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In KILL THE BOY erfahren gerade Dany und Jon, dass aus großer Macht große Frustration folgt. Im Bemühen, das Richtige zu tun, werden die Widerstände nur größer. Der jugendliche Ehrgeiz, alles radikal zum Besseren zu ändern, stößt auf ernüchternde Resultate.

In KILL THE BOY erfahren gerade Dany und Jon, dass aus großer Macht große Frustration folgt. Im Bemühen, das Richtige zu tun, werden die Widerstände nur größer. Der jugendliche Ehrgeiz, alles radikal zum Besseren zu ändern, stößt auf ernüchternde Resultate.

Stannis reitet nach Winterfell, Jon will Frieden zwischen Nachtwache und Wildlingen schließen, Dany fährt in Meereen eine ganz andere Taktik und Winterfell wird zum Krisenherd. Wie schon SONS OF THE HARPY ist auch KILL THE BOY eine dieser Weichensteller-Episoden von GAME OF THRONES. Statt mit überraschenden Wendungen und großen Ereignissen aufzuwarten, werden diese langsam vorbereitet. Figuren treffen Entscheidungen, deren Konsequenzen sie mit voller Wucht spätestens am Ende der Staffel einholen werden. Dabei bildet der titelgebende Ratschlag von Maester Aemon an Jon Snow den Leitsatz der Folge, wenn nicht der gesamten Staffel: Kill the boy and let the man be born. Es ist die Aufforderung an die junge Generation in Westeros, durchzuhalten. In Staffel vier ging es viel um Aufbruch und neue Wege; voller Erwartung blickte Arya Stark in der letzten Einstellung des Staffelfinales THE CHILDREN vom Bug des Schiffes ihrer neuen Zukunft entgegen. Jetzt gilt es, an diesen neuen Wegen festzuhalten. Kräfte zu sammeln, Vergangenes zu überwinden, Mut zu finden, das Richtige zu tun (auch wenn es einem selbst schadet) und sich auf das Schlimmste vorzubereiten.

Aemons Ratschlag bedeutet auch, sich den Konsequenzen der neuen Unabhängigkeit zu stellen. In Folge der zuspitzenden Entwicklungen in Meereen hat Daenerys Targaryen ihren wertvollsten Helfer verloren. KILL THE BOY steigt da ein, wo SONS OF THE HARPY endete. Ser Barristan Selmy hat den Hinterhalt der Sons of the Harpy nicht überlebt. Dany reagiert sofort. Sie lässt alle mächtigen Familienoberhäupter in Meereen festnehmen und verschleppt sie in die Katakomben. Dort fallen ihre Drachen über einen der Gefangenen her – vor den verschreckten Augen der anderen. Ob der Unglückselige Freund oder Feind war, ist der Drachenmutter egal. Grausam demonstriert sie ihre Macht, wie es auch der Mad King getan hätte. Doch ändert sie wenig später ihre Taktik. Selmys Vorträge über Gnade und dem Wahnsinn ihres Vaters scheinen gefruchtet zu haben. Statt ihre Untergebenen weiterhin als Feinde zu behandeln, versucht Dany nun, sich auf sie einzulassen. Dem eingekerkerten Hizdahr zo Loraq verspricht sie, die fighting pits zu öffnen (nur für freie Menschen versteht sich). Zudem plant sie Hizdahr als Oberhaupt einer mächtigen Meereen-Familie zu heiraten, um das Band zwischen ihr und der Stadt zu stärken. Eine ziemliche 180°-Drehung: Die Hardliner-Herrscherin geht gefährliche Kompromisse ein. Danys Entwicklung kommt zu abrupt. Verbergen sich in der Aktion irgendwelche Hintergedanken? Immerhin ist Heirat, wie schon in HIGH SPARROW bemerkt, in Westeros nur eine andere Form der Kriegsführung.

Seriously, Winter is definitely coming

Jon will das Unmögliche möglich machen und die Nachtwache mit den Wildlingen versöhnen. Kann man eine jahrtausendalte Feindschaft so einfach aus den Köpfen der Menschen streichen?

Jon will das Unmögliche möglich machen und die Nachtwache mit den Wildlingen versöhnen. Kann man eine jahrtausendalte Feindschaft so einfach aus den Köpfen der Menschen streichen?

