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APRÈS MAI

Olivier Assayas‘ Après Mai und die Geister der Vergangenheit

Venedig-Blog, Folge 10

„No e una party, e un casino, una revoluzzione…“ – diese Worte werden bleiben, von Venedig 2012. Sie stammen von unserer Vermieterin; mit ihnen beendete sie ein nettes Spaghetti-Zusammentreffen von 25 Freunden aus 15 Ländern. Seit vier Jahren wohnen wir, Guiseppe Rapido, Präsident der Jury des unabhängigen Kritikerpreises Premio Maleti, Kollege diverser beruflicher Aktivitäten und Freund und ich in der Via S.Caboto in einem objektiv teuren, aber preiswerten Appartment mit großem Balkon. Mit dabei ist seit zwei Jahren auch Olimpia, Spanierin aus Berlin, die für das Coproduction Office arbeitet, die unter anderem Seidl produzieren. Unsere Vermieterin verdient mit uns ziemlich viel Geld, aber offenbar sind die Verhältnisse auf dem Lido noch nicht so schlecht, dass sie es sich nicht leisten könnte, uns vorzuschreiben, was wir in der Wohnung machen dürfen, und was nicht. Das ist nur eine Anekdote am Rande, die vielleicht illustriert, dass es mit dem dolce vita und far niente und südlicher Lässigkeit nicht überall gleich weit her ist. Nach über einer Woche mit mas o menos vier Filmen pro Tag, hat man auch mal Lust, zu feiern.

Nächstes Jahr wird die Revolution also woanders stattfinden, wir liebäugeln schon mit der Obdachlosigkeit – Strandparty – oder politischem Asyl in Dänemark, denn Tine, Direktorin des Kopenhagener Filmfestivals hat bereits angeboten, das Ganze könnte ja gern im Garten ihres Appartements stattfinden, eine rabiate Landlady gäbe es dort jedenfalls nicht.

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Beim Abendessen erzählen Besucher des Sarajewo-Festivals von merkwürdigen Träumen im Festival-Hotel, das zur Olympiade gebaut wurde und das gleiche ist, in dem einst die westlichen Kriegsberichterstatter während der Belagerung im Bürgerkrieg wohnten. „Als ob die Geister der früheren Bewohner“ dort noch ihr Unwesen trieben. Muss man empfänglich für sie sein, um die Geister der Vergangenheit zu treffen? Oder kommen sie auch, wenn man sie gar nicht erwartet?

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Am Tag vor der Verleihung der Preise gibt es am Lido noch keinen klaren Favoriten. Mein persönlicher Tip ist, dass in einem unklaren, sehr offenen Rennen, diesmal Ulrich Seidl sehr gute Chancen hat, auch Kim Ki-duk, der leider viel zu vielen gefiel. Und keiner glaubt, dass die Beiträge der Amerikaner Paul Thomas Anderson (THE MASTER) und Terrence Malick (TO THE WONDER) völlig leer ausgehen, ebenso wenig wie die 70er-Jahre-Hommage APRÈS MAI des Franzosen Olivier Assayas, der zuletzt mit dem Terror-Drama CARLOS Erfolg hatte.

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Der wäre mein persönlicher Goldener Löwe: Der beste, unterhaltsamste und interessanteste Film des Wettbewerbs. Wie bei CARLOS arbeitet der Franzose auch diesmal wieder mit einem ganzen Dutzend bezaubernder Jungschauspieler und wieder reist er zurück in seine eigene Vergangenheit als Kind der 60er und 70er Jahre. Denn in APRÈS MAI erzählt Assayas die Geschichte seiner eigenen Jugend und damit die einer ganzen Generation in den Jahren nach dem revolutionären Mai 1968, in dem die Studentenrevolte die Fabriken erreichte und auf die Straße ging, und auf bürgerliche Kreise überschwappte: Charles de Gaulle wurde aus dem Elysee-Palast vertrieben. Danach verpufften die Hoffnungen auf eine so rasche wie grundsätzliche Veränderung der Gesellschaft schnell. Die Utopien und das Unbehagen in der westlichen Kultur aber blieben, und hiervon, von der Generation, die knapp zu spät kam für die Revolte, erzählt Assayas.

