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Ein speziell für Dokumentarfilm-Interessierte gut gefüllter, vielversprechender Festivalherbst hat bereits begonnen und steht uns noch bevor: Underdox in München, DOK Leipzig, Kasseler DokFest. Und da gab es gerade vom 10. bis zum 14. Oktober 2014 die 23. dokumentART in Neubrandenburg: ein kleines, aber feines Festival, das man weiter im Auge behalten sollte. Die dokumentART knüpft, wenn auch nur indirekt, an die Tradition der bereits zu DDR-Zeiten ebenfalls in Neubrandenburg stattfindenden Nationalen Dokumentarfilmtage an. Bald nach der Wende wurde die Veranstaltung als europäisches Filmfestival, das vor allem versucht, Nachwuchstalente aufzuspüren, neu ausgerichtet, und mit der Kombination von Dokumentar- und Kurzfilm hat man eine interessante Nische besetzt. In den Wettbewerb – in diesem Jahr erstmals in zehn Blöcke unterteilt, die unter jeweils einer namengebenden Leitidee wie zum Beispiel „Körperwelten“, „Ghettos“ oder „Ziemlich beste Freunde“ standen – werden nur Filme unter sechzig Minuten Länge aufgenommen, mit einer nicht dominanten, jedoch spürbaren Tendenz zu experimentellen Ansätzen. Das ist sinnvoll, denn in diesem Format bieten sich für Filmemacherinnen und Filmemacher (im Wettbewerb sind 19 Frauen und 26 Männer mit insgesamt 40 Filmen vertreten, manche der Filme sind im Regie-Duo entstanden) mehr Möglichkeiten, eine allzu konventionelle, klassisch-didaktische und in der Wahl der Mittel, Formen und Inhalte eher beschränkte Herangehensweise zu überwinden. Manchmal geht es vielleicht gar nicht unbedingt darum, eine Geschichte zu erzählen, sondern einfach nur kleine Pointen zu setzen. So lassen sich die Grenzen des Genres ausloten – wie man das heutzutage immer wieder gerne sagt, weil „Ideen ausprobieren“ zu simpel klingt. Viele Ideen hat aber jedenfalls die neue Festivalleiterin Heleen Gerritsen entwickelt: Ideen, um das Festival einerseits enger mit der Stadt zu verknüpfen, andererseits stärker in die Region hineinwirken zu lassen. So fand eine Woche vor Eröffnung des Festivals ein „dokART by Night“-Special statt, eine Kombination aus abendlichem Stadtrundgang und Freilichtkino; im November folgt das „dokumentART on Tour“-Programm, das ausgewählte Festivalfilme in ganz Mecklenburg-Vorpommern präsentiert.

 

Majubs Reise,Regie:  Eva Knopf, 2013

Majubs Reise,Regie: Eva Knopf, 2013

Seine eigene Tour durch die Region bekommen wird, dank des von der „Findlings“-Jury vergebenen Preises des Landesverbandes Filmkommunikation e.V. Mecklenburg-Vorpommern, der Film MAJUBS REISE von Eva Knopf (D 2013). Erzählt wird darin die Geschichte von Majubbin Adam Mohamed Hussein, der im Ersten Weltkrieg als sogenannter Askari auf Seiten der deutschen Truppen in Afrika kämpfte, dann nach Deutschland kam, als Statist in zahlreichen UFA-Filmen mitwirkte und schließlich im Konzentrationslager Sachsenhausen starb. Die akribisch recherchierte Biographie, die aufgrund des Mangels an Quellen doch recht lückenhaft bleiben muss, wird in einen breit angelegten (film-)historischen und politischen Kontext eingebettet. Eva Knopf betreibt sozusagen Ideologiekritik mit filmischen Mitteln, ohne den „human touch“ aus dem Auge zu verlieren. Das Ergebnis ist ein ästhetisch wie auch historisch reflektierter Dokumentarfilm, der dabei doch erkennbar die Absicht hat, einem größeren Publikum zugänglich zu sein – man würde sich wünschen, genau so etwas öfter bei ARD, ZDF und Co. zu sehen. Insofern ist MAJUBS REISE das positive Gegenbeispiel zu Eric Freidlers THE VOICE OF PEACE – DER TRAUM DES ABIE NATHAN (D 2013, übrigens eine der sechs Sondervorführungen von Filmen im Langformat), dem leider etwas enttäuschenden Eröffnungsfilm, der als recht eindimensionales und hagiographisches Bio-pic über den israelischen Playboy, Piratensender-Betreiber und Friedensaktivisten Abie Nathan mit jeder Menge „talking heads“ und Archivaufnahmen daherkommt. Da hilft es auch nicht, durch die Verwendung cooler Hits aus den Siebzigern einen auf Rock & Pop-Nostalgie zu machen, zumal wenn man kein Gefühl dafür hat, zu welchen Bildern solche Musik als eher unpassend erscheinen muss. Aber vielleicht ist MAJUBS REISE paradoxerweise auch deshalb der bessere Film, weil über den „Helden“ der Geschichte tatsächlich fast nichts bekannt ist.