Winter is coming. Das Motto der Starks fiel in der fünften Staffel bereits häufiger. Für eine wachsende Anzahl an Figuren sprechen alle Anzeichen dafür, dass der befürchtete Klimawechsel unmittelbar bevorsteht. So zieht Lord Commander Snow in Anbetracht des bevorstehenden Winters – und der damit verbundenen Gefahr durch die White Walkers – die einzig logische Konsequenz: Mit den Wildlingen muss Frieden geschlossen werden. Bleiben sie jenseits der Mauer, werden sie bald die ersten Opfer der eisigen Zombies und vergrößern nur deren untotes Heer. Dürfen sie jedoch die Mauer passieren, könnten sie sich als wichtige Verbündete im Kampf gegen den einzigen, wirklichen Feind erweisen. Ein sinniger Plan, dessen Ausführung an den Menschen jedoch zu scheitern droht. Nur wenige Männer verstehen die Notwendigkeit von Jons kühnem Unterfangen. Der Rest ist geblendet von uraltem Hass und blinden Gerechtigkeitsvorstellungen, Wildlinge ebenso wie Brüder der Nachtwache. Selbst der kleine Olly hat an seinem Idol Zweifel. Doch werden sie Jon folgen, wenn es drauf ankommt? Wird die Vernunft siegen? Dass Jon zusammen mit Tormund zur Rettung der übrigen Wildlinge jenseits der Mauer Castle Black verlässt, dürfte die Situation jedenfalls nicht gerade entschärfen.

Jon hat über die Wirren der kleinen Konflikte hinaus das große Ganze im Blick. Alles, worüber sich die Menschen in Westeros momentan noch den Schädel einschlagen, wird nicht mehr von Bedeutung sein, fallen die White Walker erst einmal ein. Leider teilen nur wenige Figuren seine Weitsicht. Neben Sam ist es ausgerechnet Stannis, der die Bedrohung im Norden ernst nimmt. In KILL THE BOY gibt es eine kleine aber feine Szene zwischen ihm und Samwell Tarly: Sam hat sich gerade in seine Bücher vertieft, als der Lord von Dragonstone die Bibliothek von Castle Black betritt. Es kommt zu einem kurzen Wortwechsel. Stannis preist Sams Vater Randyll als hervorragenden Krieger und stellt seinen Gesprächspartner implizit als das genaue Gegenteil dar. Und doch hat der übergewichtige Bücherwurm einen White Walker zur Strecke gebracht – mit Drachenglass, wovon es in Dragonstone reichlich gibt. Stannis erkennt, dass es im Kampf gegen die White Walker nicht mehr nur auf feine Soldaten wie ihn oder Randyll Tarly ankommen wird, sondern auch auf neue Helden wie Sam. Bei der Bekämpfung des unbekannten Bösen ist Wissen die größte Waffe. Keep reading, Samwell Tarly, schließt Stannis Baratheon und überlässt Sam seiner Lektüre.

Wie auch Jon hat Stannis seine Schlüsse aus dem nahenden Wintereinbruch gezogen. Er bricht mit seiner Armee nach Winterfell auf, um die Festung noch unversehrt zu erreichen. Stannis setzt alles auf eine Karte, auch seine Familie und die rote Priesterin nimmt er auf seinen Marsch mit. Versagt er bei der Einnahme der Burg, bedeutet das seinen Untergang. Währenddessen wird in Winterfell sein Kommen von den Boltons bereits erwartet. Mich würde es nicht wundern, wenn wir in den nächsten Folgen erst einmal nichts von Stannis und seinem Gefolge zu sehen bekommen. Die Schlacht um Winterfell wäre ein spektakulärer Höhepunkt für die fünfte Staffel und geeignetes Setting für die wendungsreiche neunte Episode. Ganz im Sinne von BLACKWATER in Staffel zwei und THE WATCHERS ON THE WALL in Staffel vier ließe sich die Schlacht sehr gut in einer kompletten Folge darstellen.

Neues altes Zuhause

Selbst so etwas Vertrautes wie ein Familienessen daheim pervertieren die Boltons zu etwas ganz und gar Unheimlichem. Treffend hält Sansa Stark fest: This isn’t a strange place, this is my home. It’s the people who are strange.

Selbst so etwas Vertrautes wie ein Familienessen daheim pervertieren die Boltons zu etwas ganz und gar Unheimlichem. Treffend hält Sansa Stark fest: This isn’t a strange place, this is my home. It’s the people who are strange.

