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Auf der Suche nach einem Morgen: Jon Snow und seine Brüder der Nachtwache müssen sich dem Angriff der Wildlinge zur Wehr setzen.

Auf der Suche nach einem Morgen: Jon Snow und seine Brüder der Nachtwache müssen sich dem Angriff der Wildlinge zur Wehr setzen.

Überlebenskampf. Seit langem schon haben die Hauptfiguren in GAME OF THRONES die Oberhand verloren. Im Kampf gegen übermächtige Gegner stehen die Gewinnchancen gleich Null, die Hoffnung auf einen erneuten Aufstieg, auf ein bisschen Glück, ist verloschen. Figuren wie Tyrion, Arya, Bran und Jon Snow leben nicht mehr, sie überleben. Kämpfen sich von Tag zu Tag, wandeln im finsteren Tal, einen Weg gibt es nicht mehr. Es heißt, die Nacht wäre am dunkelsten vor dem Morgengrauen. In einer Welt wie Westeros, in der Winter Jahrzehnte dauern können, scheinen auch die schwärzesten Nächte kein Ende zu kennen.

Aussichtslosigkeit, Resignation, Ungewissheit, Tod, aber auch Tapferkeit – mal an richtiger Stelle, mal an falscher –, Vergeltung und der sture Wille, nicht aufzugeben: All diese Motive der vierten Staffel GAME OF THRONES verdichteten sich nun in der als Höhepunkt angelegten Folge THE WATCHERS ON THE WALL. Die Episode widmete sich ganz dem (ersten) Angriff der Wildlinge auf die Mauer. Wie BLACKWATER exakt zwei Staffeln zuvor spielt sich die Handlung in einer Nacht an einem Ort ab – Castle Black. Generell hat man den Eindruck, THE WATCHERS ON THE WALL versuche inszenatorisch das zu wiederholen und zu übertreffen, was in BLACKWATER so gut funktionierte, in der Dramaturgie ebenso wie in Sachen Schauwerten und Action-Sequenzen. Auf die Serienschöpfer und –autoren Benioff und Weiss lastete ein hoher Erwartungsdruck. Immerhin war die neunte Folge bisher immer der Knaller einer jeden Staffel. Konnte THE WATCHERS ON THE WALL den Erwartungen standhalten? War sie lediglich ein müder BLACKWATER-Aufguss oder konnte sie der bereits bekannten Form etwas Neues abgewinnen? Tatsächlich ist man sich unter Fans wie auch Kritikern nicht einig geworden. Hier ein kleines Für und Wider:

Castle Black ist nicht Blackwater

Souverän gleitet die Kamera im Innenhof von Castle Black von einem Kampfgeschehen zum nächsten und findet innerhalb des präzise choreographierten Chaos spannende Zweikämpfe – wie der zwischen Jon und Styr.

Souverän gleitet die Kamera im Innenhof von Castle Black von einem Kampfgeschehen zum nächsten und findet innerhalb des präzise choreographierten Chaos spannende Zweikämpfe – wie der zwischen Jon und Styr.

Eines kann man THE WATCHERS ON THE WALL nicht nehmen: Handwerklich ist Regisseur Neil Marschall eine Schlacht-Inszenierung gelungen, die selbst seine Arbeit für BLACKWATER an Qualität und Ausmaß übertroffen hat. Jeder Zentimeter des Bildes ist ausgefüllt mit Attraktion. Nie hatte sich Fernsehen mehr angefühlt wie Kino als Legionen von Wildlingen vor den eisigen Höhen der Wall standen, mächtige Riesen auf das Tor einhämmerten und im Innenhof von Castle Black Wildlinge und Nachtwächter übereinander herfielen. Doch nicht nur im Bereich der CGI-Effekte hat die vierte Staffel GAME OF THRONES die Messlatte noch einmal höher gesetzt – Gerade das Ausmaß der Mise-en-scène des Spektakels vor der Kamera in groß angelegten Ausstattungs- und Statistenszenen, die beeindruckenden Kampfchoreographien sowie die hervorragende Kameraführung haben bewiesen, dass zur qualitativen Inszenierung von Action es nicht auf die bloße Quantität an Computereffekten ankommt (Ja, Peter Jackson, du bist gemeint!).

Kann man THE WATCHERS ON THE WALL wie auch BLACKWATER als gelungene Verdichtung an wesentlichen Handlungsmotiven der Staffel ansehen, so fehlt dem erstgenannten doch der Grad an Auflösung, welche letzteren zu Teil wurde: In BLACKWATER haben viele der Hauptstränge der zweiten Staffel zu einer gewaltsamen Konfrontation zusammengefunden und ein erstes (Teil-)Ende erfahren. Mit Stannis‘ vernichtender Niederlage war der Krieg der Fünf Könige an dieser Front entschieden; die Lannisters konnten ihre Macht verteidigen, King’s Landing wurde gerettet und Tyrion für seine Verdienste von seiner eigenen Familie fast umgebracht. THE WATCHERS ON THE WALL fehlt diese Art von Abschluss. Das Ergebnis der Schlacht – die Wildlinge wurden unter großen Verlusten zurückgeworfen – stellte keinen Sieg dar. Es war nicht einmal ein Teilsieg, sondern eine verhinderte Niederlage. Das Geschehen hat sich nicht geändert, der Nachtwache stehen noch einige Nächte wie diese aus, bis sie endgültig von den Wildlingen überrannt werden.

