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Es gibt Sinne, die ein Film (zum Glück) nicht direkt ansprechen kann. Gerüche zum Beispiel. So bleibt dem Zuschauer von MÜLL IM GARTEN EDEN der üble Gestank erspart, den eine Mülldeponie in der Nähe des Dorfes Çamburnu verbreitet. Ständig halten sich die Bewohner die Nase zu, müssen sich mit Tüchern das Gesicht bedecken. Die Frauen, die verschleiert sind, sehen dadurch für die Betreiber der Mülldeponie wie vermeintliche Terroristen aus, wenn sie sich zum Protest vor der Müllanlage platzieren, was zu einigen komischen Szenen führt. Wenn der Zuschauer dem Geruch nicht wirklich ausgesetzt ist und das ganze Treiben aus einer ruhigen Distanz beobachten kann, kann er sich auf der sicheren Seite fühlen.

Regisseur Fatih Akin kam 2006 nach Çamburnu, um das Ende seines Films AUF DER ANDEREN SEITE zu drehen. Als er dort von der geplanten Mülldeponie erfuhr, beschloss er, einen Film darüber zu drehen, wohl auch aus gewisser Selbstüberzeugung heraus, denn schließlich ist Akin seit dem Erfolg des Films GEGEN DIE WAND in der Türkei ein gefeierter Star, der gleichzeitig die Brücke zur europäischen Integration schlägt. Steigt der – zugegeben berechtigte – Erfolg dem Regisseur zu Kopf? Ganz ging der Plan zumindest nicht auf, mit Promistatus zu glänzen und die Autorität des Staates in die Knie zu zwingen, die per Gericht sogar dem Bürgermeister des 500 Seelen Kaffs die Entscheidungsgewalt in der wortwörtlich schmutzigen Angelegenheit entzogen. So drehte Akin eben weiter. Ganze fünf Jahre lang. So verkündet es auch die Texttafel am Anfang des Films und ein wenig könnte man meinen, es sei auch ein gewisser Stolz dabei, so lange durchgehalten zu haben. Vielleicht war es aber auch die Hybris, so ein langjähriges Projekt zu verwirklichen, die nur durch einen „glücklichen“ Zufall gegen Ende ein Stückchen Dramaturgie wieder erlangt, als eine weitere Katastrophe endgültig das bestätigt, was die Anwohner Çamburnus fast prophetisch am Anfang des Films vorausgeahnt haben. Wäre dieser Moment nicht gekommen, würden die humorvolleren Momente allein Akins Film nur schwer stützen.

Bis dahin fängt Akin hauptsächlich Zeit ein. Es ist ein mühevoller Kampf gegen die Ignoranz von Behörden, die für schnelle Lösungen plädieren, und dabei die Folgeerscheinungen unbeachtet lassen. Immer wieder kommen so tragikomische Situationen auf: Zum einen kommen immer wieder Politiker und Ingenieure der Müllkippe vor, die durch Aktionismus und PR-Auftritte glänzen wollen und sich selber der Lächerlichkeit preisgeben, wenn ihre Rolle als Retter in der Not vor lauter Demonstranten und Skeptikern allzu offensichtlich erscheint. Zum anderen filmt Akin, mit Hilfe des Dorfchronisten, die sich langsam entwickelnde Umweltzerstörung. Bäche färben sich schwarz, Plastiktüten wehen zu Feldern rüber und müssen mühselig von Bäumen heruntergeholt werden. Es ist ein Kunstwerk durch und durch: Die langsame Zerstörung der Umwelt hat ist durch die vom Menschen verursachte Umgestaltung der Landschaft verschuldet, der Garten Eden – auch wenn damit die Agrarflächen des Teeanbaus gemeint sind – unterzieht sich nach und nach einer Metamorphose durch Fremdeinwirkung. Akin hält sich mit Selbstdarstellung zurück, sogar auf einen Protagonisten, der auch gleichzeitig Erzähler ist, verzichtet er (im Gegensatz zu seinem letzten langen Dokumentarfilm CROSSING THE BRIDGE). Dafür greift er auf einen anderen Trick zurück: Er lässt den Dorfchronisten und Fotografen Bünyamin Seyrekbasan Teile des Films drehen und die fortschreitende Umweltzerstörung dokumentieren, bei denen Akin aufgrund seiner anderen Projekte nicht selber vor Ort anwesend sein kann. Auch die Familie Seyresbakans und die übrigen Dorfbewohner unterstützten das Fillmprojekt, sodass hier eine halb-subjektive Sichtweise, mit einem Schuss Realismus, den einseitigen Kommentaren der Bürokraten gegenüber steht, die unisono das Projekt verteidigen.

Den Bezug zur Realität zu schaffen, die Sichtweise auf die alltäglichen Dinge in seinem Film festzuhalten, dies steht in der Agenda Akins. Und doch: Die Zufälligkeit wirkt mitunter konstruiert, wie eine syntaktische Aneinanderreihung nicht nur von Ereignissen sondern auch von symbolträchtigen Objekten, deren Bedeutung durch die Kamera herausgearbeitet wird. Der wortwörtliche Müll im Garten befindet sich in der Anfangseinstellung in einem der Teefelder. Erst durch den Schwenk nach unten auf den Boden wird er sichtbar und in ein Signifikat transformiert. Dass die Dreharbeiten direkt im Anschluss an das Ende von AUF DER ANDEREN SEITE begannen, lässt diesen Umstand im Vergleich zum fiktionalen Film nur deutlicher erscheinen. In AUF DER ANDEREN SEITE läuft der Abspann über die letzte Szene, nur eine einzige Einstellung, in der der Protagonist aufs Meer hinaus blickt. Zwischendurch weht eine Plastiktüte, fast unmerklich, durch das Bild und an ihm vorbei. Während der Zufall in dessen Handlung dominierte, ist es das Arrangement, das in MÜLL IM GARTEN EDEN die Bildkomposition wahrnehmbar macht. Und dennoch: Der titelgebende Müll ist nicht nur der vom Regisseur ins Bild platzierte Widerspruch zur Natur, er ist vor allem durch die verheerende Umweltpolitik an seine Stelle hingetrieben worden. Akin arrangiert nicht, die Bedeutung wird aber von ihm impliziert. Zusammen mit der Zeit, die spürbar vergeht, zeichnet sich ein Gesamtbild ab, dass Ursache und Verlauf einer Umweltverschmutzung dokumentiert. Gerade das Durchbrechen des Arrangements durch tragikomische Alltagsszenen macht diesen Film dann doch sehenswert.

 

Bild-Copyright: corazón international / BünyaminSeyrekbasan, Pandora Filmverleih

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