Seite auswählen

Ein Triptychon ist Ausgangs- und Endpunkt von Meteora von Spiros Stathoulopoulos. Es stellt die drei zentralen Figuren des Films dar. Links die Nonne Urania (Tamila Koulieva), rechts den Mönch Theodor (Theo Alexander). Die Hauptrolle aber spielt der Handlungsort, der in der Mitte abgebildet ist. Es handelt sich um eine Felsformation am Rande eines Tales. Auf zwei der hoch hinauf ragenden Felssäulen befinden sich Klöster, das der katholischen Nonnen und das der orthodoxen Mönche. Doch der Ort ist mehr wie reiner Schauplatz. Oben im Mittelbild ist Gott in einer Wolke sitzend dargestellt, die Predella unten zeigt Szenen des Fegefeuers sowie ein Labyrinth. Der Ort ist Metapher für Gottes Walten auf der Welt und dem Leben der Menschen unter seiner Macht.

Das Triptychon ist nicht einfach nur eine Illustration des filmischen Kosmos. Es selbst wird zu diesem. Immer wieder werden Geschehnisse der Realität in animierten Sequenzen, die sich aus den Elementen des Triptychons nähren, weitergeführt. Das Gemälde zeigt den Versuch des Menschen, eine Ordnung der Welt darzustellen. Urania und Theodor lieben sich. Über geheime Zeichen kommunizieren sie miteinander, ihre Treffen finden versteckt und schüchtern statt. Sie müssen erkennen, dass ihre Lebenswirklichkeit mannigfaltiger ist, wie es das erstellte System zunächst erscheinen lässt. Die Animationen bebildern daher die Ängste und Wünsche der beiden.

Die Felsen liegen oft im Nebel, ihre Spitzen und die der Klostertürme sind meistens vom Bild abgeschnitten. Die himmlische Macht spielt eine große Rolle hier, ihr Einfluss auf die Menschen in den Klöstern ist immer präsent. Urania und Theodor wehren sich gegen ihre Gefühle und ihr Verlangen, denn ihr Leben ist, sowie der Ort, Gott geweiht. Doch müssen sie feststellen, dass es sich keineswegs um flüchtige Emotionen handelt, sondern um wirkliche Liebe. Für den Ausgang ihrer Geschichte gibt es daher nur zwei mögliche Szenarien: Verzweiflung und Freiheit. Falls sie die Liebe wollen, müssen sie sich wie die Animationen von dem vorgegebenen Rahmen befreien. Dieser Rahmen ist der Ort, aber vielmehr das, was er bedeutet. Eine Entscheidung für die Liebe zum anderen muss eine Abkehr vom gewählten spirituellen Lebensweg bedeuten. Die Befreiung richtet sich also nicht auf eine äußere Macht, sondern auf die innere Einstellung. Die Realität wird in statischen Aufnahmen eingefangen. Eine Kamerabewegung findet sich das erste Mal, als eine Taube in einer animierten Einstellung verfolgt wird, wie sie über die Triptychonmitte fliegt. Das zweite Mal, dass der Kamera eine solche Freiheit gegönnt wird, gleitet sie von Uranias Schoß aus über ihren nackten Körper bis hinauf zu ihrem Gesicht. Diese Aufnahme folgt auf den ersten Blick des Films vom Felsen aus in das weite Land, das zu ihren Füßen liegt. Ihre Selbstbefriedigung ist ihre persönliche Befreiung und ein Schritt hin zur Akzeptanz ihrer Gefühle. Die darauf folgende Animation schickt nun den Mann in den Befreiungskampf. Mit einem roten Wollknäuel wie einst Theseus macht er sich auf in das Labyrinth. Dort trifft er auf Jesus und nagelt ihn ans Kreuz. Das Blut des Messias schwemmt Theodor zurück zu Urania. Das Blut wird zum Ariadnefaden. Für ihre Liebe ist ein Opfer nötig. Das wurde schon zuvor deutlich, als Theodor eine Ziege schlachten ließ um Urania ein Essen vorzubereiten.

Bei erneuter Betrachtung des Triptychons stellt man fest, dass im Zentrum des gesamten Bildes weder Gott, noch die Menschen, noch eine Strafe zu finden ist. In der Mitte der Mitte wächst ein Olivenbaum auf einem Fels. Das Leben sprießt an den unmöglichsten Orten. Gott lässt sich in den verschiedensten Dingen wiederfinden, auch in der Liebe zwischen Mann und Frau.

Meteora besticht vor allem durch seine symbolisch aufgeladenen, gleichzeitig aber nicht immer eindeutigen Bilder, die Menschen, Landschaft und Gott zusammenfügen. Gefunden wird nicht die Geschlossenheit eines Systems, sondern die Freiheit des Lebens, der Interpretation, der Liebe. Die ruhige Distanz zu den Figuren ermöglicht die Kontemplation über den größeren Zusammenhang. Dass als Attraktion für den Film eine Ziege lauthals schreiend vor der Kamera getötet werden musste, erscheint mehr als gewollte Provokation denn als notwendig für das Thema und die Metaphern sind teilweise derart unergründlich, dass das Nichtverständnis den Film zur Oberfläche macht. Meteora ist somit ein sperriger und sehenswerter Wettbewerbsbeitrag, aber kein Höhepunkt der diesjährigen Berlinale.

Hier findet Ihr die gesamte Berichterstattung von der Berlinale 2012.

Pin It on Pinterest