennen, die vielleicht 16 Jahre alt sind, in einem hässlichen Plattenbau wohnen und zur abgehängten Unterschicht zählen. Einen großen dramatischen Spannungsbogen hat der Film nicht, er zeigt einfach nur, wie junge Männer in ärmlichen Verhältnissen leben. Kyle und Jarred haben außer Sex, Pornos und Drogen kaum andere Themen, ihr Kumpel Jake hingegen ist merklich zarter und introvertierter. Oft steht er hinter einer Fensterscheibe und beobachtet andere Menschen, während Kyle und Jarred stets mitten im prallen Leben stehen. Auch sexuell ist Jake bisher nur Zuschauer. Er hofft, dass sich das durch die schöne Zara ändert, die gerade in das Viertel gezogen ist. Etwas schüchtern lädt er sie auf ein Date im Café ein und anschließend zu einer Halloween-Party ein. In der Partynacht erfährt eine Demütigung, die ihm die Sicherung durchbrennen lässt, was der Film durch ziemlich dick aufgetragene Orgelmusik ankündigt. Und dann springt plötzlich Kai aus der Kiste: Nach 80 Minuten Milieustudie vollführt Regisseur Rafael Kapelinski eine scharfe Wendung und kommt mit einem äußerst explosiven Thema um die Ecke. Dieses reitet er dann in 5 Minuten durch, weshalb lauter Ungereimtheiten und Fragen im Raum stehen bleiben, die im schlimmsten Fall zu gefährlichen Verallgemeinerungen einladen.


Lady of the Lake (Loktak Lairembee)

5/10 Punkte
Haobam Paban Kumar, Indien 2016
Sektion: Forum

In einer Wasserlandschaft im Nordosten Indiens wohnt ein Paar in einer Holzhütte, die wiederum auf einer freischwimmenden Mini-Sumpfinsel steht. Ihr eigentlich Haus wurde vor kurzem von der Regionalregierung abgefackelt, genau wie die Häuser ihrer Nachbarn. Doch die Bewohner lassen sich nicht so einfach vertreiben, sie protestieren gegen die Verdrängungsmaßnahmen und überlegen sogar, vor Gericht zu ziehen. „Lady of the Lake“ ist über weite Strecken ein Dokumentarfilm: Er zeigt zwei Menschen, die sich ständig gegenseitig nerven und doch zusammen bleiben. Er zeigt eine wundersame Landschaft, in der Menschen beinahe über Wasser laufen und Landstücke beliebig auf dem Wasser verschieben. Und er macht auf die Unterdrückung der Bewohner aufmerksam, die vom Staat ausgeht. Leider reicht dies dem Regisseur nicht, weshalb er nach der Hälfte der Spielzeit eine Schusswaffe und damit eine fiktive Ebene ins Spiel bringt. Doch die Krimi-Handlung bleibt halbherzig und dann entwickelt sich plötzlich auch noch eine seltsame Geistergeschichte daraus.

Bild: © Animal de Luz Films

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