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Ein nicht ganz normaler Samstags-Lunch

Es ist ein rein privates Mittagessen, zu acht in einer Brasserie gegenüber dem Filmmarkt, ich bin hier kein Journalist, nur ein netterweise dazugebetenes Anhängsel und jetzt merke ich mal ansatzweise, wie sich Herr Sauer wohl so fühlt, der Ehemann von Frau Merkel. Immerhin habe ich den besten Platz, direkt gegenüber dem Regisseur Arnaud des Pallières. Der ist einer der großen Unbekannten im Wettbewerb von Cannes. Er hatte bisher ein paar interessante Filme gemacht, aber keine „Knaller“ und mit seinem trockenen Stil, der zwar klug ist, aber zumindest in seiner Wirkung intellektuell und recht humorlos erscheint, ist er auch unter seinen französischen Landsleuten ein Außenseiter.

Um so mehr genießt er die Präsenz in Cannes, um so mehr auch den Beifall der Franzosen. Denn bei der hiesigen Presse kommt sein Film sehr gut an. Das geht auch über den üblichen Heimbonus und Patriotismus hinaus – einer der vier Liberation-Kritiker nennt den Film gar als seine persönliche Goldene Palme.

Auch die internationale Presse reagiert überwiegend positiv, ohne Enthusiasmus zwar, aber freundlich, interessiert, neugierig und wohlwollend. Auch unter meinen Freunden in Kritiker- und Festivalkreisen – deren Sicht des Films ich schwer einschätzen konnte, und dementsprechend gefürchtet hatte – war die Reaktion eine angenehm positive Überraschung. Die Interviews zum Film am Morgen waren dementsprechend gut.

Nur die deutschen Journalisten haben wieder einmal etwas auszusetzen. Erstaunlich, wie viele Kleist-Experten jetzt unter den Kollegen plötzlich aus ihren Löchern kriechen. Ihren KOHLHAAS, den soll man ihnen bitteschön nicht nehmen – aber es ist dann doch viel Ratlosigkeit, wenig Wohlwollen und gar kein Einfühlungsvermögen, das aus den meisten Texten spricht. Allein die taz und die Welt zeigen sich dem Film gewachsen.

Denn es geht ja nicht darum, dass man den Film positiv bespricht. Sehr wohl aber geht es um Angemessenheit – um die Frage, was der Regisseur denn wohl gewollt hat. Warum er alles so gemacht hat, und nicht anders.

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Beim Mittagessen spielen die deutschen Kritiken aber keine Rolle. Warum auch? Mads Mikkelsen setzt sich genau zwischen uns, an die Kopfseite des Tisches, obwohl ich auch aufgestanden wäre. Es scheint ihm nichts auszumachen, nach Außen, zum Bürgersteig hin gerichtet zu sitzen, also genau da, wo in seinem Rücken dauernd alle möglichen Leute vorbeigehen. „Bist Du sicher?“, wird er noch gefragt – und es gibt ein paar billige Witze über Schauspieler mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Während des Mittagessens kommen nur zwei, drei Menschen und bitten um eine Autogramm und Foto. Zwei Kinder mit FC-Bayern-Schals.

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„Wir haben sogar schon mal ein Interview gemacht, für VALHALLA RISING“, sage ich ihm – aber kein Wunder ,dass er sich nicht erinnert, denn es war telefonisch, als der Film in Deutschland DVD-Start hatte. Mikkelsen bestellt als einziger ein Bier, ich davon ermutigt, dann auch. Zum Essen Lachstartar und eine Pizza mit Parmaschinken.

Wir reden über Fußball, denn am Abend ist Championsleague-Finale. Mikkelsen mag zwar den FC Bayern, aber er respektiert, dass die Leistung der Dortmunder um so höher einzuschätzen ist, da ihre Voraussetzungen ja schlechter sind, und vor allem kennt er sich überhaupt gut aus. Besser als ich, allemal wenn es um dänische Nationalspieler geht, wie Flemming Povlsen, dessen vier Jahre bei Dortmund ich nur noch ahnungssweise erinnerte.

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Die Premiere am Vortag sei die beste Premiere gewesen, an die er sich erinnerte. Erst letztes Jahr war er hier, und weil er da erst eine Palme als bester Schauspieler gewann – für seine Darstellung eines zu Unrecht des Kindesmissbrauchs Beschuldigten in Tomas Vinterbergs DIE JAGD – weiß jeder, dass er diesmal keine Chance hat.

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Die Rolle des MICHAEL KOHLHAAS, des Gerechtigkeitskämpfers gegen Tod und Teufel kannte er vor den Dreharbeiten nicht . Nur bei uns ist der Stoff Schullektüre. „Kohlhaas ist eine einzigartige Person“, sagt er, „Er bittet die Welt nur um eine Selbstverständlichkeit: Gerechtigkeit und gleiches Recht für alle.“ Die französisch-deutsche Coproduktion, die im Herbst bei uns ins Kino kommt, war auch körperlich herausfordernd: „Ich musste reiten und da der Film auf Französisch gedreht wurde, Französisch sprechen, als hätte ich das seit jeher getan.“ Manche Szenen dauernd 13 Minuten, bevor der Regisseur sein „Cut!“ rief. „KOHLHAAS erzählt davon, wie aus Gerechtigkeitssinn Ungerechtigkeit entstehen kann. Es zeigt, wie einer durch Idealismus alles verliert. Tief unten – und ich hoffe, die Leute sehen es auch so – ist MICHAEL KOHLHAAS eine philosophische Reise ins Herz eines Menschen.“

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In einigen stilleren Momenten überlege ich, was es ist, dass Mikkelsens Wirkung ausmacht? Freundlichkeit kann es nicht sein, wenn das zählte, wären viele keine Stars.

Ein anderer Gedanke: Einer wie er ist gar kein richtiger Star. Weder hat er die einmalige Aura eines Robert Mitchum oder John Wayne, noch den Glamour der Rennfahrer in Polanskis Doku. Er wirkt, wie fast alle Schauspieler heute, einerseits zu normal, dann aber wieder nicht down to earth genug. Die Rennfahrer könnte er allerdings spielen. Unnötig hinzuzufügen, dass Mikkelsen für all das nichts kann.

Gibt es überhaupt noch Stars? Das ist vielleicht die wirkliche Frage.

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Am Schluß wird Mads Mikkelsen auch noch von den Kellnern gefragt, ob sie sich mit ihm fotografieren lassen dürfen. Klar dürfen sie. Dann geht der wieder über die Straße, ins Unifrance-Zelt. Grußlos, aber nicht unfreundlich.

 

Bilder-Copyright: Festival de Cannes

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