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„Was? Schon wieder ein Film über den Messner? Über den weiß man doch eh schon alles!“ So beschreibt Andreas Nickel die verbreitete Meinung, die sein dokumentarisches Porträt des 1944 in Tirol geborenen Bergsteigers und Autors überwinden will, und auf die der Regisseur und Filmautor erwidert: „Nein! Über Messner weiß man eigentlich sehr wenig. Werdet´s schon seh´n!“ Das tut man nun im Kino für 108 Minuten, die beweisen, dass Nickel Recht hatte. Man weiß nicht alles über Reinhold Messner, dessen Brüder Hubert, Helmut und Hans-Jörg Doktortitel haben und den ein Lehrer angeblich aus schierer Bosheit durchs Abitur falle ließ. Man weiß nur alles, was man wissen wollte.

Emotionaler als die retuschierten Spielszenen, die den vertikalen Werdegang des unaufhaltsamen Kletterers zum weltbekannten Extremsportler und 8000er-Besteiger nachzeichnen, sind die eindrucksvollen Naturpanoramen, in denen Denis Ducroz und Irmin Kerck Steilwände und Gipfel einfangen. Doch statt majestätischer zu erscheinen schrumpft das Felsmassiv vor dem geistigen Auge, denn das Ehrfurchtgebietende, das die Luftbilder ihnen verleihen sollen, unterminieren die inszenatorische Verklärung des Titelprotagonisten. Ihn sieht man lebensecht oder gespielt von den Darstellern, die Messner als Kind (Philipp Mantinger), Jugendlichen (Gabriel Messner) und Erwachsenen (Florian Riegler) spielen, allein oder mit Bruder Günther (verkörpert von Aaron Messner, Patrik Mantinger und Martin Riegler, den Brüdern des ersten Schauspieltrios) Berge erklimmen. „Trotz all der atemberaubenden Einstellungen von Kletterszenen geht es in dem Film nicht um das Klettern per se.“, erläutert Nickel.

Vielmehr stehe das Bergsteigen als Metapher für das universelle Thema des Wachsens an Widerständen, dem Überwinden von Rückschlägen: „Als Metapher für das Leben schlechthin.“
Womöglich auch dessen, was spirituell darüber hinaus geht, impliziert der Einschub eines theologischen Diskurses. Darin summiert Messner, was die großen buddhistischen, christlichen und islamischen Propheten auf Bergen fanden: Erleuchtung. Verdächtig ähnlich heißt eines der Kapitel, deren Titel den Zuschauer lawinenartig begraben. „Erkenntnis“ bringt jedoch nicht das, was sein Name verspricht. Es fasst nur zusammen, was frühere Handlungsabsätze an psychologischen Gemeinplätzen anführten. „In diesen kleinen Dorfgemeinschaften zu sein heißt wie in einem Gefängnis zu sein.“, beschreibt Messner ein verständliches Einschränkungsgefühl, dem er in die Höhen entfloh: „Hier oben war das Gegenteil davon: die Freiheit.“ Letzte zeigen scheinhistorische Szenen von Nachwuchsbergsteigern in lässigen Strickpullovern und Bob Dylans „Times they are a´changing“, das Nickel so sehr gefällt, dass er es gefühlt alle paar Minuten einspielt.

Die Rasthütten seien keine Kommunen gewesen, schränkt Messner ein, aber in der Höhenluft wehte der Wind der Veränderung: „Das war die Anarchie, was wir in den Bergen gelebt haben.“ Ihn als Rebellen am Abgrund glaubhaft zu machen, gelingt der Doku-Biografie nicht. Seine Person ist zu medienverschlissen und die durchweg positive Darstellung läuft dem Image eines Revoluzzers zuwider. Höher als die ewigen Berge erhebt Nickel deren Bezwinger, der seine physische Vergänglichkeit nicht verhehlt. „Später muss man eingestehen, dass Menschen einfach zerbröseln.“ Diesem Prozess stemmt sich das Kinoporträt entgegen, indem es der Titelfigur noch zu Lebzeiten ein filmisches Denkmal setzt. Starr und kalt steht es in den Fels gemeißelt wie auf dem Kinoposter das Gesicht Messners, dessen Leistungen stets einzigartig und unnachahmlich scheinen: „Nordwand Erstbegehung: da wussten wir, wir haben etwas gemacht, das andere so nicht machen können.“

Letztes gelingt dem in seiner kritiklosen Huldigung letztlich unvollständigen und wenig ergiebigen Dokument leider nicht. „Die Bedeutung, den Inhalt geben wir eigentlich den Bergen.“, sagt Messner und rührt an ihrem Status als Projektionsfläche für Ideale – eine Funktion, die sie mit manchen Urgesteinen der Prominenz teilen.

 

Bilder-Copyright: movienet

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