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Copyright: Cannes Filmfestival, Wild Bunch

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Wer hat Angst vor Jean-Luc Godard?

Reacting implies, that we react against economic policies.

aus: ADIEU AU LANGAGE von Jean-Luc Godard

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Ein paar erste Beobachtungen, nur eine Stunde nachdem der neue Godard-Film ADIEU AU LANGAGE in Cannes Premiere hatte. Jedenfalls ist das ein Film, über den wir nicht mehr schreiben werden, da er in einem weiterarbeitet, ein produktiver Overload an Bildern und anderen Informationen, den man mehr als zweimal angucken muss, um ihn auszuschöpfen.

Wird die Filmkritik, zumal die deutsche, in ihrer Mehrheit so einem Film gewachsen sein? Wir haben Zweifel, Kollegen, also widerlegt uns.

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Ein Mann und eine Frau, dazu ein Hund und das am Genfer See. Sie unterhalten sich, sie Reden über Gott und die Welt über die Rechte der Tiere, über die Geschichte der Revolutionen, über den Wald.

Aber Kino ist vor allem Sehen, auch bei Jean Luc Godard, dem die Worte seit jeher wichtig sind. Aber wichtig ist, was wir sehen und wie.

Wir sehen übereinandergelegte Bilder, digital bearbeitete Naturaufnahmen, wie sehen Worte oder einzelne Buchstaben, auch diese manchmal übereinandergelegt. Wir sehen Bildausschnitte aus Nachrichtenbildern, historische Aufnahmen, alte Filme etwa Fritz Langs METROPOLIS. Dazu hören wir die Stimmen der beiden Hauptfiguren, wobei es gute Gründe dafür gibt anzunehmen, dass die jüngere Frau, die in diesem Film oft auftaucht, und die mit ihren langen glatten Haaren, Trenchcoat und Sonnenbrille und dem in die Stirn gezogenen Hut Godards Muse Anna Karina verdächtig ähnelt, dass diese Frau eigentlich den Regisseur repräsentiert in dem, was sie sagt. Wenn sie darüber redet, dass sie bald sterben wird, und dass sie hier sei, um Nein zu sagen.
Aber jeder sieht sowieso nur was er will, auch im Kino.

Wir hören auch viel. Naturgeräusche, Töne von Maschinen, von Waffen und aus Filmen. Wir hören Dialoge und Monologe, Wortfragmente. Vieles stammt von anderen Autoren, von James Joyce über Rilke bis zu Jean Paul Sartre. Alles ist montiert zu einem dichten Teppich und will, wie die Bilder erst entschlüsselt werden.

Hinzu kommt Musik. Immer wieder Ausschnitte aus den gleichen klassischen Stücken: Dem Allegretto aus Beethovens Siebter Symphonie. Und Tschaikowskys SLAWISCHEM MARSCH.

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Auch dieser Bezug ist hintersinnig. Denn eines der untergründigen Themen seines Films ist Rußland und dessen Beziehung zu Europa. Über Europa, sein kulturelles Erbe und dessen bedrohte Zukunft hat Godard schon lange nachgedacht.
ADIEU AU LANGAGE – übersetzt: „Abschied von der Sprache“ – ist in seiner Form ein Essay, montiert aus Versatzstücken des abendländischen Bildungskanons, voller Verweise auf Überraschendes, Unbekanntes, wie auf Jacques Ellui – „he saw it all coming„. Der französische Philosoph (1912-1994), wie Godard Sohn einer protestantischen Mutter, war römischer Jurist und Theologe. Solche Verweise sind nie willkürlich gewählt, sondern unaufgesetzt präzis: In seinem (natürlich mal wieder nicht ins Deutsche übersetzten) Buch THE HUMILATION OF THE WORD stellt er, wie Godard, das Wort dem Bild gegenüber. Das Wort ziele auf Wahrheit, das Bild könne das nicht leisten: Es zeige nicht Kategorien wie wahr/falsch, sondern präsentiere kommentarlos eine Realität. Zugleich hat der Film überraschende Volten und ist überaus witzig. Dies ist – das verbindet ihn mit dem türkischen und dem japanischen Beitrag im Cannes-Wettbewerb – vor allem ein Film über Kommunikation, über die Möglichkeiten der Sprache und ihre Grenzen.

Und über 3-D und was dagegen spricht. Godard hat seinen neuen Film in 3-D gedreht, aber nicht etwa aus Überzeugung für die neue Technik, sondern auch um diese zu entlarven. Dies ist ein Film, in dem man mehr über 3-D nachdenkt und erfährt, als in allen 3-D-Werken seit Camerons AVATAR zusammen. Er ist lustig, lässt uns nachdenken, neu nachdenken über das was wir da im Kino eigentlich sehen. Er macht etwas bewusst.

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Copyright: Cannes Filmfestival, Wild Bunch

Copyright: Cannes Filmfestival, Wild Bunch

Godard versteht es immer noch großartige Spannungen aufzubauen; Bilder zu finden; filmische Momente zu erzeugen, wie nur wenige unter den Filmemachern der Welt.

Aujourdhui tous le monde a peur…“ – zugleich ist das eine große Verteidigung des geistigen Europas, und ein massiver Angriff auf die Unterhaltungsindustrie, die uns alle immer dümmer zu machen versucht. „Non-thought contaminates thought“ „Nicht-Denken kontaminiert das Denken„, heißt es an entscheidender Stelle.

Was man gegen all das tun kann, sagt Godard eindeutig: „La violenza, la violenza, la violenza di rivolta….

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Jean-Luc Godard bleibt also auch mit 83 Jahren, was er schon immer war: Eigensinnig, enigmatisch, genial. Persönlich ist der 83-jährige nicht nach Cannes gekommen – aber er hat der Filmwelt einen Film präsentiert, der im besten Sinne Provokation und provokative Herausforderung darstellt. Eine Jury, die das Kino liebt, und das Denken, wird um dieses großartige Werk nicht herumkommen.

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Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt„, sagte der Philosoph Wittgenstein. Aber auch Film ist eine Sprache.

Und worüber man nicht reden kann, darüber muss man einen Film machen.

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