 

Häufig sind es nicht jene Filme, die man uneingeschränkt fabelhaft findet, die am meisten Gedankenarbeit in Gang bringen und Fragen aufwerfen. So ist es mit MY ARAB FRIEND von Noga Nezer (ISR 2013): ein Film, der zuerst nervt, denn die Protagonistin nervt. Die Protagonistin ist zugleich die Regisseurin, die im Interview selbst davon spricht, dass sie sowohl „director“ als auch „character“ ist. Sie ist (oder spielt?) das prototypische „Tel Aviv Girl“, das gerne in Cafés sitzend den Tag genießt und sich nicht um Politik kümmert. Um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, hat sie einen palästinensischen Freund: Fahres, der in Tel Aviv illegal auf Baustellen arbeitet. Die Großmutter ist, wie es sich gehört, entsetzt: „Hast du keinen Juden gefunden?“ Und dann entwickelt der Film doch gerade dadurch, dass die Protagonistin immer mehr nervt und immer impertinenter und obsessiver wird, seine Stärke. Noga ist längere Zeit im Ausland, und als sie zurück nach Israel kommt, ist Fahres nicht mehr auffindbar, seine Handynummer außer Betrieb. Noga hört sich um und macht sich dann mit Kamera und Sound-Equipment auf den Weg in die besetzten Gebiete, begleitet von einer Freundin. Und von hier an wird die Geschichte immer schillernder, denn man fragt sich zunehmend: Worum geht es hier nun eigentlich? Was treibt Noga an? Ist es das ganz persönliche Anliegen, den Freund wiederzufinden? Ist der alltägliche Wahnsinn in den besetzten Gebieten, der gleichsam nebenher dokumentiert wird, nur ein zufälliger Kontext? Oder ist es in Wirklichkeit umgekehrt? Ist die Geschichte mit Fahres nur der Aufhänger, um einen kritischen Blick auf das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern zu werfen? Oder steht vielleicht sogar am ehesten die Selbststilisierung der Dokumentar-Filmemacherin als furchtlose Spürnase im Vordergrund dieses direct cinema-Dramas? Alles Fragen, die der Film offenlässt, und auch die Regisseurin sorgt im anschließenden Q&A für weitere Irritationen, indem sie heftig abstreitet, in irgendeiner Weise friedensaktivistisch motiviert gewesen zu sein. Im Epilog werden die Rätsel des Films noch einmal verdichtet: Noga ist von Fahres zu seiner Hochzeitsfeier eingeladen worden (wie man fast schon erahnen konnte, steckte also eine andere Frau dahinter), aber sie betrachtet die Feier nur aus einem versteckten Kämmerlein. Ihr Blick ist nicht nur voyeuristisch, er scheint auch noch einmal den Schmerz ihrer Enttäuschung zu zelebrieren und die Frage zu verbildlichen: „Was sind das eigentlich für Menschen? Ich dachte, ich hätte einen Zugang zu ihnen, aber das war vielleicht nur eine Selbsttäuschung.“ Und eine ähnliche Art von durchaus anregender Ungewissheit überträgt sich vom Film auf den Zuschauer.

