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Melisandres Ankunft in den Riverlands verspricht nichts Gutes: Sie ist auf der Suche nach Gendry, an dem sie sein königliches Blut wohl mehr interessiert als seine Schmiedekunst.

Melisandres Ankunft in den Riverlands verspricht nichts Gutes: Sie ist auf der Suche nach Gendry, an dem sie sein königliches Blut wohl mehr interessiert als seine Schmiedekunst.

Auf ihrem kühnen Weg nach oben erfuhren in THE CLIMB so manche Figuren aus GAME OF THRONES einen harten Absturz: Träume sind geplatzt, Versprechen wurden gebrochen, Hoffnungen gingen verloren. Statt Erfüllung erwartete die Protagonisten eine Grausamkeit nach der nächsten. Die sechste Folge der dritten Staffel GAME OF THRONES ließ nicht nur ihre Wunschfantasien, sondern auch die der Zuschauer harte Bekanntschaft mit der Realität machen. Der gute Ausgang, noch vor wenigen Episoden in greifbarer Nähe, scheint nun ferner denn je. Ist in der finsteren Welt von Westeros so etwas wie ein Happy End überhaupt möglich?

Eines der faszinierendsten Eigenschaften von GAME OF THRONES ist, mit den Erwartungshaltungen des Publikums zu spielen und bekannte Genremuster gegen den Strich zu bürsten. THE CLIMB ist voll von solchen (bösen) Überraschungen. So muss gleich zu Beginn Arya Stark hilflos zusehen, wie ihr Freund und Weggefährte Gendry von der Brotherhood without Banners an Melisandre verkauft wird. Ein zweifacher Bruch mit Zuschauererwartungen. Zunächst hat man für die Figur des Gendry ein anderes Schicksal vermutet. Der breitschultrige Schmied erfüllt alle Voraussetzungen für einen High Fantasy-Helden: Mutig, rechtschaffen, gut aussehend, Waise, von königlicher Abstammung und auf der Flucht vor den Häschern der Mörder seines Vaters. Das lädt dazu ein, sich den weiteren Verlauf der Figur als Fantasy-Heldengeschichte auszumalen: Nach seiner Ausbildung in Beric Dondarrions vagabundierender Banditentruppe würde Gendry, wenn seine Zeit gekommen ist, tödliche Rache für den Tod des Vaters nehmen – am besten zusammen mit Arya Stark – und die Gerechtigkeit im Lande wiederherstellen. Doch Martins Westeros ist nicht Tolkiens Mittelerde. Die Merry Men erweisen sich als bestechliche Vigilanten, der junge Held hat nur zufällig solange überlebt, um als Opfer für die Hexerei einer fanatischen Priesterin zu enden. Der Heros entscheidet nicht sein Schicksal, sondern sein Schicksal ist für ihn entschieden worden.

Gendrys Schicksal dürfte für Buchfans allerdings ebenso überraschend sein wie für den unkundigen Serienzuschauer. Melisandres Besuch in den Riverlands und die damit verbundene, reizvolle Begegnung mit Priesterkollegen Thoros von Myr hat in der Literaturvorlage nie stattgefunden. Ein weiteres Spiel mit den Erwartungen und zugleich ein Beispiel für die Adaptionsstrategie der Serie. Aus erzählökonomischen Gründen werden häufig mehrere Nebenfiguren zu einer zusammen gestrichen (in den Büchern gibt es einen anderen King Robert-Bastard, den Melisandre für ihre Magie opfern will). Um die Figuren scharfkantig voneinander abzugrenzen sowie offene und latente Konflikte pointiert zu veranschaulichen, kommt es außerdem in der Serie Figuren häufig zu Konfrontationen, die es so in der Vorlage nicht gibt. Neben dem Treffen der beiden roten Priester zählt in THE CLIMB das vergnügliche Wortduell zwischen Tywin Lannister und Olenna Tyrell ebenso dazu wie die Auseinandersetzung zwischen Littlefinger und Varys im Thronsaal. Gerade die Szenen zwischen Littlefinger und Varys sind zu einer Standardsituation der Serie geworden, der Wettstreit zweier außergewöhnlicher Geister, in dem verschiedene Konzepte von Macht gegenübergestellt werden. Während also bei Martin viele der Konflikte, Plots und Intrigen im Hintergrund ausgetragen werden, spielen sie sich in GAME OF THRONES direkt vor den Augen der Zuschauer ab. Die goldene Regel des visuellen Erzählens: show, don’t tell.

