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amour haneke ton15.03.2013:
Nachdem wir zu dritt den Altersdurchschnitt des Acht-Personen-Publikums von FILM OHNE TITEL im Murnau Filmtheater in Wiesbaden nach unten korrigierten, mussten wir feststellen, das das Gleiche für Michael Hanekes AMOUR zum Scheitern verurteilt war. Zwar waren mindestens fünf andere Gleichaltrige dabei, doch der Saal im Murnau war, wie ich ihn sonst nur von Festivals kenne, fast ausverkauft – an Menschen wie Emmanuelle Riva und Jean-Louis-Trintignant, wie Haneke und seine Ehefrau. Schade, denn viele der hier vorgeführten Filme laufen woanders nicht.

Das Murnau Filmtheater sieht von außen aus wie die Stilisierung einer Filmrolle. Die dazugehörigen Perforationslöcher sind auf dem Gebäude aliengrünes Plexiglas, der manchmal auch fluoreszent Pink oder Orange leuchtet. Der Rest ist silbern und aus Metall. Das Gebäudekomplex, an den die runde Dose angrenzt, und in welchem die tatsächlichen Filmrollen des Murnau Archivs vermutlich gelagert werden, teilt sich die Flächen zwischen Metall und Glas. Der Kinosaal ist dunkel, und wenn nicht, dann dunkelblau, der Vorhang golden mit einem vertikalen Wellenmuster. Wir sitzen am liebsten in der dritten oder vierten Reihe vorne, zentral, um die Schwelle zwischen Bildrausch, verschwommenen Bildrändern, gewaltiger Nähe und Aufblick, usw. zu erleben. Da wir aber nicht damit gerechnet hatten, fast die letzten in der Schlange zu sein, auch wenn wir zehn Minuten vor der Vorführung schon da waren, durften wir bei AMOUR aus der zweiten Reihe auf die Leinwand schauen, wie es sich Haneke vermutlich nicht passender vorstellen könnte. Leicht von unten, den steifen Nacken vermeidend durch die Versenkung in den Sessel (und der entsprechenden Unbeweglichkeit), dem Film eben ausgesetzt, wie in einer light Version der Ludovico Methode.

Hinter mir saß in Begleitung zweier Damen ein älterer Herr mit kurzem Haarschnitt und Schnurrbart. Vielleicht machte er einen starken Eindruck, denn ich beschloss, getrieben auch von meiner Phobie gegenüber Störungen während des Films, mit ihm gleich meine Sitzposition durchzuerxerzieren, denn ich saß, wie gesagt vor ihm, bin relativ ausgewachsen, und es hätte gut sein können, dass meine Filmerfahrung doch von einigen wenigen, aber einflussreichen Augenblicken der Äußerungen über die Jugend von heute etc. alteriert geworden wäre. Es stimmte aber alles und mir wurde sogar in einem imperativen Ton, wie man sie vor allem von einem Mann seines Alters erwartet, befohlen, mich doch aufrecht zu setzen, ich sei ja gar nicht so groß. Somit waren wir vorbereitet auf AMOUR.

Im Vorführraum standen sich unser Freund, Mitschreiber und falscher Cousin, der hier aber nicht genannt werden soll, und der Server gegenüber, und zwar ebenso ratlos wie zwei Monate zuvor ein anderer anonymer guter Freund und Kollege im Schreiben und in sich steigernden Träumen, und ein Blu-Ray Player, anlässlich von Pierre Schoellers DER AUFSTEIGER, in einem kleinen Kino in Mainz. In beiden Fällen kein Ton! Wie Filmgucker es so tun, lasen wir auch hier die Zeichen und sahen eine kausal-esoterische Energie der Assoziation, die sich in einer Sprachlosigkeit des Films manifestiert, jedes Mal, wenn ein freund in unserer Gegenwart vorführt. Die Anonymität der zwei Vorführer in diesem Text ist eine Maßnahme der Arbeitssicherheit, natürlich, denn beide hängen an ihren Jobs, auch wenn irgendwo im Räsonnement dahinter sich die Frage auftut, ob den Vorführern die Transitionsphase zwischen Analog und Digital nicht auch gegönnt sein soll. Außerdem hat die Panne ja auch ihren Reiz, denn sie ist, besonders im digitalen Kontext, mit Ausnahme der Pixel, die einzige Erscheinungsform des Materials. Wie die Kratzer auf dem Film, erinnert sie daran, dass es die Scheibe, die Festplatte oder den Server gibt, dass sie noch verkabelt werden und die Vorführung zumindest in Teilen noch ihr physikalisches Dasein besitzt..