 

BLOOD, Regie: Alina Rudnitskaya,  2013BLOOD, Regie: Alina Rudnitskaya,  2013

BLOOD, Regie: Alina Rudnitskaya, 2013

Am Abend des dritten Tages läuft der mit Abstand intensivste Film des Festivals, der folgerichtig von der internationalen Jury mit dem Hauptpreis des Wettbewerbs ausgezeichnet wird. Und man muss auch sagen: Der Film ist sehr geschickt platziert. Wenn die Dauer-Festivalbesucher (Jurymitglieder, Presse, Gäste, das Festivalteam selbst) langsam erste Ermüdungserscheinungen zeigen, muss ein Film her, der die Leute wieder wachrüttelt, der die Leute elektrisiert – und genau das tut BLOOD von Alina Rudnitskaya (RUS 2013): Wir begleiten ein mobiles Einsatzteam von Krankenschwestern, die in Russland von Stadt zu Stadt fahren, um Blutspenden zu sammeln. In expressivem Schwarzweiß. Das in Plastikbeuteln abgepackte Blut. Der immer wieder in Nahaufnahme gezeigte Moment, wenn die Nadel in die Vene einsticht. Einige Zuschauer stöhnen und können nicht hinschauen. Schnee – Fabriken – starke Frauen. Die Schwester Olga, die immer noch auf der Suche nach dem richtigen Mann ist. Und dann der Alltag in der russischen Provinz: Die Menschen sind auf das Geld, das sie für das Blutspenden bekommen, angewiesen. Sonst gibt es ja kaum noch Jobs. Die Jobs, die es noch gibt, sind schlecht bezahlt, die Pensionen lächerlich niedrig. Eine noch nicht so alte Großmutter erzählt davon, dass ihre Tochter bald das zweite Kind zur Welt bringt, und wie viel bisher schon die Windeln kosten, und sie würde die Windeln gerne waschen und zum Trocknen aufhängen, aber es gibt kein Gas für die Heizung, denn das gesamte Gas geht ins Ausland. Und man denkt: Ja, verdammt, genau das Gas, von dem uns „Experten“ hier immer wieder erzählen, weil wir uns davon „unabhängig“ machen müssten. Und man weiß, dass man einen guten Film gesehen hat, wenn er wenigstens einen solchen Moment hat, in dem es „klick“ macht, und man anfängt, über eine Sache aus einer Perspektive nachzudenken, die man bisher gar nicht auf dem Schirm hatte. Dabei wird das Ganze überhaupt nicht sentimentalisiert, sondern es wird nur aufmerksam zugehört. Die Regisseurin ist ganz nah an den Menschen dran, sie hat ein Gespür für ihre Stimmungen, sie weiß genau, wie das Leben in diesen Gegenden aussieht. Gerade deshalb hat sie es nicht nötig, diese kurzen Portraitaufnahmen emotional zu überfrachten. Und außerdem ist BLOOD durch die gelungene Verzahnung von Bild und Ton, von Kameraarbeit und Soundtrack, die im Zusammenspiel einen reichen und differenzierten filmischen Raum konstruieren, eine packende Kinoerfahrung: Die kargen, schneeverwehten, manchmal auch überschwemmten Landschaften, mit minimalistischer Streichmusik unterlegt – der Trubel in der Blutabnahme-Station, das Gewusel und die Gespräche drinnen, gleichzeitig eine Arbeiterdemo draußen, die wir nur hören, aber nicht sehen – der Tanz in der Disco und Olga auf dem anschließenden Weg zum One-Night-Stand mit einem namenlosen Typen, wenn die extradiegetische Clubmusik immer noch das Gespräch der beiden sturzbesoffenen Turteltäubchen übertönt – Szenen, die auch bei der zweiten Vorführung im Anschluss an die Preisverleihung nichts von ihrer Kraft einbüßen.

