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Martin Gobbins Berlinale Tagebuch: 8

von | 18 Feb 2017 | Berlinale 2017 | 0 Kommentare

Honeygiver among the Dogs

6/10 Punkte
Dechen Roder, Bhutan 2016
Sektion: Panorama

Die Möglichkeit, Werke aus filmisch nicht sonderlich stark erschlossenen Ländern zu sehen, ist einer der Reize großer Filmfestivals. „Honeygiver among the Dogs“ ist ein Krimi aus Bhutan, einem sehr selten im Kino zu bewundernden Land. Von daher ist der Film allein schon deshalb interessant, weil er Einblick in die Natur, die Architektur, die Lebensweise jenes Landes gestattet, das Glück zum verfassungsmäßig verankerten Ziel erklärt hat. Das Langfilm-Debüt von Dechen Roder erzählt die Geschichte von Choden, einer Frau, die von den Bewohnern ihres Dorfes als „Dämonin“ beschrieben wird. Immer wieder verführt sie angeblich Männer – und nun soll sie auch noch für den Tod einer Kloster-Äbtissin verantwortlich sein, weswegen sie sich auf die Flucht begibt. An ihre Fersen haftet sich ein junger Polizist in Zivil, der sich als Lehrer ausgibt, merklich von Chodens mysteriös-erotischer Ausstrahlung fasziniert ist und sie bald schon für unschuldig hält. Sein Vorgesetzter glaubt, sie habe ihn verhext. Narrativ ist der Film lange Zeit recht unterhaltsam, nur im letzten Drittel, wenn es an die Auflösung geht, wird der Plot zunehmend wirr und langatmig.


On the beach at night alone (Bamui haebyun-eoseo honja)

6/10 Punkte
Hong Sangsoo, Südkorea 2017
Sektion: Wettbewerb

Der Schock zuerst: Im neuen Film von Hong Sangsoo wird erst nach 50 Minuten das erste Mal Alkohol in der Gruppe getrunken und dabei über Beziehungen geredet. Auch die Figur des verheirateten Filmregisseurs, der eine Affäre mit einer jüngeren Frau hat, taucht erst recht spät auf. Diese Elemente sind Fixpunkte in fast jedem Film von Hong Sangsoo, von dem böse Zungen deshalb behaupten, er mache jedes Mal denselben Film. Die aktuellste Variante der Hong-Formel ist nicht unbedingt die stärkste. Das erste Drittel spielt komplett in Hamburg und verhält sich wie ein Fremdkörper zum Rest des Films – möglich, dass hier Filmförderungs-Auflagen erfüllt werden mussten. Zurück in Südkorea, trifft die etwa 30 Jahre alte Younghee ihren ehemaligen Geliebten – den Professor – eher zufällig wieder. Gemeinsam mit anderen Crew-Mitgliedern wird getrunken und geredet. Immer wieder wird Younghee dabei ausfällig und böse, doch niemand reagiert jemals empört, stattdessen nehmen sie Younghee in Schutz, als sei sie ein Kind, das nicht weiß, was es tut. Irgendwann küsst Younghee die Ehefrau eines anwesenden Mannes und verschwindet kurz mit ihr – auch hier unternimmt niemand etwas. Viel passiert nicht in diesem Film, was nicht weiter schlimm wäre, wenn nicht auch die Dialoge recht schleppend wären und die Kameraeinstellungen mehr täten, als die Handlung zu bebildern.


Weirdos

7/10 Punkte
Bruce McDonald, Kanada 2016
Sektion: Generation

Bruce McDonald ist ein vielseitiger Regisseur: Vor zehn Jahren zeigte er seinen brillanten Experimentalfilm „The Tracey Fragments“ auf der Berlinale, kurz darauf folgte der Linguistik-Horrorfilm „Pontypool“ und nun kehrt er mit einem Vintage-Roadmovie zurück. In „Weirdos“ reißt ein Teenager-Pärchen, die burschikose Alice und ihr Freund Kit, von zu Hause aus, um aus der kanadischen Provinz zu fliehen und ans Meer zu fahren, wo nachts eine Strandparty steigen soll. Leider verfolgen beide sehr unterschiedliche Ziele: Alice will ihren Freund endlich ins Bett kriegen und emotional enger an sich binden, Kit wiederum plant, bei seiner Mutter einzuziehen, die ihn und seinen Vater vor Jahren verlassen hat. McDonald packt viel Zeitkolorit der 70er-Jahre in die schwarz-weißen Bilder: Hippies, Kommunen, Marihuana. Viele Wortwitze sorgen für eine vergnügliche Fahrt durch die kanadische Landschaft – und wie in den meisten Road Movies geht es nicht nur um die äußere, sondern vor allem um eine innere Reise, um den Weg zum Selbst und natürlich um die erste Liebe. Ein schöner Teenie-Film nicht nur für Teenies.


Close-knit (Karera ga Honki de Amu toki wa)

6/10 Punkte
Naoko Ogigami, Japan 2017
Sektion: Panorama

Tomos Mutter ist wieder mal durchgebrannt. Gestern Nacht kam sie noch stockbesoffen in die vermüllte Wohnung, jetzt aber ist sie ganz weg und lässt ihre elfjährige Tochter allein zu Haus. Tomos Onkel nimmt das Mädchen zu sich – und zu seiner Freundin Rinko, einer post-operativen Transfrau. Wie offen das Kind gegenüber dieser Identität ist, wie es Rinko gegen dumme Kommentare verteidigt und wie Rinko zu mehr als einer Ersatzmutter wird, ehe die biologische Rabenmutter zurückkehrt – das ist alles sehr rührend und liebevoll gezeichnet. Allerdings ist Naoko Ogigamis Film doch etwas simpel gestrickt: Rinko kommt quasi gänzlich ohne negative Aspekte aus, während eine antagonistische Figur nicht eine einzige positive Szene erhält. Gut und Böse, Weiß und Schwarz. Mitunter entwickeln sich die Dialoge zu pamphletartigen Sensibilisierungs-Deklamationen: „Mann oder Frau, das ist doch egal.“ Und an mehreren Stellen dreht Ogigami die Sentimentalität bis zum Anschlag auf. Dass die Regisseurin Überzeugungstäterin in Sachen Akzeptanz von Transsexuellen ist, macht sie durchaus sympathisch. Nur verleitet genau das sie an mehreren Stellen dazu, ihren Film zu einer bloßen These, einem gesellschaftlichen Aufruf werden zu lassen – die Message ist hier die Hauptsache, nicht die individuelle Geschichte von Tomo und Rinko.

Bild-Credit: © Premium Films / Dakinny Productions / Honeygiver among the Dogs

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