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Tyrion droht Joffrey, Joffrey widersetzt sich Lord Tywin, Lord Tywin verschmäht Tyrion – Innerhalb der Lannister-Familie verschärfen sich die Spannungen. Droht das mächtigste Haus von Westeros an den eigenen Mitgliedern zu scheitern?

Tyrion droht Joffrey, Joffrey widersetzt sich Lord Tywin, Lord Tywin verschmäht Tyrion – Innerhalb der Lannister-Familie verschärfen sich die Spannungen. Droht das mächtigste Haus von Westeros an den eigenen Mitgliedern zu scheitern?

Mit MHYSA geht eine fulminante dritte Staffel GAME OF THRONES zu Ende. Wie schon in den Staffelfinalen davor, ist die letzte Folge eher ruhig angelegt und dient vor allem dazu, die großen Ereignisse aus der vorangegangenen Folge zu verarbeiten und für die anbahnenden Konfliktsituationen der kommenden Staffel die Weichen zu stellen. Entsprechend war die Folge vollgepackt mit Erzählsträngen (lediglich drei der mittlerweile 24 regulären Hauptfiguren waren nicht zu sehen), denen einmal mehr versucht werden soll, durch eine räumliche Aufteilung wie zu Beginn meiner Recap-Reihe Herr zu werden.

THE WALL

Die Nachbereitung der Red Wedding aus THE RAINS OF CASTAMERE zieht sich als roter Faden durch die Erzählstränge von MHYSA. Neben den Reaktionen einzelner Figuren auf den (bis jetzt) wohl tragischsten Moment der Bücher findet die vielleicht interessanteste Reflexion in Brans Handlungsstrang statt. Angekommen in den verlassenen Hallen von Nightfort, der ersten Burg an der Wall, erzählt Bran seinen Gefährten die Legende vom Rat Cook: Einst ein Koch der Nachtwache, ermordete er auf abscheuliche Weise seine Gäste und wurde von den Göttern für die Verletzung des heiligen Gastrechtes ebenso hart bestraft. Eine Spiegelung von Martins pessimistischen Weltsicht – Ist Brans Geschichte noch so brutal, wohnt ihr doch immerhin eine poetische Gerechtigkeit inne (die Götter bestrafen den Mörder), ein Idealismus, welcher der Wirklichkeit von Westeros vollkommen fehlt. In einer ausdrucksstarken Szene genießen Walder Frey und Roose Bolton im Festsaal am nächsten Tag den Triumph ihres Verrats, während zu ihren Füßen das viele Blut der Starks weggeschrubbt wird. Das Leben ist keine Erzählung. Martin: „No matter how much I make up, there’s stuff in history that’s just as bad, or worse.“

Die intensivste Szene im Norden spielt sich jedoch zwischen Jon und Ygritte ab. Nachdem Jon in THE RAINS OF CASTAMERE seine wahre Loyalität offenbart und bei seiner Flucht vor den Wildlingen Ygritte wortwörtlich im Regen hat stehen lassen, begegnen sich die Liebenden zum letzten Mal in der dritten Staffel. Wieder einmal wird der Zuschauer auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Auch wenn sie einige Ähnlichkeiten aufweisen, ist Jon und Ygrittes Liebesgeschichte keine Romeo-und-Julia-Erzählung. Zwar scheitert auch hier das Liebespaar an der Unvereinbarkeit ihrer verfeindeten Welten, doch haben sie sich nicht dafür entschieden, zugunsten der Liebe dem Konflikt den Rücken zu kehren, sondern ihre Beziehung der bevorstehenden Auseinandersetzung zwischen Nachtwache und Wildlingen zu opfern. Statt sich im Tode zu vereinen, verabschieden sie sich mit der Gewissheit, bei ihrer nächsten Konfrontation als tödliche Feinde gegenüberzustehen. So schießt Ygritte als Beweis ihrer Entschlossenheit mehrere Pfeile auf den schutzlosen Jon und verletzt ihn ernsthaft, wenn auch nicht tödlich.