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APRÈS MAI

Gewidmet ist der Film – „a memoire de Laurent Perrin“ – dem französischen Experimentalfilmer, der, gleichalt wie Assayas und ein Freund seit 40 Jahren, dort vielleicht sogar direkt portraitiert wird, jedenfalls aber mittelbar.

Gleich zu Beginn wird im Philosophie-Unterricht – so etwas gibt es in Frankreich -, ein A im Kreis in den Tisch geritzt. Dann zitiert der Lehrer Blaise Pascal: „Entre nous & le ciel, l’enfer, ou le neant il n’y a donc que la vie qui est la chose du monde la plus fragile; & le ciel n’estant pas certainement pour ceux qui doutent si leur ame est immortelle, ils n’ont à attendre que l’enfer ou le neant.“

Das Leben sei zerbrechlich, und doch das einzige, was wir haben, jenseits des Himmels. Und dieses Himmelreich bleibe denen verschlossen, die nicht an die Unsterblichkeit der Seele glaubten. Anarchismus und Pascal, das ist schon eine gute Kombination für den Anfang.

Dann eine Demonstration: „Wir überwachen die Polizei“ glauben die Schüler, brüllen „CRS – SS“ gegen die Polizei, die diese Rufe dann als Aufforderung nimmt, und tatsächlich die Schüler zusammenprügelt, als gäbe es kein Morgen. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen und will es kaum glauben, doch es ist alles belegt. Man muss eben, um einen Aufstand zu verstehen, auch verstehen, gegen wen er gerichtet ist.

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APRÈS MAI setzt 1971 ein und portraitiert eine Gruppe junger Schüler aus gutem Haus. Sie wollen für die Weltrevolution kämpfen, ihre Freiheit in jeder Hinsicht auskosten und sie wollen Künstler werden. Im Zentrum steht Gilles. eine Art alter Ego des Regisseurs, der die Ereignisse als 16-Jähriger miterlebte. Wie der Vater von Assayas ist Gilles Vater Drehbuchautor, und auch Gilles geht am Ende zum Film. Davor wird er und wir mit ihm Augenzeuge der vielen Facetten der Revolte: Drogentrips und Indienreisen, sexuelle Revolution und Feminismus, und Musik (z.B. GREEN ONIONS) und Kino als Medien der Befreiung. Die Frauen, denen er begegnet, sind gut gecastet: Elfenhafte Wesen mit brauen, etwas zu langen, etwas zu vollen Haaren und großen Rehaugen – ein Schönheitsideal der Epoche. Gilles liest Simon Leys: MAO’S NEUE KLEIDER, was eine schöne Lüge ist, denn erst 1980 wurde dieses Buch bekannt, oder auch eine weniger schöne, denn so wie man den Pariser Mai heute eher retten muss, als ihn zu diskreditieren, wird man auch irgendwann beginnen, wieder anders als zur Zeit auf die Kulturrevolution zu blicken. Solche Sentimentalitäten, die die Hauptfigur zu gut aussehen lassen, hätte sich Assayas besser geschenkt.

„Eine Revolution ist keine Dinnerparty“ sagte Mao. Ein untergründiges Thema stellt die Gewalt, die vielleicht mit Schuld trägt am Scheitern größerer Träume. Dann zeigt er, wie ein harmloses Sprayen von Graffitis in eine Gewaltspirale mündet: Molotowcocktails werden geworfen, mit Eisenstangen prügeln Sicherheitsleute und am Ende liegt ein Mensch im Koma.

APRÈS MAI

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Gut dass sich der Film nicht deutlich auf irgendeine Seite schlägt, keine Schuldzuweisungen vornimmt. Man kann hier auch gegen die UdSSR sein, aber für Lenin. Es ist jedenfalls – siehe oben – subjektive Ansichtssache, was man so für eine Revolution hält, und ob man etwas von Revolution hält, natürlich auch.

Manchmal wirkt das wie ein Film von Phillippe Garrel. Die erste Stunde lang ist es der beste Film des Festivals, dann denkt Assayas, er muss jetzt doch noch etwas plotpointmäßig erzählen, dann leiert der Film etwas aus. Aber nur etwas. Aber man kann sagen: Der Film wirkt zunächst wie ein Godard, dann ein Truffaut.

