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Martin Gobbins Berlinale Tagebuch: 9

von | 19 Feb 2017 | Berlinale 2017 | 0 Kommentare

Golden Exits

7/10 Punkte
Alex Ross Perry, USA 2017
Sektion: Forum

Beziehungsdramen zählen zu den besten Filmen der Berlinale 2017. „Ein Weg“ etwa, „Wilde Maus“ oder „On Body and Soul“. Alex Ross Perrys Beziehungsdrama „Golden Exits“ reiht sich in diese Liste ein. Der Film legt die Fragilität langjähriger Beziehungen offen und zeichnet ein pessimistisches Bild vom Menschen als einem Wesen, das stets unglücklich ist, entweder weil es in einer Beziehung steckt oder weil ihm eine Beziehung fehlt. Katalysator dieser Erkenntnis ist die australische Studentin Naomi, die für ein paar Monate nach New York kommt, um bei einem Archivar als Assistentin zu arbeiten. Schnell verdreht sie mehreren verheirateten Männern den Kopf und macht deren Frauen krank vor Eifersucht. Der Plot befasst sich vor allem mit der Frage, wie die Männer mit ihrer Schwäche für jüngere Frauen umgehen und wie ihre Partnerinnen darauf reagieren – ob ein bisschen Eifersucht die eingeschlafenen Beziehungen wieder etwas auffrischt oder endgültig zerstört. Wirklich gut kommt in „Golden Exits“ niemand weg: Die Männer sind schwanzgesteuert, Naomi genießt ihr gefährliches Spiel mit den willensschwachen Männern und die Frauen wehren sich durch Intrigen. Perry legt die Reue und die Zweifel seiner Figuren vor allem durch Dialoge frei. In visueller Hinsicht ähnelt der Film einem Kammerspiel, mit berauschenden Einstellungen fällt er also trotz der schön altmodisch-körnigen 16-Millimeter-Bilder nicht unbedingt auf. Er liefert aber eine überzeugende Beziehungsstudie, die universelle Fragen stellt und analysiert – dass die naheliegenden Antworten nicht immer angenehm ausfallen, liegt eher an der „conditio humana“ als am Drehbuch.


Ana, mon amour

6/10 Punkte
Călin Peter Netzer, Rumänien 2016
Sektion: Wettbewerb

„All is fair in love and war“, so lautet ein Sprichwort. Wenn alles fair ist, ist auch Unfairness erlaubt. Diesen Eindruck hat Toma, die männliche Hauptfigur des Wettbewerbs-Beitrags „Ana, mon amour“. Seit Jahren hat er sich und seine Bedürfnisse zurückgenommen, sich von Freunden isoliert, berufliche Ambitionen hintangestellt, sich von den Eltern distanziert – alles, um seine psychisch labile Frau Ana zu unterstützen. Nun hat sie nach jahrelanger Therapie ihre Angststörung überwunden und ist zu einer starken Person geworden, die mit dem Mann, den sie aus Toma gemacht hat, nichts mehr anfangen kann. Der mit komplex verwobenen Zeitebenen agierende Film von Călin Peter Netzer (Gewinner des Goldenen Bärs 2013 mit „Child’s Pose“ ) braucht relativ lang, um seine zentrale Erkenntnis herauszuarbeiten: dass Beziehungen mitunter von ungesunden psychologischen Dynamiken leben, in denen einer von der Schwäche des anderen profitiert, weil er als Unterstützer unabkömmlich wird. Trotz der insgesamt großzügigen Laufzeit kommt der zweite Teil der Geschichte zu kurz: Die Ursachen der Beziehungsprobleme von Ana und Toma nehmen so viel Zeit in Anspruch, dass die Folgen dann nur skizziert werden und folgerichtig einige Fragen offen bleiben. An die emotionale Tiefe von anderen Beziehungsdramen auf der Berlinale wie „Ein Weg“ oder „On Body and Soul“ kann der Film zudem nicht anschließen.


Millennials

5/10 Punkte
Jana Bürgelin, Deutschland 2017
Sektion: Perspektive Deutsches Kino

„Anne und Leo“, so hätte dieser Film auch heißen können. Da er aber nunmal den zugkräftigen, generalisierenden Titel „Millennials“ trägt, darf man eine umfassende, repräsentative Bestandsaufnahme dessen erwarten, was die Lebensweise von Millennials prägt. Anne ist eine erfolgreiche Regisseurin, leidet aber unter ihrem Single-Dasein und sorgt sich als Mittdreißigerin über den langsam einsetzenden Verfall ihres Körpers und ihre schwindende Fruchtbarkeit. Leo ist einer der vielen Möchtegern-Künstler in Berlin, mit ebenfalls Mitte 30 ist er beruflich noch nirgendwo angekommen und träumt weiter von einer Karriere als Fotograf – die On-Off-Beziehung mit einer gleichaltrigen Frau macht ihn nicht glücklich. Mit dieser fragmentarischen Story streift Regisseurin Jana Bürgelin zwar viele Stichwörter, die in Zusammenhang mit Millennials stehen. Sie bleibt dabei aber zumeist an der Oberfläche – innerhalb der kurzen Laufzeit von nur 70 Minuten gelingt es ihr nicht, eine emotionale Beziehung zu den Figuren zu etablieren, geschweige denn sie zu Stellvertretern einer ganzen Generation aufzubauen.


Pendular

6/10 Punkte
Júlia Murat, Brasilien 2017
Sektion: Panorama

Ein glückliches Paar ist ein seltener Anblick auf der Berlinale. Doch der Mann und die Frau, die wir am Beginn von „Pendular“ kennenlernen, sind genau das: ein glückliches Paar. Sie wohnen in einer alten, leerstehenden Fabrik, er ist Bildhauer, sie Tänzerin. Eine grandiose Tanzszene mit einem Stuhl gehört zu den ästhetisch schönsten Ideen der gesamten Berlinale. Die Beiden teilen den gemeinsamen Arbeitsraum mit orangenem Klebeband gerecht auf: Hier er, da sie. Einmal braucht er etwas mehr Platz, sie ändert den Verlauf des Klebebands und gewährt ihm diesen Wunsch. Dank solcher Szenen beginnt „Pendular“ vielversprechend als Allegorie über das Geheimnis erfolgreicher Beziehungen: einander Platz geben und gleichzeitig immer wieder zueinander kommen. Leider verfolgt Regisseurin Júlia Murat diese metaphorische Bildidee nicht weiter. Auch eine zweite Linie – ein Stahlseil, das von der Fabrik quer durch die Stadt verläuft – wird eingeführt und nicht zu Ende gebracht. Vor allem aber kippt der Plot nicht graduierlich wie in anderen Beziehungsfilmen der diesjährigen Berlinale, sondern er wird mit einem schockierenden Vertrauensbruch auf deprimierende Weise umgestürzt. Das muss nicht unbedingt negativ sein, denn menschliche Beziehungen folgen eben nicht immer Logiken, die für Außenstehende verständlich sind. Aber der Film entlässt einen so mit einer Erkenntnis, die noch niederschmetternder ist als das Beobachten eines sukzessiven Beziehungsverfalls wie in den meisten anderen Beziehungsdramen des Festivals: Selbst wenn ein Paar heute glücklich ist , kann schon ein Moment, eine Handlung alles zerstören.


Foto: © Eduardo Amayo / Pendular

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