IF YOU THINK THIS HAS A HAPPY ENDING, YOU HAVEN’T BEEN PAYING ATTENTION

King’s Landing - ein falsches Paradies. Hinter der schönen Fassade ist nichts, wie es scheint und keiner, was er zu sein vorgibt. Es gilt die Faustregel: Je strahlender das Bild, desto düsterer die Kehrseite.

King’s Landing – ein falsches Paradies. Hinter der schönen Fassade ist nichts, wie es scheint und keiner, was er zu sein vorgibt. Es gilt die Faustregel: Je strahlender das Bild, desto düsterer die Kehrseite.

Dass sich im Spiel der Erwartungen die Dinge in Westeros anders entwickeln, als Märchengeschichten und Heldenlieder den Protagonisten (und dem Zuschauer) weiß machen, zeigt sich am deutlichsten an Sansas Handlungsstrang. Von allen Figuren ist sie die größte Träumerin. Seit der ersten Staffel sehnt sie sich nach einem sorgenfreien Leben als Prinzessin in einem prachtvollen Schloss mit schönen Kleidern und einem edlem Prinzen. Doch zerschellt ihr romantisch-verklärtes Weltbild stets aufs Neue an der Wirklichkeit. King’s Landing, einst die Projektionsfläche ihrer Wünsche, ist zum Gefängnis ihrer schlimmsten Alpträume geworden. Zuerst hat sich ihr geliebter Prinz als sadistischer Psychopath entpuppt, der ihren Vater hinrichten hat lassen und sie misshandelte. Am Hof ist ihr Leben in ständiger Gefahr, ein falsches Wort, eine falsche Geste, und der Lannister-Löwe packt zu. Sansa hat ihre eigene Überlebenstaktik entwickelt: Wut und Verzweiflung herunterschlucken, die Todesangst hinter einem freundlichen Lächeln verbergen und bloß keine Persönlichkeit zeigen. Selbst nachdem ihre Verlobung mit Joffrey aufgelöst wurde, wird jede Hoffnung auf Entkommen aus ihrer Hölle zunichte gemacht: Die versprochene Verlobung mit ihrem Ritterschwarm Loras Tyrell weicht der tatsächlichen Verlobung mit Tyrion Lannister – Rumpelstilzchen statt Prince Charming.

Das Tragische ist jedoch, dass Sansa es nicht schafft, über die Oberfläche hinaus zu blicken. Dann würde sie nämlich erkennen, dass in ihrer momentanen Lage Tyrion aufgrund seiner Sensibilität vielleicht der beste Ehemann in King’s Landing für sie ist. Doch wird sie wahrscheinlich nichts anderes als Hass, Abscheu und Angst vor dem Mann haben, der eigentlich ihr Genosse im Leiden ist. Denn auch für Tyrion bedeutet diese Hochzeit Schmerz. Mit stammelnden Worten versucht er Sansa von der gemeinsamen Vermählung in Kenntnis zu setzen – während seine heimliche Liebe Shae als Sansas Zofe daneben steht.

„Chaos isn’t a pit, it’s a ladder. “ Figuren wie Littlefinger sehen in dem Zusammenbruch und dem Unglück Anderer die eigene Chance zum Aufstieg.

„Chaos isn’t a pit, it’s a ladder. “ Figuren wie Littlefinger sehen in dem Zusammenbruch und dem Unglück anderer die eigene Chance zum Aufstieg.

