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Kampf der Regie-Giganten: Erste Eindrücke und Gedanken zu den neuen Filmen von Terrence Malick und Paul T. Anderson

Venedig-Blog, 4 Folge

 

„Tom Cruise hat den Film gesehen, wir sind weiterhin Freunde, und der Rest bleibt zwischen uns.“ – muss die Welt jetzt beruhigt sein, oder eher beunruhigt, dass der bekennende Scientology-Anhänger Tom Cruise dem kapriziösen Hollywood-Outsider Paul Thomas Anderson auch nach Ansicht von dessen neuem Film die Freundschaft nicht aufgekündigt hat? Das ist zwar eine der Fragen, aber bestimmt nicht die interessanteste, die sich stellen, nachdem der neueste Film des einst für BOOGIE NIGHTS und MAGNOLIA gefeierten Anderson am Samstagabend in Venedig bei den Filmfestspielen seine Premiere erlebte. Viel interessanter ist: Wieviel hat THE MASTER jetzt nun wirklich mit der geheimnisvollen Scientology-Sekte und dem Leben ihres nicht weniger mysteriösen Gründers L. Ron Hubbard zu tun?

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Denn Anderson nennt sie nie beim Namen. Er erzählt aber von einer sektenartigen Religionsgemeinschaft Anfang der 50er Jahre – und die Ähnlichkeiten zu Scientology sind auch ohne konkrete Namensnennung frappierend. Der Regisseur leugnete in Venedig diese Ähnlichkeit auch überhaupt nicht: „Ich weiß zwar nicht viel über Scientology von heute“, sagte er am Samstag bei der Pressekonferenz bei den Filmfestspielen, „aber ich weiß viel vom Beginn dieser Bewegung, und dies hat mich als Hintergrund für meinen Film inspiriert. Das ist alles, was ich dazu offen sagen kann.“

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Ohne Frage: THE MASTER ist unter den vielen Filmen, die sich bislang in Venedig mit Facetten des Religiösen beschäftigen, und sich zum Teil in ganz erstaunlicher Weise auf religiöse, auch streng orthodoxe Lebenswelten einlassen, ein Außenseiter in der Eindeutigkeit seiner Religionskritik.

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Anderson bleibt klar auf Seiten dieser Welt – er erzählt eine faszinierende Geschichte über Kriegstrauma, Paranoia, Manipulation und Gehirnwäsche, und von ihrer komplexen Verbindung im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Er tut dies anhand von zwei Männern. Der eine, gespielt von Joaquim Phoenix, ist ein totaler Versager, Säufer und traumatisiert, der andere ein charismatischer egomanischer Menschenfänger und de facto ein zukünftiger Sektenführer. Er experimentiert mit Drogen, schreibt Bücher über die Menschheitsgeschichte und Zeitreisen und zieht gutgläubigen Reichen das Geld aus der Tasche. Philip Seymour Hoffman spielt ihn großartig und voller Charme.

Man kann gegen Andersons Film einwenden, dass er sich selbst zu ernst nimmt, dass ihm Humor fehlt, und dass er filmisch weniger inspiriert ist, als frühere Werke des Regisseurs. Auch gelingt es ihm nicht, seine Themen in der Gegenwärtigkeit seiner Figuren aufzulösen. Das gelingt nur Hoffman.

Trotz solcher Einwände ist THE MASTER aber ein insgesamt sehr gelungener Film von großer inszenatorischer Kunst. Das Premierenpublikum reagierte mit minutenlangen Ovationen.

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Eine ganz einfache Geschichte erzählt demgegenüber das zweite Schwergewicht des US-Kinos, Terrence Malick, in seinem Wettbewerbsbeitrag TO THE WONDER: Im Zentrum steht Marina, eine junge Frau russischer Abstammung aus Paris. Sie ist verliebt in einen amerikanischen Schriftsteller. Sie ziehen nach Oklahoma, leben zusammen; weil ihr Visum ausläuft, muss sie zurück. Er hat bald eine andere, verlässt diese aber, als Marina wieder da ist. Doch sie kann nicht mit ihm leben.

Ein Hin und Her der Beziehungen, die Facetten der Liebe stehen im Zentrum dieses Films. Unter Liebe versteht der studierte Philosoph Malick aber auch grundsätzlicher das Wesen menschlicher Beziehungen – und die Liebe Gottes.

Auch wenn hier ein von Javier Bardem gespielter katholischer Priester vorkommt, und viele direkte und indirekte Anspielungen auf die Religionsgeschichte des Abendlandes, ist TO THE WONDER mehr ein Film über die Liebe und eine Hymne auf das Leben, als auf die Religion.

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 Malicks Film gleicht in seiner Anhäufungen fragmentarischer Bildern einem Bewusstseinsstrom. Zugleich ist seine von Emmanuel Lubetzki geführte Kamera neugieriger, sucht mehr, und weiß weniger als die Andersons, und entdeckt dadurch am Ende viel mehr.

Zudem ist der mitunter fast naiv wirkende Malick kein Zyniker. Er glaubt weiterhin, dass so etwas wie Wahrheit und ein Sinn des Lebens existieren, und dass der Mensch sie finden sollte. Für Anderson ist Wahrheit, zumindest im neuen Film, dagegen nur das Ergebnis von menschlicher Manipulation.

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Ob Malicks Film nun aber etwas für Jurypräsident Michael Mann ist, und es dem scheuen, geheimnisumwitterten Amerikaner gelingen wird, nach der Goldenen Palme von Cannes und dem Goldenen Bären auch den Goldenen Löwen von Venedig zu gewinnen – und damit den inoffiziellen „Grand Slam“ des Kinos? Abwarten. Auch mit der Frauenfreundlichkeit des Festivals ging es am Wochenende ja nicht weiter – von Malick hatte man bereits im Vorfeld gehört, dass er Oscarpreisträgerin Rachel Weisz komplett aus seinem Film herausgeschnitten hatte.