Einer der vielen Reize der Narration von GAME OF THRONES besteht darin, die unterschiedlichen Fäden der komplexen Handlung an unwahrscheinlichen Momenten überkreuzen zu lassen. So schneiden sich in Nightfort die Wege von Bran und Sam, quasi als eine Art Ersatz-Payoff für die beinahe Begegnung zwischen Bran und Jon in THE RAINS OF CASTAMERE. Nachdem Sam den leiblichen Bruder seines Bruders der Nachtwache ausreichend mit Drachenglas ausgestattet hat, zieht Bran mit Hodor und den Reeds weiter in den Norden auf der Suche nach der dreiäugigen Krähe, während Sam und Gilly nach langem Umhertapsen endlich die Wall erreichen. In Castle Black angekommen treffen sie auf Maester Aemon, der nach Sams Berichten sämtliche Raben losschicken lässt, um ganz Westeros von der Bedrohung der White Walkers zu warnen. Werden die in Machtkämpfen und Intrigen verstrickten Herrscher des Landes endlich aufmerksam auf die große Gefahr, die sich seit Beginn der ersten Staffel im Norden kontinuierlich aufbaut, oder ebnen sie durch das stupide Fortsetzen ihrer Bürgerkriege den White Walkers schließlich den Weg zur Vernichtung von Westeros?

Ein Königreich für einen Bastard: Ohne Skrupel hätte Stannis ein unschuldiges Leben für das größere Gut geopfert. Ist er tatsächlich der Auserwählte, der das Gute im Kampf gegen das Böse anführen wird?

Ein Königreich für einen Bastard: Ohne Skrupel hätte Stannis ein unschuldiges Leben für das größere Gut geopfert. Ist er tatsächlich der Auserwählte, der das Gute im Kampf gegen das Böse anführen wird?

DRAGONSTONE

Immerhin findet Aemons Botschaft bei einem Mann Gehör: Stannis. Als einziger Kämpfer im War of the Five (Three) Kings nimmt er die Bedrohung der White Walker ernst – sieht er darin doch die Erfüllung seines Schicksals, um als Heilsbringer Azor Ahai im Namen des Lord of Lights den ewigen Widersacher, die Nacht, zu bezwingen. Doch kann man sich den starrsinnigen Fanatiker als Anführer der Heerscharen des Guten im Kampf gegen das absolut Böse, den White Walkers, nicht vorstellen. Immerhin hätte er beinahe nicht nur den unschuldigen Gendry für weitere Blutmagie geopfert, sondern auch seinen wahrscheinlich treuesten Freund Davos dafür hingerichtet, Gendry freigelassen zu haben. Stannis‘ Aufbruch in den Norden eröffnet einmal mehr die Frage, wie sich der Kampf zwischen Gut und Böse, der als Grundkonflikt der gesamten Handlung zu unterliegen scheint, überhaupt ausformulieren wird. Stannis bringt die nötige Härte und Kompromisslosigkeit in den Kampf, doch lässt sich das Gute durch das Vollbringen von Gewalt wirklich vor dem Bösen schützen? Korrumpiert es sich dann nicht unweigerlich selbst? Eines steht immerhin fest: In einer Welt der Ambivalenzen, unvorhersehbaren Ereignissen und Red Weddings ist eine schwarzweißmalerische Unterscheidung von Gut und Böse nicht möglich.

THE TWINS

Am stärksten wirkt, wie soll es auch anders sein, die Red Wedding an ihrem Schauplatz nach, den Twins der Freys. Im Schloss selbst werden dem Zuschauer im Dialog zwischen Roose Bolton und Walder Frey einige Informationen nachgereicht: Das blutige Ereignis war das Ergebnis einer Verschwörung der beiden Lords mit Tywin Lannister. Brynden „Blackfish“ Tully ist dem Massaker tatsächlich entkommen, doch wird er der neuen Allianz der Freys, Boltons und Lannisters keine Gefahr sein. Als Belohnung für seinen Verrat ist Roose Bolton von Tywin Lannister zum Warden of the North ernannt worden und darf Winterfell als vorübergehenden Sitz beziehen. Darüber hinaus hat sich endlich das Geheimnis um die Zerstörung Winterfells und die Identität von Theons Peiniger geklärt: Es ist Roose Boltons Bastardsohn Ramsay Snow, der die Dinge im Norden in seine eigenen, grausamen Hände genommen hat. Eine vorhersehbare Auflösung eines schwachen wie auch anstrengenden Erzählstranges, der immerhin in MHYSA etwas zur Gesamthandlung beizutragen scheint. Ramsay Snow hat Theons abgeschlagene Männlichkeit nach Pyke geschickt und droht weitere Teile von Theon an seinen Vater zu schicken, wenn Balon Greyjoy nicht augenblicklich seine Ironborn aus dem Norden zurückzieht. Dieser bleibt jedoch ungerührt von Ramsays Drohungen und dem grausamen Schicksal seines Sohnes, was Yara dazu veranlasst, mit einer kleinen Truppe nach Dreadfort zu segeln, um ihren Bruder aus Ramsays Gewalt zu befreien.