 

Ebenfalls aufwühlend, aber eher im negativen oder zumindest stark ambivalenten Sinne, da der Film einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt, ist BETWEEN HERE AND THERE von Alexia Bonta (B 2014). Zu sehen sind Alzheimer-Patienten beim Friseur, frontal und statisch gefilmt, und irgendwann wird deutlich: Zwei der Patientinnen haben keine Lust auf diese Versuchsanordnung; sie wehren sich, sie werden laut, aggressiv. Ist es moralisch vertretbar, diese Menschen in ihrer Verletzlichkeit, die sie an den Tag legen, trotzdem zu filmen? Wenn man, wie Alexia Bonta behauptet, die für ein Alzheimer-Pflegeheim prägenden Machtstrukturen abbilden will, ist es dann vom Konzept her überhaupt eine gute Wahl, nach dieser aleatorischen Methode vorzugehen: „Ich stelle mal eine Kamera auf, filme Gesichter und warte ab, was passiert“? Ist es gut, einen solchen Film in ein Festivalprogramm aufzunehmen? Man muss der Regisseurin immerhin zugestehen: Sie war ehrlich genug, diese problematischen Szenen in den Film einzubauen – sie hätte auch den bequemeren Weg wählen und nur jene Szenen verwenden können, in denen alles nach halbwegs guter Laune aussieht. Indem sie das Material zeigt, macht sie sich ihrerseits angreifbar. Und nur dadurch ergibt sich die Gelegenheit, über die Verantwortung einer Dokumentarfilmregisseurin gegenüber ihren Protagonistinnen zu diskutieren. Macht sich die Regisseurin zum Teil des Kontrollsystems, in dem diese Menschen leben, unter dem sie oft genug wirklich zu leiden haben? Machen wir uns zu Komplizen, wenn wir uns diesen Film bis zum Ende ansehen statt aufzustehen und unsere Empörung zum Ausdruck zu bringen?

 

YERUHAM OFF SEASON, Regie: Mili Pecherer, 2013

YERUHAM OFF SEASON, Regie: Mili Pecherer, 2013

Es folgt ein starker, erfrischender Wettbewerbsblock 9 unter dem Titel „Showbusiness“. Sofort einen preisverdächtigen Eindruck macht hier Mili Pecherers YERUHAM OFF SEASON (ISR 2013) – der erste Film, der vom Publikum nicht nur mit Applaus quittiert, sondern sogar mit Jubel gefeiert wird. Und tatsächlich: Von der internationalen Jury bekommt Mili Pecherer den Preis der Stadt Neubrandenburg zugesprochen. YERUHAM OFF SEASON ist eine feministisch-dadaistische Westernhommage, im Zentrum steht wiederum die Regisseurin selbst als zuckersüße „Damsel in Distress“, die jedoch nicht so unschuldig und naiv ist wie es scheint. Mili Pecherer spielt mit dem männlichen Blick, indem sie ihn mit ihrer Kamera zurückspiegelt und dabei ironisch bricht, und sie fordert diesen Blick auch heraus, wenn sie zum Beispiel in einer der traumartig-surrealistischen Zwischensequenzen in Stiefeln und Unterwäsche bekleidet zum Eisfischen an einem zugefrorenen finnischen See sitzt. Sie ist auf der Suche nach einem Cowboy, aber eigentlich auf der Suche nach sich selbst, und das manchmal etwas wacklige und unfokussierte Bild scheint dem ebenso wackligen und unfokussierten Innenleben dieser „Calamity Jane“ in der Negev-Wüste zu entsprechen. Zum Glück ist das Gewackel genau richtig dosiert, so dass man davon keine Kopfschmerzen bekommt; außerdem verharrt das Unfokussierte nicht im Beliebigen, sondern wird in ästhetischen und narrativen Strukturen produktiv umgesetzt. Schließlich ist der Film – auch dank der doch irgendwie sympathisch gezeichneten israelischen Möchtegern-Machos – ganz einfach höchst unterhaltsam, ein Wert, der nicht unterschätzt werden sollte.

