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„Ich sehe etwas, dass sich jede Mutter und jeder Lehrer nur wünschen kann.“, sagt die Mutter (Ashley Judd) des jungen Sawyer (Nathan Gamble). „Ich sehe ein Kind, dessen Augen leuchten.“ Mütter und Lehrer sind demnach die Zielgruppe von Charles Martin Smiths Mein Freund, der Delfin. Das Märchenhafte, dessen Originaltitel „Dolphin Tale“ suggeriert, entpuppt sich auf der Leinwand als kalkulatorische Familienunterhaltung, deren vorgebliche Ökobotschaft eine kaum verhohlene Lektion in konservativer Moral und Kommerz ist.

„Nach einer wahren Begebenheit“ erzählt der sentimentale Kinderfilm in 3D von der Freundschaft des mürrischen Sawyer zum gestrandeten Delfin-Weibchen Winter (Winter), das im Auqarium von  Dr. Clay (Harry Connick) aufgepäppelt wird. „Sie zwitschert wie Tweety!“ Niedliche Delfin-Laute zu Sawyer. „Da ist es wieder, das Tweety-Gezwitscher! Das macht sie wegen ihm.“ Mehr niedliche Delfin-Laute, die das Herz von Sawyers Mutter erweichen.
„Was er hier lernt ist so viel wertvoller als alles, was Sie ihm beibringen können.“, erklärt sie dem Nachhilfelehrer des Problemschülers und dem Publikum. Vor letztem breitet Regisseur Smith in fast zwei Stunden aus, wie Winters Schwanzflosse amputiert werden muss und dem Aquarium die Schließung droht, was viel dramatischer ist als bei irgendwelchen anderen geförderten Einrichtungen. „Bei den anderen gibt es aber keine Tiere, deren Leben davon abhängt!“ Wen interessieren sozial Schwache, wenn das Leben süßer Delfine auf dem Spiel steht? Doch wenn Sawyer, Dr. Clays Tochter Hazel (Cozi Zuehlsdorff), ihr Großvater (Kris Kristofferson) und der Medizintechniker Dr. McCarthy (Morgan Freeman) zusammenhalten, kann Winter es schaffen!

Genau wie Willy. Welcher Willy? Na, der Willy, Free Willy! Alle, bei denen Winters Geschichte verdrängte Traumata aufgrund von Kitsch-Überflutung weckt, haben ihre Geschichte schon 1993 gesehen. Damals hieß Winter Willy und war ein Orca und die amputierte Schwanzflosse war eine geknickte Rückenflosse und Sawyer hieß Jesse, der von einem nicht gerade talentierten Kinderdarsteller gespielt wurde. Die Kinder- und Erwachsenendarsteller in Mein Freund, der Delfin spielen ähnlich schlecht mit Ausnahme Freemans und Kristoffersons. Obwohl das flache Drehbuch es ihnen denkbar schwer macht, überzeugen die Schauspielveteranen. Apropos Veteranen: ein solcher ist auch Sawyers Cousin Kyle (Austin Stowell). Den aspirierenden Profisportler behindert ein finanzielles Karrierehandicap:
„Darum gehe ich eine Weile zur Army. Die bezahlen meine Ausbildung.“ Das sei als wäre er nur mal zehn Minuten weg, erklärt Kyle. Im Rahmen der Filmlaufzeit stimmt das auch in etwa. Die Spendierfreude der Regierung wiederholt später Dr. McCarthy: „Ich habe Staatsobligationen. Mach irgendwas kaputt und der Staat bezahlt es. Das bringt mir Geld.“

Ganz so funktionieren Staatsobligationen nicht, bemerkt Kyle, und ganz so funktioniert auch das mit der Ausbildung nicht für die, welche beim Kriegseinsatz sterben oder wie Kyle gehandicapt zurückkehren. Begleitet in einer Szene einen Spielzeug-Helikopter Wagners „Walkürenritt“, begreift auch der letzte, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Kinderspiel und Kriegsspiel. Aus letztem kommt Kyle in eine Rhea-Klinik, die so malerisch ist, dass man sich im wahrsten Sinne einen Arm ausreißen würde, um dort mit den Prothesenträgern zu liegen. Verständlich, das Kyle als einziger von ihnen schlecht drauf ist, denn mehr als eine Beinschiene will Smith ihm und dem Publikum nicht zumuten. Weil Kyle trotzdem statt direkt nach Hause in die Klinik geht, macht ihm Sawyer berechtigterweise Vorwürfe. So war das mit der staatlichen Großzügigkeit nicht gemeint und überhaupt ist das rücksichtslos gegenüber Kyles Familie, denn „Familie ist für immer“. So steht es auf Sawyers Taschenmesser.

Hätte es keinen Krieg gegeben, hätte Kyle Sawyer nicht das Messer als Abschiedsgeschenk gegeben. Sawyer hätte damit nicht Winter von der Reuse, in der sie sich verfängt, befreien können und Kyle wäre nicht verwundet worden, sodass Sawyer nie Dr. McCarthy kennengelernt hätte, der eine Schwanzflossen-prothese für Winter konstruiert. Sawyer hätte weiter miese Noten geschrieben und nie gelernt, dass man sich gefälligst zusammenreißt. Denn wer nur will, kann auch, und wer nicht kann, will einfach nicht. So wie Winter zuerst ihre Prothese nicht haben möchte: Familienbotschaft, Militarismus, Patriotismus, Durchhaltebotschaft – was fehlt? „Vermutlich hast du furchtbar viel zu tun.“, betet Hazel, „Aber könntest du…?“ Klar doch. Gottes Wege sind unergründlich.
Wer daraus schließt, die Leben unzähliger Kriegsopfer seien nichts gegenüber dem eines knuddeligen Delfins, hat Regisseur Smith nicht verstanden: „Delfine und Menschen bilden von jeher eine ganz besondere Symbiose.“ Wer glaubt, Delfine kämen auch so zurecht, den belehrt „Dolphin Tale“ eines Besseren.

Ohne Angler, die gestrandete Delfine finden, das Sekunden später auftauchende Rettungsteam und Autoschrott („Die Prothese habe ich aus den Teilen eines alten Buicks gebaut.“) wären die Biester aufgeschmissen! Warum sie trotzdem bedroht sind? Wie Dr. Clay sagt:
„Wir können sie nicht zum Überleben zwingen.“ Die einzige Gegenleistung dafür ist ein bisschen Plantschen in Delfinarien. Welcher Delfin träumt nicht von einer Showbusiness-Karriere wie Flipper? Der Delfin, der Flipper gespielt hat, ist übrigens tot. Who killed Flipper? Die Frage beantworten Eltern am Besten, indem sie ihren Kindern nach „Dolphin Tale“ einen guten Delfin-Film zeigen: The Cove. Die Dokumentation mit dem ehemaligen „Flipper“-Trainer Ric O´Barry zeigt, dass Tiere in Gefangenschaft Selbstmord begehen, und das „Lächeln“, von dem Smith im Pressematerial spricht, kein mimischer Ausdruck von Fröhlichkeit ist. Via Internet „lächelt“ in Gefangenschaft auch Winter, von der es heißt: „Dieser Delfin führt uns alle irgendwohin,“ möglicherweise ins Kino.

Mein Freund, der Delfin – Pressespiegel bei film-zeit.de

Mein Freund, der Delfin / Dolphin Tale
R: Charles Martin Smith
D: Harry Connick, Winter, Nathan Gamble, Ashley Judd
USA 2011 113 Min.
Kinostart: 15.12.2011
Verleih: Warner
FSK: 0

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