Immerhin bietet Winterfell momentan ähnlich wie King’s Landing in BLACKWATER eine Vielzahl an kleinen und großen Konflikten, die spätestens in der Schlacht um Winterfell ihren Höhepunkt finden. So muss sich Sansa zunächst zurechtfinden in einem leicht konfusen Geflecht aus geheimen Verbündeten und versteckten Feinden. Da wäre zunächst Brienne, die in einem nahegelegenen Gasthaus unterkommt und Kommunikation zum „Untergrund“ von Winterfell hält, der bis jetzt aus harmlosen, alten Bediensteten zu bestehen scheint. Mit der eifersüchtigen Myranda, Ramsays nicht minder psychopathischen Bettgefährtin, kommt dagegen eine neue Gefahr ins Spiel. Durch sie stößt Sansa schließlich auf Theon/Reek, der immer noch bei den Hunden gehalten wird. Welche Rolle wird er in Winterfell noch spielen? In der wunderbar bizarren Variante eines Familienessens hat Ramsay ihm zumindest die Ehre übertragen, Sansa vor den Traualtar zu führen.

Aber nicht nur zwischen Sansa und den Boltons knistert es immer mehr. Auch innerhalb des neuen Herrscher-Hauses von Winterfell kam es in KILL THE BOY zu Reibungen. Einmal mehr hat Roose Bolton seinen Sohn in die Schranken gewiesen und demonstriert, dass ein unberechenbares Monster wie Ramsay ebenso zu fürchten ist wie der grausame Vater, der es auf die Welt losgelassen hat. Während Ramsay auf dem Familienessen mit Theon/Reek seine sadistischen Spielchen treibt, lässt Roose Bolton mit einem gezielten Schlag seinen Sohn verstummen. Trocken verkündet er der Tischgesellschaft die „freudige Nachricht“, dass seine Braut Walda ein Kind von ihm erwarte, höchstwahrscheinlich einen Jungen. Eindeutig gibt er Ramsay zu verstehen, dass er seinen legitimierten Bastardsohn ebenso gut durch einen neuen, leiblichen Erben austauschen kann, wenn ihm der Sinn danach steht. Doch lässt Ramsay sich von seinem Vater zähmen? Sansa bemerkt die Spannung zwischen Vater und Sohn, und muss grinsen. Genießt sie Ramsays Demütigung oder sieht sie eine Möglichkeit, Haus Bolton gegeneinander auszuspielen?

Auf ihrer Reise durch Old Valyria werden Tyrion und Mormont von den Stone Men angegriffen – Arme Teufel, die ihrer fortgeschrittenen Greyscale-Erkrankung mit Leib und Verstand zum Opfer gefallen sind.

Auf ihrer Reise durch Old Valyria werden Tyrion und Mormont von den Stone Men angegriffen – Arme Teufel, die ihrer fortgeschrittenen Greyscale-Erkrankung mit Leib und Verstand zum Opfer gefallen sind.

Nach SONS OF THE HARPY hat sich in KILL THE BOY die Anzahl der präsentierten Handlungsstränge noch einmal reduziert. „Nur“ 17 der 28 Main Cast-Darsteller sind wirklich aufgetreten. Die Konzentration auf eine handvoll Handlungsorte (Winterfell, die Mauer, Meereen, Old Valyria) war eine angenehme Abwechslung zum rasanten Wechsel der Schauplätze wie etwa zu Beginn der Staffel. Die Figuren waren nicht gezwungen, in ihren Dialogen auf Teufel komm raus die Handlung vorantreiben, sondern hatten auch Raum für sich, konnten sich entfalten, gewannen an Konturen und hatten reizvolle Interaktionen. Vor allem Winterfell profitierte von den reduzierten Erzählsträngen: Die Spannungen dieses unheimlich gewordenen Ortes wurden in vielen kleinen Momenten ausgekostet – wie etwa in Sansas Besuch der Hundezwinger, die erfüllt waren vom angsteinflößenden Bellen von Ramsays Killermaschinen. Die Reibung der verschiedenen Nebenschauplätze in Winterfell macht es unmöglich, vorherzusagen, in welche Richtung sich die Geschichte im Norden entwickeln wird. Insgesamt konnte man in KILL THE BOY dem Altbekannten neue Facetten abgewonnen werden. Sei es nun ein guter Zug von Stannis Baratheon oder der kurze Moment, in der Sansa an den Ruinen des Turms vorbeigeht, von dem Jaime in WINTER IS COMING Bran einst aus dem Fenster stieß.