Valar Morghulis. Am Ende der dritten Staffel ist das Haus Stark endgültig zerschlagen worden. Robb und Catelyn sind tot, ihre Bannermänner ebenfalls. Bran und Rickon gelten als tot, Sansa befindet sich in der Obhut der Lannisters und Arya ist auf der Flucht. Die Familie, für die man am meisten Sympathie empfindet, scheint ihren absoluten Tiefpunkt erreicht zu haben. Als Arya vor dem Schloss der Freys mitansehen muss, wie die Freys auf den leblosen Körper ihres Bruders den Kopf seines Schattenwolfes Grey Wind befestigt haben, keimt im Zuschauer angesichts der nicht enden wollenden Grausamkeit erneut ein grimmiges Verlangen nach Vergeltung auf. Mehr denn je wünscht man den Feinden der Starks, die bisher kaum Verluste haben einstecken müssen, Pest und Tod an den Hals. Sehr geschickt wird hier der Zuschauer in ein moralisches Dilemma geführt: Zwar ist einem bewusst, dass Rache letztlich eine Verzweiflungstat ist, die den eigenen Schmerz nicht lindert, das Leiden nur vermehrt und mitunter auch die falschen Personen trifft (etwa Lord Freys junge Gemahlin, der Catelyn kurz vor ihrem Tod die Kehle durchschneidet). Doch empfindet man auch keine Verachtung, wenn Arya kaltblütig mit der unfreiwilligen Unterstützung des Hounds einige Freys weit entfernt von den Twins umbringt. Arya scheint sich mehr und mehr ihrem blutigen Schicksal als Mörderin hinzugeben, das ihr in THE CLIMB von Melisandre bereits vorher gesagt wurde. Langsam schleicht sich die Erkenntnis ein, dass die Essenz von GAME OF THRONES darin besteht, geliebten Charakteren bei ihrem Absturz zuzusehen, während verhasste Charaktere mehr und mehr an Sympathie gewinnen.

Sichtlich gezeichnet von den Erlebnissen der letzten anderthalb Staffeln kehrt Jaime Lannister als Fremder nach King’s Landing zurück.

Sichtlich gezeichnet von den Erlebnissen der letzten anderthalb Staffeln kehrt Jaime Lannister als Fremder nach King’s Landing zurück.

KING’S LANDING

Nach über einer Staffel ist Jaime Lannister endlich in King’s Landing angekommen. Seine ereignisreiche Reise hat ihn zu einem anderen Mann gemacht – Kein Mensch erkennt ihn bei seiner Ankunft in der Hauptstadt wieder. Äußerlich ist er nur noch ein Schatten seiner selbst: Ein struppiger Bart verdeckt sein stolzes Kinn, von seiner goldenen Lannistermähne sind nur noch dunkle, verdreckte Haarsträhnen übrig, Hunger, Anstrengung und Schmerz haben seine stattliche Ritterstatur zusammenschrumpfen lassen. Alles, was ihn bisher auszeichnete, ist ihm genommen worden – einschließlich seiner Schwerthand. Innerlich hat Jaime jedoch durchaus einen Reifeprozess vollzogen. Neben seiner Arroganz und Rücksichtslosigkeit konnte der Zuschauer nun auch positive Charaktereigenschaften an dem Kingslayer ausmachen: Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein und Gnade. Ohne zu Zögern ist er in eine Arena gesprungen und hat sich einem wilden Bären entgegengestellt, um Brienne vor dem Tod zu bewahren. Seine Rückkehr nach King’s Landing mag nur kurz in MHYSA behandelt worden sein, ihr Effekt war jedoch großartig: Jaime ist seinem alten Leben fremd geworden. Mit verwirrten und leicht angewiderten Blick begrüßt Cersei ihren heimgekehrten Bruder und Liebhaber. Ihre Beziehung zueinander wird nicht die gleiche sein – Gott sei Dank.