Bei Haneke ist eine solche Panne besonders lustig, denn seine Filme zeigen den Vorspann unter Ausschluss einer Audiountermalung, also dauert es eine Weile, bis es bemerkt wird. Dann gibt es noch diese großartigen Erlebnisaugenblicke, in welchen wir, die technische Störung nicht erwartend und erkennend, spekulieren, warum der Film wohl tonlos anfängt. In Pierre Schöllers Film erinnere ich mich daran, es einem surrealistischen Traum des Protagonisten zugeschrieben zu haben, in AMOUR hingegen vermutete ich ein grobe, weil effekthascherische Methode der Inszenierung, die um das Aufreißen der mit Packband beklebten Tür spekulierte. Es war aber falsch, ebenso wie die Vermutung einer Dame aus der Reihe hinter uns, der Film sei schwarz-weiß. Jedenfalls, der Ton lief einfach nicht. Die Leinwand wurde dunkel, dann hellbeige, als das Licht anging. Ich erinnerte mich an die Facebook-Beschwerden über diesen und jenen technischen Fehler während Vorführungen und freute mich, dass unser Vorführer das Problem nicht beim laufenden Film zu beheben versuchte. Da hätte sich nicht nur Hanekes Oscar auf dem Regal gedreht, sondern auch diese ganzen Menschen, die uns, denen aus der zweiten Reihe, im Nacken saßen, in ihren Sesseln.

Im Folgendem soll es jedoch darum gehen, dass die Behebung der Panne das Publikum doch ärgerte, denn eine Störung ist eine Störung ist eine Störung. Minuten vergingen, wir erinnerten uns an ähnliche Erlebnisse, meistens auf Festivals, wo die Vorführungen immer wieder improvisierter sind als im normalen Kinobetrieb. Unser Freund und Vorführer erschien irgendwann im Saal und kündigte an, sie würden mit allen Kräften daran arbeiten, die Störung zu beheben, es käme aber noch zu einer weiteren fünfminütigen Verspätung. Wir mussten lachen, denn wir dachten an seine sonst lockere Art, mit Zeit und Terminen umzugehen. Zehn Minuten später war die Stimmung im Saal alles andere als lustig. Überall Proteste in kleinen Grüppchen über diese und jene gesprengte Zeitplanung, darüber wie sie das da oben im Vorführraum nicht in den Griff kriegen, wie sie auch nichts weiteres ankündigen etc. etc. – so neugierig ich allmählich wurde, traute ich mich nicht, mich umzudrehen.

Wir waren aber nah genug am Herren hinter mir, so dass wir uns nicht ganz ausgeschlossen fühlten. „Wenn der in ’ner Viertelstunde nicht läuft, dann gehen wir nach Hause.“, „In fünf Minuten gehe ich fragen, was da los ist.“ „In drei Minuten geh ich mit ihm [dem Vorführer] reden“, „Inner Minute aber.“ „Jetzt reicht’s!“. Und er ging, unser Exponent der Ungeduld im Saal. Da malt man sich natürlich aus, wie das Alter wohl dieses Zeitempfinden alteriert, wie der Mensch immer ungeduldiger wird, immer mehr angewiesen auf und besessen von einem reibungslosen Ablauf seiner Pläne, ob sie nun ein Abend, ein Jahr oder ein Leben betreffen. Wie Elisabeths Mutter es in einer mehrdeutigen Phrase im Nachhinein zusammenfasste: „Man denkt, diese Leute haben sehr viel Zeit, haben sie aber gar nicht.“ Nach einem längeren Gespräch kam er halbwegs beruhigt aus dem Vorführraum, seine Ungeduld auf Aspekte des Gesprächs mit dem Vorführer und den anderen zwei kanalisiert, die ihm mit dem technischen Problem zur Seite standen, und deklamierte eine weitere Viertelstunde Wartezeit, denn der Mensch muss immer wissen, worauf er sich zubewegt.

Ironischerweise bewegt sich AMOUR auch auf etwas zu, auf die Endstation. Der Mensch wird da Schritt für Schritt disfunktionaler. Der Geist, der ihn immer so ausmachte, blitzt nur gelegentlich durch, um an die unwürdigen Schranken des Körpers zu erinnern. AMOUR behauptet: Um in Würde sterben zu können, muss der Mensch bürgerlich sein. Ein Arbeiter hingegen kann leben, kann mit dem Einkaufen helfen, doch Sterben wäre zu viel verlangt. Wenn die Disposition des Publikums es erlaubt, schwebt auch eine gewisse Ironie mit, denn der Film wendet sich nicht an Menschen, die den zwei Hauptfiguren gleich wären, sondern an die anderen, die vielleicht zu diesen aufschauen könnten. Ein Publikum, das diesen großen Pianisten sieht, dann seine entsprechend begabte frühere Lehrerin, im Rollstuhl, dann die etwas peinliche Kommunikation zwischen ihnen, verursacht durch die Behinderung der Lehrerin, und die Auflösung der Situation, durch das Spielen der BAGATELLE van Beethovens, damit jeder auch versteht, es geht hier auch mal, notgedrungen, um kleine Augenblicke. Oder um eine Taube, die in die Wohnung fliegt, als würde keine Seele mehr darin wohnen. Eine Lektion in Suspense verweist auch auf das Publikum, das Haneke anvisiert: eines, das Spannung eher dank des laufenden Wasserhahns wahrnimmt, als durch den Inhalt des Gesprächs, das sich währenddessen ereignet.