Die Frage nach THE WATCHERS ON THE WALL lautet also nicht, wie der Ausgang dieses Ereignisses den Kurs in Westeros beeinflussen wird, sondern was er überhaupt mit ihm zu tun hat. Ein großes Problem liegt darin, dass man nicht weiß, welche Bedeutung man dem Geschehen im Norden für die Handlung der Serie beimessen soll. Verglichen mit dem Hauptumschlagplatz King’s Landing wirken die Ereignisse an der Wall wie eine Art Ablenkung von der Hauptgeschichte, eine Randbemerkung im Krieg von Westeros. Doch eigentlich müsste es anders herum sein – Baut sich im Norden mit der Bedrohung der White Walkers seit dem Prolog der ersten Staffel doch ein Konflikt auf, den man als die eigentliche Haupthandlung der Serie begreifen könnte. Neben der Frage, wie handlungsrelevant der Ausgang der Schlacht an der Wall nun tatsächlich gewesen ist, wurde ebenfalls der Einwurf formuliert, ob es überhaupt notwendig war, für die Darstellung dieses Ereignisses eine ganze Folge aufzuwenden.

Um die Wirkung der Schlacht zu erhöhen, hat man in THE WATCHERS ON THE WALL Figuren sterben lassen, die in den Büchern den Angriff der Wildlinge überlebten: Pyp und Grenn.

Um die Wirkung der Schlacht zu erhöhen, hat man in THE WATCHERS ON THE WALL Figuren sterben lassen, die in den Büchern den Angriff der Wildlinge überlebten: Pyp und Grenn.

Dramaturgisch sind BLACKWATER und THE WATCHERS ON THE WALL sehr ähnlich: Bevor es zum großen Kampfspektakel kam, wurde in einer Aneinanderreihung von kleinen Szenen noch einmal dem Zuschauer vor Augen geführt, was für die einzelnen Figuren auf dem Spiel steht. Auf der Mauer lag in THE WATCHERS ON THE WALL interessanterweise der Fokus dabei vor allem auf Sam und seiner ausgereiften Liebe zu Gilly. Beim Blick ins Lager der Wildlinge hingegen stellte sich die Frage, wie sich Ygritte verhalten wird, wenn sie Jon im Kampf gegenübersteht. In der anschließenden Schlacht, dem Hauptteil der Folge, gab es ähnlich wie in BLACKWATER Momente der Feigheit und der Bewährung: Tyrion wurde in BLACKWATER zum Anführer wider Willen, als Joffrey die Flucht ergriff, Jon übernahm in THE WATCHERS ON THE WALL das Kommando, nachdem Ser Alliser Thorne schwer verwundet wurde und Janos Slynt sich vor der Schlacht versteckte. Im Anschluss waren die üblichen Opfer zu verbuchen, bis die feindliche Gegenkraft (auf welche Stannis in BLACKWATER ebenso reduziert wurde wie die Wildlinge in THE WATCHERS ON THE WALL) schließlich doch überwunden werden konnte.

Doch auch wenn die Form beider Folgen so gut wie die Gleiche war, ist die emotionale Wirkung jeweils eine andere gewesen. In BLACKWATER gab es schlicht mehr Figuren, zu denen der Zuschauer eine Beziehung aufbauen konnte, deren Leben in akuter Gefahr war: Tyrion, Sansa, Shae, Bronn, Sandor, ja selbst Davos. Zynisch bemerkten Zuschauer zu THE WATCHERS ON THE WALL dagegen, dass der Tod von Nebenfiguren bedeutungsvoll in Szene gesetzt wurde, an dessen Namen man sich nicht einmal erinnern könnte. Gemeint sind hier vor allem Pyp und Grenn, zwei enge Freunde von Jon und Sam, die im Verlauf der Serie nie wirklich ausgebaut wurden und entsprechend entbehrlich erschienen.