Auch wenn sie vielleicht die Starks besiegt und die Tyrells fürs erste politisch ausmanövriert haben mögen, scheint die Position der Lannisters auf den zweiten Blick doch nicht so sicher. Grund dafür sind vor allem die inneren Reibungen, die immer mehr auf Konfrontationen zusteuern. Lord Tywin hat mit seinen kühnen politischen Entscheidungen erreicht, seine Familie nach Außen zu schützen, doch muss er an der Selbstsucht und dem persönlichen Eigennutz seiner eigenen Familienmitglieder scheitern. Deutlich wird dies in einer Sitzung des Small Councils, in der sein Enkel Joffrey sich nun nicht nur Tyrion, sondern auch Tywin selbst entgegenstellt. Drohungen werden ausgetauscht, die Stimmung innerhalb der Familie verschärft sich. Tyrion begibt sich in immer größere Gefahr. Um Joffrey davon abhalten, Sansa weiter zu quälen, bietet er seinem verhassten Neffen die Stirn. Zwar kann ihn Tywin wie schon an Tyrions Hochzeitsnacht davor bewahren, von Joffrey hingerichtet zu werden. Doch falls er herausfinden sollte, dass Shae, Tyrions Geliebte, sich weiterhin in King’s Landing aufhält, könnte ihn der Hass auf seinen Sohn endgültig übermannen. Gleichzeitig versucht sich auch Cersei von der Kontrolle ihres Vaters zu entziehen, indem sie sich weigert, Loras Tyrell zu heiraten. Schließlich wird Joffrey zu einem unberechenbaren Faktor in Tywins Plänen, ein Feind, den es nun ernst zu nehmen gilt. Werden die Lannisters bald einem ähnlichen Schicksal anheimfallen wie Haus Stark?

„Mhysa!“ – Daenerys lässt sich von Yunkais befreiten Sklaven als Mutter anbeten – Ob sie der Verantwortung gewachsen ist?

„Mhysa!“ – Daenerys lässt sich von Yunkais befreiten Sklaven als Mutter anbeten – Ob sie der Verantwortung gewachsen ist?

YUNKAI

In einer Konversation zwischen Cersei und Tyrion Lannister ist die Rede von Familie, Liebe, Mutterschaft. Cerseis Perspektive ist ganz und gar selbstbezogen: Für sie ist das Muttersein das höchste Glück, weil sie jemanden als ihr Eigen bezeichnen kann. Sie schenkt ihren Kindern Liebe, weil sie von deren Bestätigung abhängig ist. In Yunkai erfährt Daenerys ebenfalls, was für ein Glück es ist, von Kindern geliebt zu werden. Nachdem die Drachenkönigin den ehemaligen Sklaven der Stadt die Freiheit zurückgibt, wird sie leidenschaftlich als Mhysa gefeiert – als Mutter. Dany ist gerührt und fühlt sich in ihrer Mission, die Skaverei in Essos abzuschaffen, bestärkt. Doch hinterlässt die Massenszene aus Yunkai, mit der MHYSA und somit die dritte Staffel GAME OF THRONES endet, den Zuschauer mit einem schalen Beigeschmack. Sicherlich, man freut sich für Danys Sieg und teilt die Euphorie der Sklaven. Allerdings lässt Ser Jorah Mormonts misstrauischer Blick auf seine Königin auch im Zuschauer eine Spur von Zweifel keimen: Zu bereitwillig, zu selbstsicher lässt sich Dany von ihren neuen Kindern verehren. Immerhin hat sie die Sklaven von Yunkai zuvor in einer pathetischen Ansprache zu freien Menschen erklärt, die sich nie wieder vor einer anderen Person zu verbeugen haben. Man fühlt sich ein wenig an Monty Pythons LIFE OF BRIAN erinnert, als der gegen seinen Willen zum Messias erkorene Brian seine treudumme Jüngerschaft davon überzeugen will, ihren eigenen Verstand zu benutzen und sie unreflektiert seine Worte im Chor wiederholen: „Yes, we are all indivuals!“

Bisher haben David Benioff und D.B. Weiss in jeder Staffel GAME OF THRONES eines der Bücher von George R.R. Martin adaptiert. Mit der dritten Staffel sind sie von ihrem bisherigen Konzept abgewichen, da diese bisher nur die gute Hälfte des dritten Bandes A STORM OF SWORDS abdeckte und sich gleichzeitig einige Handlungsstränge aus zukünftigen Büchern einverleibte. Mit großer Erwartung darf man also auf die vierte Staffel der Serie hoffen, die nicht nur in der undankbaren Aufgabe steht, das Niveau der dritten Staffel zu halten, wenn nicht zu übertreffen, sondern zum ersten Mal auch die Zuschauer der Serie, welche die Bücher bereits gelesen haben, darüber im Unklaren lässt, was als nächstes passieren wird.

 

Bilder-Copyright: HBO