Diese Kinder von Marx und Coca-Cola glauben nicht an Gott, auch nicht wie Pascal, aber sie glauben an Bildung. In diesem Pathos des Lesens, der Bildung liegt einer der größten Unterschiede zu heute: Welcher Schüler kauft sich schon am Morgen fünf Zeitungen?

Eine der Differenzen, die hier auch verhandelt wird, ist die zwischen Subjektivität und Individualität. Diese Jugendlichen sind subjektiv, aber nicht individualistisch. Das heißt sie kapseln sich nicht ab von Gesellschaft, sondern finden in sich das Allgemeine.

APRÈS MAI ist ein ungemein berührender, packender und zugleich luftig und charmant inszenierter Film, der davon erzählt, wie Idealismus in Melancholie münden kann, wie die Träume der Jugend verblassen. Gilles macht die Erfahrung, allein zu sein, am Ende gehen alle weg.

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Zugleich – und hier liegt die besondere Stärke und gegenwärtige Bedeutung des Films – ruft Assayas uns eine Epoche und eine Lebensform ins Gedächtnis, in der die Menschen kein Internet und kein Smartphone hatten, dafür viel Zeit zum Lesen; eine Epoche in der sie an Bildung glaubten, an das Kino und an die Freiheit. Man experimentierte mit sich selbst: mit Sex, Drogen, man rauchte, keiner trägt hier Helme, weder beim Fahrrad- noch beim Mopedfahren – Sicherheitsdenken galt als reaktionär, spießig oder einfach dumm.
Die Eltern spielen für diese Jugend keine Rolle. Großartig! Man ist nicht fixiert auf das Realistische, auf die Karriere, darauf, es irgendwem rechtzumachen.

Vielleicht ist ja etwas dran an der Überlegung, dass wir etwas von dieser Generation lernen können. Nicht nur, aber auch, dass Sicherheitsdenken und Dummheit zusammengehören. Denn – siehe Pascal – nichts ist sicher, außer der Tod. Und so erzählt Assayas nicht nur indirekt, was uns heute fehlt, weil wir es vergessen haben, er zeigt uns auch, dass nichts so sein muss, wie es heute ist, sondern dass alles anders sein kann und irgendwann wird.

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Eine bemerkenswerte, wichtige Debatte, die wir auch aus der Gegenwart kennen, führt der Film zur Frage des „richtigen“ Kinos. Muss revolutionäres Kino nicht auch eine revolutionäre Syntax haben? „Such a style will be a challenge for the proletariat.“, heißt ein Gegenargument. Das bessere lautet: „This revolutionary syntax is in fact the individualist style of the petit bourgoisie.“

Auf der Pressekonferenz erklärt Assayas, Kino sei für ihn „kein Mittel der Information, noch nicht mal der Kommunikation, es ist eine Form der Kunst und seine Wirkung ist daher dialektisch… Ich will den Blick des Zuschauers nicht lenken.“

Kunst wurde im Übrigen nicht geschätzt: „art, c’est la solitude … Du bist außerhalb des Kampfes,“

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Noch etwas zum Thema Melancholie: Im Gespräch berichtet Patrizia, auch Mitarbeiterin beim Kopenhagener Festival, von ihrem ganz besonders schönen Hotelzimmer. Schnell stellt sich heraus, dass sie für drei Tage in genau dem gleichen Raum wohnt, in dem jahrelang mein Freund und Redakteur Michael Althen wohnte, der Venedig-Stammgast war, und im letzten Jahr allzu früh gestorben ist. Man kann hier sowieso nicht einen Tag verbringen, ohne an Michael zu denken. Und als ich das mit dem Hotelzimmer höre, setzt es erstmal einen Stich ins Herz. Einerseits. Andererseits war ja klar, dass da nun jemand anderes wohnen würde und ich freue mich, dass es wenigstens nicht irgendjemand, sondern ein angenehmer, besonderer Mensch ist. Michael hätte Patrizia bestimmt auch gemocht.