 

Nicht minder unterhaltsam ist, direkt im Anschluss, die sich durch ein freches Spiel mit der inszenierten Lust auszeichnende Drei-Minuten-Impression THE SHADOW OF YOUR SMILE von Alexei Dmitriev (RUS 2014). Als stark komprimiertes found-footage-Pornovideo-Experiment lässt es sich kaum besser zusammenfassen als in dem Statement, das der Regisseur selbst für den Katalogtext verfasst hat: „I was watching a porn film for recreational purposes in which I saw a laughing girl whose partners were clearly uncomfortable with the fact that she was having fun. So I decided to make a film that explores the female beauty in a pornographic environment.“ Ähnlich wie in einem Porno geht es auch in CROSSINGS von Antoine Danis (F 2013) um Sehen und Gesehenwerden, aber die Menschen in diesem Film sind allesamt angezogen und tun etwas weniger Unanständiges, nämlich Schlittschuhlaufen. In dieser kleinen Studie steht vor allem das Einfangen von Bewegungen im Vordergrund, das Spiel zwischen der Kamera und den jungen und nicht mehr so jungen, den geschickten und nicht so geschickten Selbstdarstellern auf dem Eis. Gelungene Montage- und Soundeffekte reichern das Ganze zu einer dynamischen filmischen Miniatur an.

 

„Showbusiness“ ist damit ein Wettbewerbsblock, der deutlich aufzeigt, was man vor allem über Kamera und Schnitt noch alles machen kann außer lange, statische Einstellungen – ergänzt durch gelegentliche Nahaufnahmen – aneinanderzureihen. Als in dieser Hinsicht etwas abwechslungsreicher ragen neben all den schon genannten Favoriten zuvor nämlich nur wenige Arbeiten heraus, darunter gleich der erste Wettbewerbsfilm, HOTEL AND A BALL von Laila Pakalnina (LAT 2014): auch nicht wirklich eine Montagedynamik, die einen aus dem Sessel haut, aber auf schöne und humorvolle Weise ineinander übergehende Momentaufnahmen, die ein komplexes Beziehungsgeflecht zwischen verschiedenen Akteuren und Situationen in einem Hotel und auf der benachbarten Sportanlage aufbauen. Und was kommt dabei heraus, wenn man Bild und Ton ähnlich effektiv miteinander verschränkt wie Alina Rudnitskaya in BLOOD, aber mit einer ganz anderen Intention? Vielleicht ein Film wie GIANT von Salla Tykkä (FIN 2014). Die Regisseurin besucht das Gymnastik-Leistungszentrum im rumänischen Deva, und die kühl-analytische, beinahe schon abstrakte Herangehensweise à la Godard wirkt hier stimmig: seitliche Kamerafahrten durch weite Turnhallen, die durch die Kadrierung in ihren Bewegungen oft ausschnitthaft reduzierten Körper der Turnerinnen, dazu grobkörnige Videoaufnahmen aus dem Archiv, kombiniert mit den zwischen Rumänisch und Englisch hin und zurück übersetzten Interviewsequenzen aus dem Off und einer immer wieder leicht verfremdeten Tonspur – das alles schafft eine rätselhafte Distanz zu einer rätselhaften Institution, die gegenüber Außenstehenden ihrerseits auf Distanz bleiben will.

 

