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Offenburg: Mein Film ist ein Heimatfilm! – Die 120 Tage von Caligari, Folge 9

von | Okt 9, 2015 | Caligari auf Filmtour, Rüdiger Suchsland auf Filmtour | 0 Kommentare

Rüdiger Suchsland im Gespräch über seinen Film VON CALIGARI ZU HITLER

Von Jutta Hagedorn für die Mittelbadische Zeitung

Warum haben Sie sich dieses alten „Schinkens“ Siegfried Kracauers von 1947 angenommen, was war Ihre Intention mit dem Film/Motivation?

Danke für die Frage! Die Antwort ist im Prinzip einfach: Die Geschichte des Kinos der 20er Jahre verdiente endlich, erzählt zu werden. Und Kracauers Buch darüber ist eben kein „alter Schinken“, sondern ein zeitloser Klassiker – wie so manches alte Buch. Vor 100 Jahren wurde Einsteins Relativitätstheorie veröffentlicht, vor über 100 Jahren schrieb Freund seine Traumdeutung. Oder Max Weber seine wesentlichen soziologischen Standardwerke. Niemand würde sie deshalb für überholt halten, sondern sie sind ihrer jeweiligen Wissenschaft nach wie vor wichtige Bezugspunkte und Meilensteine, hinter die man nicht zurückkommt.

Ähnliches gilt erst recht für Kracauers „VON CALIGARI ZU HITLER: Denn das Buch hat die Filmwissenschaft international überhaupt erst begründet. Natürlich ist manches nicht ‚up to date‘, einzelne Fakten müssen korrigiert oder ergänzt werden, und der manche Begriffen klingen etwas verstaubt. Aber der Kern ist davon unangetastet: Kracauer unternimmt weit mehr als pure Filmgeschichte. Er schreibt eine „psychologische Geschichte des deutschen Films“ wie es im Untertitel heißt, also modern ausgedrückt eine Mentalitätsgeschichte der Weimarer Republik. Zugleich führt er vor, was es heißen kann, Film auf den kulturellen, sozialen und politischen Zusammenhang zu beziehen. Gerade damit wurde das Werk in aller Welt zum Standardwerk – es ist noch heute an britischen, amerikanischen, französischen oder spanischen Filmunis Pflichtlektüre. Dass das in Deutschland nicht so ist, hängt mit der traurigen Publikationsgeschichte des Buches (es war wegen Verlagsstreitigkeiten 20 Jahre für eine Übersetzung gesperrt) und mit der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft zusammen, die sich mit antifaschistischen Emigranten bekanntlich schwer tat.

Eine letzte Bemerkung: Mein Film ist trotz allem ja keine Verfilmung des Buches, sondern ein eigenständiger Essay.

Wie ordnete Kracauer den deutschen Film ein – Können Sie die Sicht bestätigen? Er war immerhin ganz anders betroffen – zeitlich und ideologisch – als Sie/wir heute.

Zunächst: Kracauer interessierte eine bestimmte prinzipielle Frage: Erzählt uns das Kino etwas über das sozialpsychologische Unbewußte eine Gesellschaft. hierzu nahm er sich nicht „das deutsche Kino“, sondern das Kino einer gestimmten klar abgegrenzten Epoche vor: Der Weimarer Republik 1918-1933. Er fragt danach, wie die kommende NS-Diktatur sich im Kino bereits vorher abzeichnet. Und da beschreibt er Auffälligkeiten: Diese ganzen Tyrannen, überstarken Väter, böse Zauberer, allmächtige Verbrecher, oder einfach Monster des deutschen Kinos, die Mabuses, Caligaris, Nosferatus und zugleich die ganzen willigen Vollstrecker wie der hypnotisierte Mörder Cesare, oder die anderen Serienkiller in „M“, in „Büchse der Pandora“ – sind die nur Zufall? Woher kommt ihre auffällige Häufung? Warum gibt es in anderen Ländern nichts Vergleichbares. Selbst wer Kracauers Antworten nicht teilt, wird dies erklären müssen.

