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Hängt ihn höher: Hopp oder Top, Finale in Cannes

„In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“

Heinrich von Kleist; PRINZ FRIEDRICH VON HOMBURG

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„Natürlich sind wir hier alle für Dortmund.“, sagt Meinolf, einer der wenigen deutschen Fernsehredakteure, die noch wirklich Kinofilme produzieren, und nicht nur Fernsehfilme mit Kinoaufführung. Heute Abend ist es soweit:

Championsleague-Finale! Es ist schon Ritual, das hier zu gucken, aber diesmal ist es für mich der Film, den ich von allen hier am meisten, am gespanntesten, am längsten erwartet habe. An den ich in den zurückliegenden Tagen am meisten gedacht habe. Trotz all der anderen sehr guten Filme, die wir hier gesehen haben. Dass ich unter den deutschen Clubs Borussia Dortmund am meisten die Daumen drücke, und das nicht erst die letzten Jahre, auch nicht erst seit der Ära Hitzfeld Mitte der 90er, sondern tatsächlich seit Ende der 70er, als Leute wie Burgsmüller, Votava, Geyer, Huber und Frank im Kader standen, Udo Lattek Trainer war und man als Kind gelbschwarze Trickots toll fand. Tatsächlich sind die allermeisten Deutschen hier für den BVB, oder die anderen sagen es nicht. Die Katalanen auch, schon weil sie Rache wollen für die Demütigung, die die Bayern dem FC Barcelona im Halbfinale angetan haben.

Wir werden also heute Abend Fußball gucken, statt den Preisträger in „Un Certain Regard„. Gemeinsam mit vielen Spaniern, einigen Argentiniern und Türken, unserem italienischen Freund Ugo, Ronald vom Filmkrant, und vermutlich vielen Zufallsgästen. Am gleichen Ort, wo wir im Vorjahr auch geguckt haben, und innerhalb einer Halbzeit vom FC Bayern auf den FC Chelsea umgeschwenkt sind – zu blöd und krampfig spielte Bayern, zu leidenschaftlich die old men von Chelsea, angeführt von Drogba: In der „Station Tavern„, einem irischen Pub am Bahnhof, also 5 Minuten vom Palais entfernt, Rue Jean Jaurès 18. Für 20 ist reserviert, wer noch vorbeikommen möchte bitte sehr!

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Zuvor müssen wir aber noch auf etwas anderes kommen: Auf den mit Abstand unsympathischsten Club der Bundesliga, auch den unsympathischsten aller Retortenclubs, gegen den Bayer Leverkusen ein Traditionsverein ist. Genau: Hoppenheim, äh Hoffenheim, das Millionärsspielzeug. Am letzten Bundesligaspieltag rettete sich der Club vor dem direkten Abstieg, weil man in den letzten zehn Minuten bei 0-1 Rückstand gegen den BVB gleich zwei Elfmeter bekam, der gegnerische Torwart mit Roter Karte vom Platz flog, und ein Gegentor nicht gegeben wurde. Ganz schön viel Zufälle, oder? Hoppenheim gewann 2-1 und spielt in der Relegation, Düsseldorf steigt ab.

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„It’s like in Spain“ sagte Violeta aus Barcelona, als ich ihr von den vielen Zufällen erzählte. „No, it’s like Germany“, antwortete ich. Denn natürlich gibt es bei uns keine Schiebung, natürlich kann ein Millionär keine Schiedsrichter kaufen, denn deutsche Schiedsrichter sind unverkäuflich. Oder?

Trotzdem würde man sagen, wüsste man nicht, dass in Deutschland garantiert alles viel ehrlicher zugeht, als in anderen Ländern, ohne Oligarchen und Patriarchen, dass dieser Spielverlauf zum Himmel stinkt. Mich wundert aber aus der Ferne in Cannes, dass trotzdem keiner bisher beim DFB Klage eingereicht hat, und kein Düsseldorfer Michael Kohlhaas bislang Amok gelaufen ist gegen die Herren. So oder so hoffe ich überdies inständig, dass es dem 1. FC Kaiserslautern noch gelingt, die doofen Retortenkicker aus der Liga zu kegeln. „Auf dem Betze ist alles möglich.“ Traditionen statt Millionen!

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Jetzt steigt die Nervosität, noch zwei Stunden bis zum Spiel. Natürlich ist Bayern haushoher Favorit. Gerade darum aber habe ich Hoffnung. Sie sind unter Druck, Dortmund kann frei aufspielen. Trotzdem sind wir alle hier darauf eingestellt, einen Bayern-Sieg zu sehen. Aber vielleicht wird es ja der schönste Film des Festivals…

Bild-Copyright: daniel.richardson0685 [CC-BY-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)]

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