Seite auswählen
© Casper Sejersen / Concorde Filmverleih 2014

© Casper Sejersen / Concorde Filmverleih 2014

Dieser Moment ist einem natürlich nicht fremd, dieser Moment, wenn jede Bodenhaftung verloren geht, man in der Horizontalen lustvoll erstarrt, mit einem Mal sanft gen Himmel schwebt. Im Kino. Und dann strahlt Dich von links Maria an (überraschenderweise diejenige mit Zweitnamen Magdalena), im Arm den Sohn Gottes an ihren wogenden Busen gedrückt haltend. Von rechts kommt auch noch Babylonia, die Mutter aller Sünden, die Hure Babylons, auf dem leuchtend weiß befelltem Rücken des großen, gutgebauten europäischen Kino-Stiers ins Bild. Reitet majestätisch ein, in den dunklen Saal des KommKinos. Und plötzlich bist Du ganz dahin. ErgriffenheitDeluxe. Lust, die pure. Die Hose platzt. Es spült Dich weg.

Die ganze, erschütternde Heftigkeit einer solchen cinephilen Ektase, erlebt man wohl nur, ist vielmehr tatsächlich sogar noch einmal heftiger, wird sie im außerordentlichen Verzicht geboren. Das weiß spätestens jeder, der schon einmal das Glück hatte, an einem der außerordentlichen Kongresse des Hofbauer Kommandos teilzunehmen. Schon jemals dort, die ultimative, cinephile Beglückung erfahren durfte.

Und so will ich mich auch gar nicht beschweren, mein Gesicht hier lediglich nur in den Rumpf von Lars von Trier drücken zu können, in die ersten 118 Minuten, die eigentlich 145 sein sollten.

NYMPHOMANIAC VOL. 1 im Kino, so vom Meister eigentlich nur bedingt gewollt, wie einem eine kurze Schrifttafel vor Filmbeginn hier in Frankreich noch einmal deutlich macht, auf welcher sich von Trier in klaren Worten gegen die Zensur seines Werkes ausspricht. Dann geht es auch schon los. Im Dunkeln. Mit einer Lehrstunde sinnlichen Begreifens. Im Regenrauschen. Im Knacken und Knarren dieses sich langsam wie eine Bühne aufbauenden Hinterhofs.

Da liegt das schöne Mädchen verprügelt, regungslos im Regen. Wird von einem in der Einsamkeit der Bücher aufgehenden Mann von insgesamt ziemlich schlaffer Gestalt, aber klug und lebendig aufblitzendem Geist, aufgelesen. Umsorgt, wie ein Glas heiße Milch mit Honig. Auf die Analyse-Couch gebettet. Und schon geht es in bester SCHULMÄDCHEN-REPORT-Manier los. Gleich zum Start, mit randvoller Gummibärchentüte. In voller Fahrt. Ein Fest gleichsam fröhlichster, wie ausschweifendster verspritzter Ideen. Mehr Haken schlagend als sich ein das reißende Flussbett hinaufkämpfender Süßwasserfisch. Immer wieder ein neues Bett, den richtigen Ton findend, aber besser noch, einen, den man beim besten Willen so hat nicht hat kommen hören. Ein Meisterkonzert der Kinokunst. Laut kommend. Nochmals lauter in der dann den zweiten Teil einläutenden Vorschau auf all das, was dem noch nachkommen wird.

Vier Wochen habe ich dann tapfer ausgeharrt. Im grauen Wartezimmer zwischen morgens um 2 und 6. Wie ein Kind auf dem winterlichen Balkon gefroren. Dann, endlich: das Crescendo, der zweite Akt. Durch stürmischen Regen bin ich ihm entgegengetaumelt. Erneut in ein vormittägliches Screening in diesem Land, das wie kein zweites die cinephile Liebe für sich in Anspruch nimmt.

Okay, ein Start somit schon mal in deutlich grauer verhangener Architektur. Verträumter, verkopfter, betäubter in der Einführung. Sich dabei vielleicht auch erst einmal verzettelnd. Den Akt beinahe scheuend. Nein, schlimmer noch, den letztendlichen Akt mitunter nicht einmal mehr so recht spüren können, bei so vielen Ideen im Kopf. In der Gefangenschaft von solch familiären Fantasien.

Aber keine Sorge, auch da gilt, je trüber der Verzicht, umso intensiver wird es, wenn dann das Glück eben doch noch aufklatscht. Streckt man sich ihm nur mutig genug entgegen. Reibt sich nur ungehemmt genug an der Literatur, so bekommt man beim Rausgehen sogar auch noch einen Molotow-Cocktail bis zum Rand voll mit aufregenden Verheißungen in die Hand gedrückt. Den dann auch noch ganz befreit von sich zu schleudern. Kraftvoll die östliche, wie auch die westliche Kirchen niederzubrennen, da bedarf es dann nur noch wenig Ermutigung.

Kino als Freiheitskampf. In welchem sich all der gehörige Wagemut, all die Tapferkeit, dann umso lustvoller am Ende eben doch noch auszahlt. Strahlend bunter Sonnenaufgang. Ich komme. Aus dem Dunkeln. Dem Knistern und Knacken eines dunklen Kinosaals heraus mit all seinen dort in 110 Jahren Filmgeschichte festgetrockneten Spermaflecken. Von Dreyer bis Ernst Hofbauer. Alles Ergüsse. Alles der immer wiederkehrende Kniefall vor dem reinen Glück. In aller seiner brennenden Lust und Hingabe dem schönen Mädchen zu Füßen gelegt. Alles andere wäre ja auch nur Quatsch.

Dänemark/Deutschland/Frankreich/Belgien/England 2013, Regie: Lars von Trier