Seite auswählen

Martin Gobbins Berlinale Tagebuch: 7

von | 15 Feb 2017 | Berlinale 2017 | 0 Kommentare

Ein Weg

7/10 Punkte
Chris Miera, Deutschland 2017
Sektion: Perspektive Deutsches Kino

Ausgerechnet am Valentinstag sehe ich so einen Film! Ein sensibles, trauriges Beziehungsdrama – ein starker Film, der unter die pinke Herzchen-Deko guckt und eine langjährige Beziehung in ihrem Auf und Ab beobachtet. Max sagt „Papa“ zu seinem Vater Andreas und „Dad“ zu dessen Lebensgefährten Martin. Seit 13 Jahren sind die Beiden zusammen. Es soll für immer sein, haben sie einander geschworen. Doch auch wenn oft die lange gewachsene Liebe hindurchscheint: Hauptsächlich leben Andreas und Martin inzwischen nebeneinander her. Der eine ist gern in Ruhe zu Hause, der Andere unternimmt lieber etwas. Einer arbeitet zu viel, einer findet keinen Job, beide haben Geldsorgen. Es mangelt an Kommunikation, ständige Kompromisse haben die Beiden mürbe gemacht. Echtes Beziehungsleben eben. In mehreren Rückblenden zeigt Regisseur Chris Miera die glücklichen Momente, den gemeinsamen Alltag, das Vermissen des Anderen, aber eben auch die Missstimmungen. Nur mit dem Sex ist er erstaunlich keusch. Das berührendste Kapitel folgt, nachdem der Film die Beziehung der Beiden sorgfältig ausgebreitet hat – es geht um den Schmerz der Trennung und um das Band der Erinnerungen und Gefühle, das Andreas und Martin dennoch ein Leben lang verbinden wird. Viele Filme enden, wenn Zwei sich gefunden haben. „Ein Weg“ hingegen sieht bei einem viel schwierigeren Prozess zu: Wenn sich Zwei behalten wollen.


Berlin Syndrome

5/10 Punkte
Cate Shortland, Australien 2017
Sektion: Panorama

Die australische Touristin Clare reist nach Berlin – halb um sich selbst zu finden, halb um die DDR-Architektur zu sehen, die sie seit längerem aus der Ferne bewundert. Dazu hat sie ausgiebig Gelegenheit, als ihre Zufallsbekanntschaft Andi – ein netter junger Lehrer – sie erst verführt und dann in seiner Wohnung im Osten der Stadt einsperrt. Über die restliche Laufzeit des Films zeigt Clare kein gesteigertes Interesse mehr an sozialistischen Bauformen, sie befasst sich deutlich intensiver mit der Frage, wie sie aus den Fängen des Psychopathen entfliehen kann. Das ist alles recht unterhaltsam, man darf nur nicht allzu viel Wert auf Subtilität oder gar logische Konsistenz legen. „Berlin Syndrome“ ist nicht besser und nicht schlechter als typische Genrefilme, wie sie jede Woche ins Kino kommen. Dass er trotz dieses eher niedrigen Niveaus auf der Berlinale laufen darf, hat er wohl vor allem seinem Drehort und dessen internationalem Ruf zu verdanken.


Tiere

7/10 Punkte
Greg Zglinski, Schweiz 2017
Sektion: Forum

Ein Puzzle in drei Dimensionen: Greg Zglinski erzählt nicht nur eine surreale Geschichte, er verwirrt dabei auch noch das Zeitempfinden seiner Figuren und schafft physisch unmögliche räumliche Parallelen. Wer Spaß an Mindfuck-Filmen hat, ist in „Tiere“ genau richtig. Erfreulich ist, dass der Film – anders als Realität-dekonstruierende Werke wie „The Matrix“ oder „Inception“ – keine aufwändigen Computer-Tricks benötigt. Die Bilder sind allesamt vollkommen realistisch, die surreale Ebene entsteht rein im Kopf des Zuschauers – mithilfe von Dialogen und eben jenen unmöglichen Parallelen zwischen verschiedenen Figuren und Erzählsträngen. Es geht um ein Ehepaar, das sich eine kreative Auszeit auf einem einsamen Schweizer Bauernhof gönnt, während eine Bekannte ihre Wiener Wohnung hütet. Auf dem Weg in die Schweiz überfährt der Mann ein Schaf – und ab dann gerät alles durcheinander. Tiere beginnen zu sprechen, Erinnerungslücken klaffen auf, Wahrnehmungsstörungen verunsichern Protagonisten und Zuschauer. Die Rätselfrage für das Publikum ist, wer hier eigentlich spinnt oder welche Teile der Erzählung nur imaginiert sind. Des Rätsels Lösung steckt voller aberwitziger Momente und stilisierter Bilder. Und das Schönste ist: Am Ende gibt es mehrere Lösungen, die als finales Puzzleteil dienen könnten – welche am besten passt, muss jeder Zuschauer selbst entscheiden.


Discreet

6/10 Punkte
Travis Mathews, USA 2017
Sektion: Panorama

Trump – so steht es auf einigen Vorgarten-Schildern in den winterlichen texanischen Kleinstädten, durch die Alex fährt. Im Autoradio läuft ein Sender, der rechte Kommentatoren Raum für Agitation gibt. Ab und zu steigt Alex aus und macht eigene Tonaufnahmen – er zeichnet zwar auch das Bild mit auf, doch primär geht es ihm um die Geräusche. Alex macht via Youtube eine esoterische Ferntherapie mit psychologisch wirksamen Tonsignalen, die ein bisschen an ASMR erinnert. Warum er diese Therapie braucht, enthüllt der Film nur langsam. Auf dem Weg dahin sehen wir, wie Alex seine Mutter besucht, Fremden Blowjobs in einer schäbigen Videokabine gibt und anonyme flotte Dreier für Männer organisiert. Außerdem zieht er für ein paar Tage bei einem alten, schwerbehinderten Mann ein, wäscht und füttert ihn, schikaniert ihn aber auch. Kann sein, dass Alex wirklich der Enkel des Mann ist, wie er es behauptet. Ab und zu brechen fragmentarische Flashbacks in die Erzählung ein, der ominöse Klangteppich wiederum betreibt Foreshadowing. Gelegentlich sehen wir etwas im Wasser schwimmen, das aber erst am Ende erkennbar wird. Ebenjenes Ende kommt dann etwas plötzlich in Travis Mathews‘ Mystery-Thriller. Lange Zeit macht der Film nur Andeutungen, legt nach und nach Brotkrumen aus – und dann ist er auf einmal vorbei, mit einer erstaunlich unmysteriösen Auflösung. Dieses nüchterne, knappe Finale enttäuscht gerade, weil der Film über längere Zeit atmosphärisch einen starken Sog erzeugt.

Bild-Credit: © Chris Miera

Pin It on Pinterest