Ich teile Kracauers Sicht, nach der es – sehr schlicht zusammengefasst – eine Sehnsucht nach autoritären Führern, eine Furcht vor der Freiheit der Demokratie, ein Leiden unter Modernisierung und eine unterbewusste Gewaltbereitschaft im Deutschland jener Jahre gab. Das hat etwas mit der konkreten Nachkriegssituation nach 1918 zu tun, aber vielleicht auch mit tieferen Dispositionen, mit dem, was ich mal „deutsche Seele“ nennen möchte. Die Historiker sprechen von „deutschem Sonderweg“ im 19. und 20. Jahrhunderts. Dies teile ich und Kracauer fügt sich da ein – mit seinen biographischen Erfahrungen hat das eher wenig zu tun.

Und hier sind wir ganz nahe beim Thema „Heimat“

Die Weimarer Zeit als historisches Phänomen führt weitgehend ein relatives Schattendasein im Bewusstsein der meisten Menschen. Welchen Bezug haben Sie selber zur Weimarer Zeit, was fesselt/interessiert Sie an dieser Epoche?

Ihre Modernität fesselt mich. Es war trotz aller Belastungen eine größtenteils sehr optimistische Zeit, eine Epoche des Aufbruchs und des Fortschritts auf breiter Ebene: Die erste Demokratie auf deutschem Boden! Eine Zeit großer gesellschaftlicher und kultureller Reform: Frauen wurde gleichberechtigt, bekamen Wahlrecht, der Achtstundentag, der freie Sonntag, eine Gesundheitsversorgung und viele andere wohlfahrtsstaatliche Verbesserungen wurden eingeführt. Es gab mehr Freiheit und mehr Gleichheit: Arbeiter bekamen Schutzrechte. Die Klassengesellschaft mit Drei-Klassenwahlrecht, und ihrem schändlichen Militarismus wurde abgeschafft.

Zugleich war dies in vielen Bereichen ein Aufbruch von Kunst und Kultur: Avantgarden wie Expressionismus, Dadaismus, Futurismus, Konstruktivismus, Surrealismus, Neue Sachlichkeit, das Bauhaus, um nur die wichtigsten zu nennen sind bis heute von enormem Einfluß nicht nur auf die Künste, sondern auf das Design des Alltagslebens: Man muss nur zu Ikea gehen, auch da findet man die Kultur der 20er Jahre.

Und für das deutsche Kino war es sowieso die beste Zeit. Diese Filmemacher erfanden alles: Diverse Techniken und viele Genres. Auch Alfred Hitchcock begann schließlich in den Filmstudios von München und Berlin.

Da Ihr Film im Rahmen der ARD-Woche Heimat an der VHS Offenburg gezeigt wird – wo ist für Sie die Verbindung zu dem Thema?

Mein Film ist ein Heimatfilm. Er ist voller Sehnsucht und Nostalgie gegenüber etwas Vergangenem und Verlorenem. Und natürlich erzähle ich darin ganz viel von unser Heimat Deutschland, und deren vielen Facetten – auch von etwas Verlorenem.

Es gibt auch persönliche Bezüge, davon möchte ich den Zuschauern aber lieber im Kino erzählen.

Was verstehen Sie unter Heimat?

Ein Gefühl wohl noch eher als ein Ort. Ein selbstverständliches sich-Zuhausefühlen, eine Vertrautheit. Es ist etwas Persönliches und lässt sich nicht verordnen. Heimat ist zugleich etwas sehe Konkretes: Ein paar bestimmte Orte, auch, wie in Goethes WAHLVERWANDSCHAFTEN gewählte Orte, und etwas Imaginäres: Eine Fantasie, ein idealisierter Ort.

Wie kam es eigentlich, dass Deutschland im Bereich Film so eine starke Stellung hatte?

Oh, das hat viele Gründe. Ein ganz wichtiger: Durch die Inflation der ersten Jahre nach 1918 konnte man dort billig produzieren.

Vielleicht hatte Deutschland als Land der Poesie und der Philosophie, der Dichter und Denker seinerzeit auch einen besonderen Bezug zum Kino, das immer vom Phantastischen durchzogen ist, das bis heute ja Traum-Fabrik ist.

Hinzu kommt: Vielleicht besitzt ein Land, dass einen solchen Krieg wie den Ersten Weltkrieg verloren hat, auch mehr Offenheit für seine inneren Dämonen. Die wandern dann auf die Leinwand.

Was berührt Sie an den Filmen – oder der Kunst – der Zeit? Die Qualität (Film als solcher und Technik), der starke, intensiver Ausdruck, die Modernität, die Experimentierlust resp. die breite Palette….oder vielleicht die Aktualität, das Moderne?

