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Liest man Rezensionen zu Nuri Bilge Ceylans neustem Film, dann beginnen diese oft so: Eine Autokarawane bahnt sich ihren Weg durch die brachliegenden Landschaften Anatoliens. Die Nacht ist stockfinster, das einzige Licht spenden die Scheinwerfer der alten Blechkarossen. Zwölf Männer sind auf der Suche nach einer Leiche, der Mörder versucht sich an den Ort zu erinnern, wo er sie verscharrt hat. Viel mehr passiert nicht.

Dass diese Szene so oft nacherzählt wird, ist kein Zufall. Die Bilder, die Ceylan für seinen Film findet, sind von seltener Prägnanz und fassen die gesamte Handlung in ein Bild. Die Landschaft wird zum Symbol für die gedankliche Folie, hier treffen volkstümlicher Aberglauben und Wissenschaft aufeinander. Ständig verschließt sie sich einer Ausdeutung, die Scheinwerfer verhalten sich wie der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Die kargen Landschaften von Ceylans Film sind das genaue Gegenteil derer des türkischen Berlinale-Gewinners des Jahres 2010, Bal – Honig.

Auch wenn Once Upon a Time in Anatolia ein Krimi ist, steht das Verbrechen beinahe nie im Vordergrund. Es sind die zahlreichen Gespräche am Wegesrand über das Leben, den Tod, die Liebe, die seinen Film so reichhaltig machen. Und über allem schwebt der kalte Hauch des Todes: Ob sich nun der Dorfbürgermeister eine neue Leichenhalle wünscht, damit Verwandte aus dem Ausland der Region besser beim Aussterben zusehen könnnen oder ob der Staatsanwalt das Übersinnliche des Todes gegenüber dem rationalen Doktor verteidigt.

Nuri Bilge Ceylan ist einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Vertreter des jungen türkischen Kinos. Nach dem Gewinn des Großen Preises der Jury für seinen Film Uzak – Weit stieg er in die Riege der erfolgreichsten Regisseure des internationalen Autorenfilms auf. Seine Bildsprache wurde oft mit der Tarkowkis verglichen und auch in Once Upon a Time in Anatolia ist diese Parallele nicht von der Hand zu weisen. Doch wirken seine Figuren nicht mehr so verschlossen wie in früheren Filmen. Die einfachen Provinzpolizisten plappern munter vor sich hin und verstricken sich in Tarantinoesken Wortgefechten, die man durch ein Smartphone in Windeseile lösen könnte. Technik spielt auf den anatolischen Äckern sowieso keine Rolle, man ist froh, wenn die Elektrizität funktioniert. Der Laptop, der in einer Szene majestätisch auf einem Schemel drapiert wird, wirkt wie ein Artefakt aus einer anderen Welt. Das Protokoll, das auf ihm geschrieben wird, bricht den lockeren Ton der Polizisten und wird deshalb auch durch einen bissigen Kommentar aufgelockert. Unsere mediatisierte, durchgestylte Welt passt nicht in diesen Film, der jede Sekunde das Geheimnis des Nicht-Wissens preist.

Dass diese Geheimnisse gewahrt werden, liegt nicht nur an den Dialogen am Rand des Tatorts, sondern an den Bildern selbst. Gökhan Tiryaki, der auch bei früheren Filmen Ceylans die Kamera geführt hat, zeigt die ganze Pracht des digitalen Films, spielt mit Schärfeverhältnissen. Tag- und Nachtaufnahmen wirken wie Aufnahmen zwei unterschiedlicher Welten.

Was letztendlich dann doch etwas betrübt, ist nicht der Film selbst, sondern die Entscheidung, ihn am 19. Januar starten zu lassen. Im Angesicht der Oscar– und Globe-Manie verblasst die Strahlkraft des großen Preises von Cannes; Once Upon a Time in Anatolia muss sich gegen Kriegerin, J. Edgar und Faust durchsetzen. Man kann dem deutschen Kinostart also nur viel Glück wünschen, denn im Gegensatz zu seinen Konkurrenten ist Once Upon a Time in Anatolia ein Kinomärchen von seltener bildhafter Präsenz.

Once Upon a Time in Anatolia – Pressespiegel bei film-zeit.de


Once Upon a Time in Anatolia / Bir zamanlar Anadolu’da
R: Nuri Bilge Ceylan
B: Nuri Bilge Ceylan
K: Gökhan Tiryaki
D: Muhammat Uzuner, Yilmaz Erdogan, Taner Birsel
Kinostart: 19.01.2012
Verleih: Kinostar
FSK: o.A.