PLAY > MOVIE, Christoph Faulhaber, 2014

PLAY > MOVIE, Christoph Faulhaber, 2014

Zum Abschluss gibt es am letzten Tag noch einmal zwei sehr eindrucksvolle Blöcke: als erstes den Wettbewerbsblock 10 „Outsiders“. Eröffnet wird dieser mit RAUMFAHRER von Georg Nonnenmacher (D 2014), einer ruhigen und zurückhaltenden, dabei aber sehr präzisen Untersuchung über die psychischen und sozialen Auswirkungen des modernen Strafvollzugs auf Gefängnisinsassen. Christoph Faulhaber nimmt dann für PLAY > MOVIE (D 2014) – eine kleine Überraschung – den Publikumspreis mit nachhause: ein gutes Zeichen dafür, dass die hiesigen Zuschauer sich gerne intellektuell herausfordern und zum Nachdenken anregen lassen. Als logbuchmäßig vorgetragene Dokumentation über Christoph Faulhabers eigene provokative Kunstaktionen, die ihm regelmäßig Schwierigkeiten mit der Polizei und anderen Behörden eingebracht haben, illustriert der Film sein ästhetisches Motto: „Form entsteht durch Widerstand“. Indem er sich darüber hinaus in Anknüpfung an das Medium des Videospiels mit der Frage befasst, wie Bilder in unser Leben eindringen, in welchem Verhältnis „Realität“ und „Abbild“ zueinander stehen, scheint der Regisseur hier das Erbe von Chris Marker und Harun Farocki fortzuführen. Das gefällt übrigens nicht nur dem Publikum im Allgemeinen, sondern auch der Studentenjury im Besonderen, die PLAY > MOVIE eine lobende Erwähnung zukommen lässt, bevor sie den Preis des Studentenwerks Greifswald an ALMAZ von Victor Asliuk (BLR 2013) vergibt: Ein alter Mann und sein Pferd, die beiden letzten Bewohner einer Insel im Ladoga-See, werden über mehrere Monate hinweg mal aus der Distanz, mal aus der Nähe beobachtet – ein stilles Leben in einer stimmungsvoll eingefangenen Landschaft, aber bei allem Charme vielleicht derjenige unter den prämierten Filmen, der sich am wenigsten als Preisträger aufdrängt.

 

Überhaupt: Produktionen aus Osteuropa. Sie sind schon im Wettbewerb durchaus nicht unterrepräsentiert. Der sogenannte „Ostblock“ nimmt diese Region noch einmal stärker in den Fokus. Und im zweiten Teil dieser Sektion läuft dann eben unter anderem FEAR – RECONSTRUCTION von Evgeny Khovaev (RUS 2013). Warum ist dieser Film erwähnenswert? Nun, es ist der Film, der mir für das schönste Ende im Gedächtnis bleiben wird, und ich glaube, das liegt nicht nur daran, dass es der letzte Film des Festivals ist. Eine junge Lehrerin tritt, frisch mit dem Diplom versehen, ihre Stelle an einer kleinen Schule in der russischen Provinz an. Sie bringt Erwartungen, Hoffnungen und Träume mit, und die Realität entspricht diesen Erwartungen, Hoffnungen und Träumen meist nicht ganz. Aber schließlich fährt sie mit ihrer Klasse zum Denkmal der Mutter Heimat in Wolgograd, und sie verdrückt ein Tränchen (ob aus einer patriotischen Anwandlung heraus oder aus Freude darüber, sich diesen Ausflug überhaupt leisten zu können, das sei einmal dahingestellt) – und dann wird diese monumentale Figur, die zuvor nur durch die nach oben gerichteten Blicke der Besucher zu erahnen war, aus dem Hubschrauberflug gezeigt, aber auch nicht in ihrer vollen Größe, sondern nur ungefähr das obere Drittel: die expressive Geste des Appells, die in dieser Einstellung wie etwas ganz anderes eingefangen wird – der wie zu einer Opernarie aufgerissene Mund der Statue, der gigantische ausgestreckte Arm, der in die Landschaft weist und dem die Kamera in ihrem Flug folgt, in die unmittelbare Umgebung und dann über drei, vier weitere Einstellungen ins ganze riesige Land hinein. Bevor dieses Finale in ein allzu bombastisches Pathos entgleitet, kommt die Kamera im letzten Bild zu den Menschen zurück, zu einem kleinen blonden Jungen, der auf der Dorfstraße sitzt und an seinen Zehen herumknubbelt. Die Musik dazu, wie auch zuvor immer wieder schon: Bach. Der beim Festival anwesende Regisseur sieht sogar ein ganz kleines bisschen aus wie der junge Tarkowski, als er noch keinen Schnauzer trug. Von diesem – nennen wir ihn einmal: „Neffen“ Tarkowskis würden wir gerne mehr sehen, und von all diesen Filmemacherinnen und Filmemachern, die beweisen, dass der Dokumentarfilm lebendig ist, dass der Dokumentarfilm nicht nur dokumentiert, sondern neugierig sucht, kritisch erkundet und unsere Erfahrung der Welt ästhetisch anreichert.

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