Des einen Leid ist des anderen Freud. Mit dem Unglück der einen Protagonisten geht in THE CLIMB das Glück anderer einher, notgedrungen, unfreiwillig, oder aber mit voller Absicht. Um die drohende Niederlage im Krieg gegen die Lannisters abzuwenden, geht Robb einen zweifelhaften Handel mit dem Haus Frey ein, indem er seinen Onkel Edmure Tully als Ehemann für einen von Walder Freys Töchter freigibt. Jaime dagegen wird von Roose Bolton unverhofft die Freiheit geschenkt und eine Eskorte nach King’s Landing versprochen, doch muss er Brienne in Harrenhall zurücklassen, da sie unter der Anklage des Verrats steht. Am härtesten hat es jedoch Theon getroffen, dessen brutaler Peiniger ihn anscheinend allein um der Grausamkeit wegen weiter quält. Von vielen Zuschauern als unnötiger und geschmackloser Handlungsstrang angesehen, wird in Theons Folterszene doch das Motto formuliert, unter dem die ganze Folge, manchmal die ganze Serie zu stehen scheint: „If you think this has a happy ending, you haven’t been paying attention.“ Ein durch und durch metareflexiver Satz: Theons Lage kann als Ausdruck für die Situation des Zuschauers gesehen werden. Dabei steht Theons Schinder für die Erzähler von GAME OF THRONES, die ihr Gegenüber zuweilen einem bösen Spiel der Täuschungen und falschen Hoffnungen aussetzen. Alles kann passieren, nichts ist sicher. Selbst eine Figur wie die Prostituierte Ros, die sich von einer namenlosen Randnotiz in den Büchern zu einer respektablen Nebenfigur in der Serie über drei Staffeln hinweg hochgearbeitet hat, kann unvermittelt ein gewaltsames Ende finden. Einer Katze gleich, die mit ihrer Beute spielt, lassen die Erzähler den Zuschauer dabei zusehen, wie sie Protagonisten wie die Starks, für die man die größte Sympathie aufbringt, nach langem Kämpfen und Scheitern in ihr unausweichliches Verderben schlittern. Hat das alles noch einen Sinn oder passiert es aus purer Boshaftigkeit?

GAME OF THRONES präsentiert ein durchaus deterministisches Weltbild: Im Mächtespiel einzelner entscheidet sich das Schicksal aller. Familienoberhäupter wie Patriarch Tywin oder Matriarchin Olenna bestimmen das Geschick ihrer Familien, Glaubensführer wie Melisandre oder Beric opfern bereitwillig das Leben ihrer Anhänger. Beim Stieg nach oben kann der Untergebene schnell zum unnötigen Ballast werden, den man zum Weiterkommen notfalls fallen lassen muss. Ygritte bringt es auf den Punkt: Als Bauern im Spiel der Großen ist Jon Snow der Nachtwache ebenso gleichgültig und austauschbar wie Ygritte für die Wildlinge. Was zählt ist also die Solidarität, die Liebe untereinander. So haben die Entscheidungen ihres Vaters das ungleiche Geschwisterpaar Tyrion und Cersei in THE CLIMB ironischerweise ein wenig näher gebracht. Tyrion findet heraus, dass hinter dem Mordversuch am Blackwater nicht seine Schwester, sondern sein Neffe King Joffrey verborgen hat, der sich unlängst außerhalb des Einflusses seiner Mutter befindet. Ist eine Versöhnung in Sicht? Auch Jon und Ygritte halten zueinander. Mit vereinten Kräften schaffen sie schließlich, die Wall zu erklimmen. Auf der Spitze der Mauer, die Zivilisation von der Wildnis trennt (auf welcher Seite lag nochmal was?), küssen sich die beiden vor einem atemberaubenden Panorama. Ein kleiner Moment des unbeschwerten Glücks, auf dem jedoch der Schatten der kommenden Ereignisse liegt. Jon wird sich im Angriff auf die Nachtwache entscheiden müssen zwischen seinem Pflichtbewusstsein gegenüber seinen Brüdern und seiner Liebe zu Ygritte. Auch hier, wie auch über allen anderen Dingen, baumelt wie ein Damoklesschwert die bittere Erkenntnis: If you think this has a happy ending, you haven’t been paying attention.

Bild-Copyright: HBO

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