Das ist jedoch kein Problem der Folge gewesen, sondern vielmehr der Serie selbst: Von allen Handlungsorten hat sich der Schwerpunkt der Serie eindeutig auf King’s Landing verlagert. Den Figuren dort wurde mehr Raum geben als den Charakteren an anderen Schauplätzen, für die man entsprechend weniger empfindet. Zwar bleibt es jedem Zuschauer überlassen, wie interessant er das Geschehen an der Mauer findet und wie viel er sich in Jon Snow und Samwell Tarly einfühlen möchte. Allerdings muss man sagen, dass die Gelegenheiten, bei denen jene Figuren Sympathie bei den Zuschauern gewinnen konnten, überschaubarer waren als etwa die von Tyrion oder Oberyn Martell. Wieso ihnen also nicht einmal die Bühne bereiten? Das Potenzial ist da, die Charaktere geben es her – wie man in der Folge ausgerechnet an Alliser Thorne gesehen hat. Die bisher auf seinen Hass auf Jon Snow reduzierte Figur konnte nun auch einige positive Eigenschaften an den Tag legen. So gestand er Jon ein, mit dem Verschließen der Tunnel die richtige Idee gehabt zu haben – und versuchte gleichzeitig, seine Position ein wenig zu erklären. Auch seine Ansprache an die Nachtwache war nicht schlecht. Deshalb brauchte man eine ganze Folge für die Ereignisse an der Mauer: Um Figuren wie Thorne die Möglichkeit zu geben, tatsächlich auch sympathische Seiten zu entwickeln.

You know nothing, Jon Snow

 

„We should have stayed in that cave.” Eine sterbende Ygritte sehnt sich nach jenem Moment der Zweisamkeit, den sie einst mit Jon Snow in KISSED BY FIRE teilte. Vielleicht sehen wir uns da wieder, versucht Jon sie zu trösten. „You know nothing, Jon Snow“, entgegnet Ygritte mit letztem Atem.

We should have stayed in that cave.” Eine sterbende Ygritte sehnt sich nach jenem Moment der Zweisamkeit, den sie einst mit Jon Snow in KISSED BY FIRE teilte. Vielleicht sehen wir uns da wieder, versucht Jon sie zu trösten. „You know nothing, Jon Snow.“, entgegnet Ygritte mit letztem Atem.

Seinen emotionale Wirkung hatte THE WATCHERS ON THE WALL schließlich nicht in seinen großen Todesszenen, sondern in kleinen Gesten, Blicken und Dialogzeilen der Figuren. Samwells übereilter Kuss an Gilly, die Entschlossenheit in seiner Stimme, mit der er Pyp Mut zuflüsterte, aber gleichzeitig die bittere Einsicht erkennen ließ, nun ein Jemand zu sein, der etwas zu verlieren hat. Oder das sanfte Lächeln, mit dem ein unbewaffneter Jon Snow den gespannten Bogen von Ygritte als sein Schicksal akzeptiert. Er bittet nicht um sein Leben, noch fällt er vor Ygritte nieder, er redet gar nicht, sondern steht fest vor ihr und sagt ihr mit seinem Blick, dass er auf alles gefasst ist, was jetzt kommen mag.

Worauf er nicht gefasst war, ist der Pfeil, der Ygritte vor seinen Augen zu Boden brachte. Abgeschossen wurde der Pfeil von Olly, jenem kleinen Jungen, der in BREAKER OF CHAINS mit ansehen musste, wie die Wildlinge seine Eltern töteten, bevor sie ihn als einzigen Überlebenden zur Mauer schickten, um die Nachtwache zum Kampf aufs offene Feld herauszulocken. Jener Junge, der in THE WATCHERS ON THE WALL von Angst gelähmt ein weiteres Mal der Brutalität der Wildlinge zuschauen musste, bevor ihn ausgerechnet Samwell Tarly dazu aufforderte, eine Waffe zu suchen und zurückzuschlagen. Als Ygritte zu Boden fiel, nickte Olly Jon zu. In diesem Nicken verdichtet sich die ganze Tragik der Situation: Unter den üblichen Genreumständen war Ollys Pfeilschuss eine Heldentat. Der Junge, der in einer außergewöhnlichen Situation seinen Mut fand und zum Mann wurde. Der Sohn, der den Tod seines Vaters rächte – Ygritte hatte Ollys Vater in BREAKER OF CHAINS mit einem Pfeil erschossen. Der junge Sidekick, der den Helden in letzter Sekunde das Leben rettete. Olly meinte es nur gut mit diesem Nicken, und doch ist es so fehl am Platz. Eine Heldentat, zur falschen Zeit, am falschen Ort. Olly hat das getan, was von ihm erwartet wurde. Und doch kann man es nicht erwidern, dieses Nicken. Wie schon am Blackwater hinterlässt auch an der Mauer der Triumph über die Angreifer einen schalen Beigeschmack.

Vielleicht nicht die stärkste Folge der Serie, hat THE WATCHERS ON THE WALL doch dem (sich selbst aufgezwungenen) Vergleich mit BLACKWATER standgehalten. Brillant gefilmte 50 Minuten Spannung, die einen längst überfälligen Fokus auf einen anderen Schaupatz jenseits von King’s Landing warf. THE WATCHERS ON THE WALL kann in der Hinsicht als erfolgreiches Experiment gesehen werden: Mehr Mut zu weniger King’s Landing! Es bleibt jedoch abzuwarten, was THE CHILDREN, die letzte Folge der vierten Staffel GAME OF THRONES, zu bieten hat. Denn bei aller Intensität – nach Staffelfinale hat sich THE WATCHERS ON THE WALL nicht angefühlt.

Bildcopyright: HBO

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