Tatsächlich: Aktualität in der Zeit, wie für heute. Und Experimentierlust. Die Filme der Zwanziger jahre waren viel mutiger und vielfältiger, als unser heutiges vom Fernsehen vorformatiertes deutsches Kino.

Das geht dann auch mit höherer Qualität einher.

Was drücken die Filme aus? (Utopie, der Erleichterung, der Ablenkung, Hoffnung, Ausdruck von Sehnsucht…?)

Alles das. Kino hat immer ein Doppelgesicht: Es ist Flucht vor der Wirklichkeit und Spiegel von Wirklichkeit. Aber auch in Fluchtphantasien lässt sich innere Wahrheit entdecken. Das war ja gerade Kracauers Gedanke.

Wenn auch Film ein Spiegel der Gesellschaft ist, was für eine Gesellschaft begegnet uns da?

Eine Gesellschaft, die die alten inneren Dämonen – Klassengesellschaft, Militarismus, Krieg, Weltmachtsträume und Minderwertigkeitskomplexe – nicht loswird, die mit ihnen ringt, die nach vorn schauen will, und für die Zukunft Utopien durchdenkt und neue Mythologien, die zugleich ganz gegenwärtig ist und das Hier und Jetzt feiert, die auch mitunter die Schrecken der Zukunft ahnt, und deswegen um so heftiger in den künstlichen Paradiesen der Gegenwart tanzt, weil sie spürt, dass es ein Tanz auf dem Vulkan ist.

Können wir heute diese Spiegelbilder/Bilder überhaupt verstehen, interpretieren? Bzw. sehen wir diese Bilder nicht irgendwie durch eine doppelte Brille?

Wir sehen sie durch eine doppelte Brille – aber natürlich können wir sie verstehen und deuten. Denn überraschend ist, wie nahe sie uns kommen. Es sind Menschen wie Du und ich, die sie da sehen. Sie sind uns nicht fremd – in diesem Zoomeffekt liegt ein Geheimnis der Kinowirkung.

Zugleich funktioniert der Film – so hoffe ich jedenfalls – natürlich wie eine Reise in eine verlorene Zeit und in das Bewußtsein dieser Zeit, in Kopf und Herz der Epoche.

Die Zeit hat ja auch etwas Dekadentes/Neurotisches oder Barockes i.S.v. vergnüg dich heute, wer weiß, was morgen kommt. Umbruch, Aufbruch, Ungewissheit – sehr aktuell.

Mit Begriffen wie „dekadent“ und „neurotisch“ bin ich sehr vorsichtig. Es führt nicht weit. Und das Pathologisieren, also das zur-Krankheit-erklären kultureller Vorgänge ist eine generell – nicht erst im Faschismus – sehr unglückselige Tendenz früherer Zeiten. Man hält sich damit etwas Neues, Schwerverständliches vom Leib: Indem man sagt, es sei krank, muss man es nicht an sich ran lassen. Aber wie Sie richtig feststellen, liegen die Ähnlichkeiten zur Gegenwart auf der Hand: Vielleicht ist es ja umgekehrt eine sehr „gesunde“ Haltung, das zu genießen, was man hat. Wen man Vergils „Carpe Diem!“ zitiert, klingt es auch gleich seriöser.

Ich bin ganz froh darüber, dass die deutsche Gesellschaft diese Einstellung früherer Zeiten komplett hinter sich gelassen hat, dass nur Verzicht und Askese ins Himmelreich führen, dass man sich generell bescheiden soll. Ich denke vielmehr, wir sollten unbescheiden sein in unseren Träumen.

Selbst in den modischen Themen Nachhaltigkeit und Ökologie brauchen wir neue Lösungen, Phantasie und Mut. Ein Weg zurück zu irgendwelchen angeblich besseren, ausgewogeneren Zeiten (in denen bei genauerem Hinsehen sowieso niemand von uns leben wollte) hat noch nie funktioniert – das ist unverstandene Romantik, und übrigens auch ein Phänomen, dass sich durch die heimatliche deutsche Seele zieht.

Was sind für Sie die hervorstechendsten Merkmale des Films der Weimarer Zeit?

Neugier. Freigeistigkeit. Offenheit. Kunst und Unterhaltung waren für die damaligen Filmemacher kein Widerspruch. Man wollte Anspruch, man wollte auch Publikum, aber nicht um jeden Preis.

Offenburg-VHS-152-Filme

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