Am Wasserhahn kann ich auch meinen Ärger mit dem Film festmachen: Achtet man auf das Gespräch, geht es da, aufgrund einer temporären Amnesie, um nichts Konkretes, mit Ausnahme des Wasserhahns. Das funktioniert zwar sehr gut in dieser einen Szene, und ihr Potenzial wird, weiter unten in diesem Text, nochmal dargelegt, doch sie ist auch symptomatisch für den Film. Der Mensch funktioniert immer weniger, er wird zu einem Ding, ähnlich des Wasserhahns, der Hausschuhe oder der überall in der Wohnung künstlich angebrachten Patina. Die Patina, die Emmanuelle Riva während des Films verunstaltet, ist schlichte Antithese ihres Geistes, ihr Altern und ihre Lähmung sind Arthouse-Exploitation und beflecken für mich das ganze Potenzial des Prozesshaften im Film. Denn irgendwann ist es nicht mehr wichtig, wie Jean-Louis Trintignant sich bewegt, wie er immer an der gleichen Stelle einen Türrahmen anstößt, wie er Besuche empfängt und Rahmen für Gespräche mit den anderen vorgibt, wie die beiden essen usw., alles ist befleckt von dieser ausbeuterischen Gegenüberstellung zwischen Geist und Körper. Dass dies in AMOUR viel subtiler geschieht, als in anderen Filme Hanekes, schreibe ich primär diesen zwei großartigen Schauspielern zu, doch das lenkt mich nicht wirklich ab von der Frage, ob die Art, wie Haneke wahrgenommen wird, nicht auf die falschen Bausteine gesetzt hat. Mit diesem Film keimte in mir die Vermutung, seine Überheblichkeit sei nur eine Illusion des Publikums und entspringe eigentlich nur seines Bedürfnisses, alles sehr deutlich zu artikulieren.

Zurück zum Wasserhahn: Dieses Gesprächs wurde, auch dank der Panne während der Vorführung, zum interessantesten Teil des Films. Denn, als der Ton endlich kam, kam er erst einmal ohne Bild und sprach uns alle an, in seiner Ambiguität mit unserer gerade erlebten halben stunde spielend: Darin waren plötzlich die Wartezeit enthalten, das Unwissen, wann es endlich wieder losgeht, die Ablenkungen während des Wartens und die Spannung, die sich bei den meisten aufstaute. Und der ganze Saal lachte, so wie Haneke es nie erwartet hat:

– Wo bist du denn? Hast das Wasser laufen lassen.
– Sag mal, was ist denn? Bist du vollkommen irre?
Soll das ein Witz sein?
– Wie bitte?
– Ist das ein Scherz sein, oder was?
– Was für ein Scherz? Ich versteh kein Wort.
Was ist denn das für ein Ton? Was ist los?
– Anne, hör mit diesem Spiel auf, das ist nicht komisch.
– Welchem Spiel, mein Gott! Was ist los?
– Warum hast du überhaupt nicht reagiert?
– Worauf?
– Na worauf! Auf alles, auf mich!
– Wann denn?
– Na jetzt, gerade!
– Ich bitte dich, sag mir was los ist!
– Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Kannst du dich wirklich nicht daran erinnern, was gerade passiert ist?!
– Was soll denn gerade passiert sein?!
– Du hast hier gesessen, mich mit starren Blick fixiert und hast nicht geantwortet als ich dich gefragt habe, was passiert ist.
Ich habe dir dieses Tuch aufs Gesicht gedrückt, aber du hast nicht reagiert.
Da, siehst du! Da sind noch die Flecken an deinem Kragen!
– Das war… Wann war das denn?
– Gerade eben, vor ein paar Minuten.
– Und?
– Und? Ja, nichts „und?“.
Ich bin rüber gegangen und wollte mich anziehen und ich wollte Hilfe holen.
– Hilfe?
– Ja. Und dann hast du das Wasser abgedreht.
– Ja, weil du das Wasser hast laufen lassen.
Ich versteh das alles nicht.
– Ich auch nicht.

Danach entschuldigte sich unser Vorführer, „in aller Form“, und es wurde gemunkelt, dass man sich heutzutage nicht mal richtig zu entschuldigen weiß, dass man wohl denkt, dass dies ausreichend entschädigen würde. Dann kam der Film. Mit Ton, und, weil der Vorspann tonlos ist, schrie das Publikum immer wieder auf „Ton!“, „Bitte Ton!“ „Hallo, Ton!“ usw. Dann krachte es gewaltig! Alle verstummten und fassten sich ans Herz, um sich zu vergewissern, dass es nach dem Schreck noch schlägt. Eine Tür ging auf, Fenster wurden aufgerissen und Emmanuelle Riva in ihrem Bett tot aufgefunden. Zwei Stunden später, Mission erfüllt. Fast alle verließen den Kinosaal mit Tränen in den Augen.

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