Auch der Plot von Tyrion und Jorah Mormont gewann von der extra Zeit, die diesem in KILL THE BOY zustand. So konnten sie ihre buddy-Routine aus bärbeißigem Hünen und vorlautem Zwerg weiter verfeinern. Besonders war jedoch die Fahrt über die Smoking Sea durch die Ruinen von Old Valyria, den Rückständen der einstmals größten Zivilisation der Welt. Andächtig rezitiert Tyrion ein Gedicht über den Untergang von Valyria, während am Ufer die letzten Reste der einstigen Herrlichkeit des Weltreiches an ihnen vorbeiziehen. Nach einiger Zeit gesellt sich auch Jorahs mächtige Stimme dazu, doch beendet ein Schatten in den Wolken abrupt ihre gemeinsame Rezitation. Auf mächtigen Schwingen fliegt Drogon über die staunenden Köpfe der beiden hinweg. Alte Legenden und Geschichten werden mit einem Flügelschlag Wirklichkeit. Ein magischer Moment, der Jorah und Tyrion verbindet, kurz bevor die Handlung sie in Form der Stone Men wieder einholt.

Andere Gedanken:
* Die häufige Erwähnung der Greyscale-Krankheit in den letzten Folgen scheint vor allem den Zweck gehabt zu haben, die Stone Men und die grausamen Folgen ihrer ansteckenden Krankheit vorzubereiten. Lange wird der infizierte Mormont sein tödliches Schicksal nicht verbergen können. Wird sein Vorhaben, Tyrion zu Dany zu bringen, die letzte große Tat des in Ungnade gefallenen Ritters sein?
* Erst Rhaegar und Lyanna, jetzt der Untergang von Valyria: In den letzten beiden Folgen hat man viel über den Aufstieg und Fall des Hauses Targaryen erfahren. Die Welt von GAME OF THRONES erstreckt sich nicht nur räumlich, sondern auch geschichtlich.
* Ebenfalls zum zweiten Mal wird die Stadt Oldtown erwähnt, dieses Mal von Samwell. Dort liegt die große Zitadelle, in der die Maester ausgebildet werden. Sam erzählt Gilly, dass er als Kind gerne Maester werden wollte. Der alte Maester Aemon wird mit jedem Tag schwächer. Stannis ermutigt Sam, sein Wissen zu vergrößern. Die Nachtwache verfügt über Stannis‘ Schiffe. Hmmm…
* Shireen beschützt Davos vor den Schrecken der bevorstehenden Schlacht. Sie ist wirklich das Herz des Figurengeflechts um Stannis Baratheon. WEHE SIE STIRBT!
* Zärtliche Krieger. Die Liebesgeschichte zwischen Grey Worm und Missandei ist eine schöne Idee, den Unsullied eine menschliche Seite zu verleihen. Anscheinend bedürfen die dressierten Soldaten viel Zuneigung – wie bereits der Bordell-Besuch eines Unsullied in THE WARS TO COME zeigte.
* KILL THE BOY ist nach THE KINGSROAD (S01E02), THE RAINS OF CASTAMERE (S03E09) und THE WATCHERS ON THE WALL (S04E09) erst die vierte Folge der gesamten Serie, die ohne King’s Landing auskam. Das Erzähl-Monopol der Hauptstadt scheint sich immer mehr zu lockern.
* Sam liest Maester Aemon in Castle Black die aktuellsten Neuigkeiten aus Meereen vor. Woher kommt Danys Nachricht? Wer hat sie geschrieben? Wer hat sie erhalten? Hält sie Westeros mit regelmäßigen Kurznachrichten über ihren Verbleib auf den Laufenden? Oder gibt es einen internen Targaryen Nachrichten-Verteiler – mit momentan nur noch zwei Mitgliedern? Unweigerlich fragt man sich, wie ein Westeros mit Twitter und Facebook aussehen würde…
* „Fewer“ war das Wort, das Stannis vor sich hinmurmelte. Der Besserwisser kann es nicht lassen, die schlechte Grammatik Anderer zu verbessern. Für einen ähnlichen Fehler (less – fewer) hat er bereits Davos in BLACKWATER korrigiert. Ein netter running gag.

Bildcopyright: HBO

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