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filmfestival venedig 2014

Der Lido vor dem Niedergang

Es ist immer ein besonderes Erlebnis: Am Morgen des Sonntag nach der Preisverleihung radele ich immer nach ein letztes Mal mal zum Festivalzentrum. Ich würde es wohl auch tun, wenn ich nicht müsste, aber ich muss sogar. Früher war der Presseraum noch geöffnet, und da saßen dann die übriggebliebenen Journalisten im Dutzend um ihren Text wegzuschicken, oder überhaupt erst zu schreiben. In Zeiten von Wireless, Ultrabook, und Tablet gibt es das nicht mehr. Dafür sitzen die Journalisten nun in den Cafés mit WiFi am Boulevard Sta. Elisabetta und drängeln sich dort um die wenigen Schattenplätze. Ich bin einer der ganz wenigen, die trotzdem (und glücklicherweise) noch einmal zum Sala Grande müssen. Denn ich mache Radio und dort liegen die Studios der RAI, in denen, geht es nach dem Aussehen, schon der Duce gesessen hat.
Die Fahrt ist wunderschön, und zugleich stimmt sie melancholisch. Alles vorbei! Purer Abschied. Alles Geschäftige ist verschwunden, die Ufer-Straße ist fast menschenleer. Früher, als das Nobelhotel „Des Bains“ noch nicht geschlossen war, sah man hier wenigstens noch die Spätsommergäste. Heute sieht man nur die Arbeiter, die die Sperrholzkulissen der Mostra abbauen.
Auch der Wind wirkt kühler, es ist als ob in der Nacht der Herbst eingezogen wäre.

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Die Abschlußfeier war deprimierend. Um halb neun ging es los, um zehn Uhr bereits gab es weder Essen noch Trinken. Die Preisträger waren mit vielleicht 150 besonders wichtigen Gästen im ersten Stock des Hotels Excelsior, das gemeine Volk wurde ins Bett geschickt. Wir aßen dann im „Afrika“ und dann ging’s natürlich noch ein letztes Mal ins Maleti.

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Dort sinnierte Jupp Schnelle dann erstmal über seine derzeitige Lieblingsthese, den „Niedergang des Lido“. Ich will diese Schwanengesänge nicht glauben. Und das Gerede über Toronto, das diesmal wieder besonders laut klang, kenne ich inzwischen auch seit meinem ersten Mostra-Besuch, seit 14 Jahren also. Immer unternimmt Toronto gerade irgendetwas: Ein neuer Palast, eine neue Reihe, mehr Geld, mehr Einladungen. Venedig dagegen bleibt, wie es ist – schön und attraktiv also. Toronto kann damit nicht konkurrieren. Schade nur, dass viele, vor allem Deutsche und Anglophone so auf die Amerikaner fixiert sind. Die ziehen Toronto vor. Aber was dann dort läuft, sind dann halt nur amerikanische Sachen, und die europäischen Filme, die Venedig nicht haben wollte, also zum Beispiel PHOENIX von Christian Petzold. In irgendeiner deutschen Zeitung lese ich eine Schlagzeile darüber, in der die Begriffe „KZ“ und „High Heels“ vorkommen, und dann lese ich besser nicht weiter. Ich will mir den Film nicht verderben, und warte die eigentliche Premiere im Wettbewerb von San Sebastian ab. Dort kann man nämlich dann das sehen, was in Toronto lief.

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Venedig kann meiner Ansicht nach Toronto getrost ignorieren. Die eigenen Schwächen allerdings nicht. Es muss ein Festival des Weltkinos sein.
Mit Susanne aus München rede ich über Architektur. Wie schrecklich der Lido aussieht, meint sie, die ganzeN neueren Gebäude verfielen. Die Formel „Alte Architektur hält, neue verfällt“ ist ein bisschen zu schlicht und mir zu konservativ, trifft ab er die Grundtendenz.

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Man kann jetzt auch nicht behaupten, dass das Festival in diesem Jahr höllisch spannend gewesen wäre. Es war eher anständig und nett, und das sind beides Worte, die nicht wirklich ein Lob sind. Jeder einzelne Film für sich war in Ordnung. Zusammen ergab sich kein Bild, keine Tendenz, und dann kam dazu, dass man vieles nicht sehen konnte. Die Nebenreihen liefen in zu kleinen Sälen. Die Filme der Offiziellen Auswahl schienen sich mehr zu überlagern und gegenseitig zu blockieren, als in früheren Jahren.
Festivalchef Alberto Barbera ist ein viel sympathischerer Mensch als Marco Müller, aber womöglich ist der unsympathische Müller doch der bessere Festivaldirektor. Barbera versteht viel vom Kino, er liebt Filme und er guckt sie wirklich an – im Gegensatz zu manch anderem Festivalchef. Als ich ihn dieser Tage auf der Straße traf, und begrüßte, wollte er sich sofort über meinen Film unterhalten, und kannte ihn offensichtlich genau.
Aber er programmiert nicht gut. Ihm gelingt es nicht, die Filme so aufeinander folgen zu lassen, dass eine große Erzählung des Festivaljahres entsteht, mit Parallelgeschichten, Zusammenhängen und zugleich Konflikten, Widersprüchen, die sich aneinander entzünden, sich gegenseitig befruchten, und so dialektisch weitere Zusammenhänge herstellen. Auch bei Müller konnte man über viele Entscheidungen streiten, aber… es gab immer etwas zu debattieren.

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Ist der Goldene Löwe für Roy Andersson jetzt ein Grund fürs deutsche Kino stolz zu sein? Manche Pressemitteilungen klingen so: „Goldener Löwe für deutsche Koproduktion“, tönte es bei der Süddeutschen, wie sonst nur in der Pressestelle des FC Bayern.

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Die Schweden übersetzen den Titel übrigens „Eine Taube saß auf einem Ast und sinniert über das Leben“. Weil wir nach der Vorstellung den schwedischen Kollegen ein Interview gegeben haben, hat es jetzt auch VON CALIGARI ZU HITLER in eine schwedische Tageszeitung geschafft. Mit Übersetzungsfunktion versteht man sogar, was da geschrieben steht. Und offenbar sehen es auch die Schweden nicht anders als wir: „In der spektakulärsten Aufnahmen reitet Karl XII in eine moderne Bar für Mineralwasser trinkt, während seine Carolinians marschieren Poltawa vor den Fenstern.“