Seite auswählen

only god forgives 1Ein beliebter Aufhänger für psychoanalytische Filminterpretationen ist der Phallus. Der Phallus muss dabei kein richtiger Schwanz sein, sondern kann auch Schwanz-ähnliche Form besitzen oder einfach ein Objekt der Macht sein – eine Zigarre, eine Krawatte, eine Pistole, ein Säbel oder eine Bazooka. Häufig finden sich in solchen Texte Wörter wie „male gaze“, „Fetisch“ oder „Lacan“ (Der Psychoanalytiker Jacques Lacan wird von manchen als Hausheiliger, von anderen als schwafelnder Scharlatan angesehen), es geht im weitesten Sinne um das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen, Lust und ödipale Komplexe. Akademische Karrieren lassen sich ebenfalls darauf aufbauen. Der Slowene Slavoj Žižek hat sich mit einer Kombination aus dieser Herangehensweise und einer Portion öffentlichkeitswirksamer Exzentrik zum Popstar der Intellektuellenszene hochinterpretiert.

Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn hat nun mit ONLY GOD FORGIVES einen Film gedreht, der maßgeschneidert für eine psychoanalytische Zerlegung erscheint, geht es doch um eine sehr spezielle, ödipal aufgeladene Mutter-Sohn-Beziehung und die Fäuste der Hauptfigur Julian (Ryan Gosling) werden mehr als einmal extrem auffällig als phallische Objekte inszeniert.

Refn, dem 2011 mit dem Instant-Kult- (oder Hype-, je nach Geschmack)Film DRIVE der internationale Durchbruch gelang, treibt die erzählerische Reduktion des Vorgängerfilms hier noch einen Schritt weiter. Ryan Gosling spielte in DRIVE einen wortkargen Fluchtwagenfahrer, der sich in seine Nachbarin verliebt und für die Sicherheit ihrer Familie seinen Kopf riskiert und den von anderen zermatscht. Die Faszination von DRIVE lag für mich genau in dieser Reduktion: Die mythisch überhöhte, optisch und akustisch brillante Erzählung über einen Mann, der keine komplex ausgearbeitet Figur in literarischer Tradition ist, sondern mehr oder weniger als Projektionsfläche dient. DRIVE vereinte vieles – Action, Liebe, Stil, Horror, Märchen.

Manche bezeichnen einen Inszenierungsstil wie den von Refn als „pures Kino“, etwa der Regisseur Alejandro Jodorowsky, der gemeinsam mit Refn auf dem Münchner Filmfest zu Gast war und ihm genau dieses Kompliment machte. „Pures Kino“ bedeutet dann etwa, dass eher auf die unmittelbare, sinnlich-emotionale Wirkung von Bildern und Tönen gesetzt wird statt auf begrifflich-rational verarbeitbare Dinge wie Handlungsabläufe oder Charakterentwicklungen. Eher auf Irritation, Aufwühlen und das Rätselhafte als auf Nachvollziehbarkeit und Plausibilität. Im puren Kino kommt das Bild noch vor dem Wort.

Eine Handlung und Charakterentwicklung gibt es zwar sowohl in DRIVE als auch in ONLY GOD FORGIVES, aber tatsächlich sind diese Aspekte eher marginal. Julian betreibt in Bangkok zusammen mit seinem Bruder Billy einen Muay-Thai-Fightclub, der als Fassade für den Drogenhandel dient, der von der gemeinsamen Mutter Crystal (Kristin Scott Thomas) koordiniert wird. Der – milde formuliert – unausgeglichene Billy rastet aus, vergewaltigt und ermordet eine Minderjährige, was von Crystal mit „I’m sure he had his reasons.“ quittiert wird. Spätestens hier wird deutlich, dass Refn in seinen Film auch ironische Ebenen eingezogen hat. Der unkonventionelle, nach der Devise „Eye-for-an-Eye“ agierende Polizist Chang überlässt Billy dem Vater des getöteten Mädchens, was eine Kettenreaktion von Gewalt und Gegengewalt auslöst.

ONLY GOD FORGIVES ist noch mythischer als DRIVE, zielt noch stärker ab auf das Entfalten von Atmosphären. Surreale, vorahnungsgeladene Träume mischen sich in die Realität, Refn entlastet sich von seinen ästhetisch aufgekochten Thriller-Einflüssen und geht hier eher einen avantgardistischen Schritt in Richtung David Lynch – oder eben Alejandro Jodorowsky.

Zwar hat Gosling den Credit für die Hauptrolle, der eigentliche Doppelkern des Films besteht aber aus der furios-ekelhaften Figur von Kristin Scott Thomas und Vithaya Pansringarm als todbringendem Rachefürst Chang. Julian wird eingekreiselt von einer physisch gewalttätigen Vaterfigur mit Erziehungsfunktion und der psychisch gewalttätigen Mutter. Von ihr wird er so verächtlich behandelt wie eine großgezogene Nachgeburt, er ist zunächst kaum mehr ihr Appendix als eine vollwertige Person. Die Dynamik des Films ist inkohärent, was aber kaum als Schwachpunkt ausgelegt werden kann. Absurde Auftritte von Crystal wechseln sich ab mit Gesangseinlagen von Chang und deftigen Brutalitäten. ONLY GOD FORGIVES ist ein over-the-top-Film, dem es auch gar nicht auf einen klassischen Zusammenhalt seines Geschehens ankommt.

Wird das Refn-Kino nach DRIVE also noch purer? Schwer zu sagen. Purität oder Reinheit hat oft auch etwas Dogmatisches und Artifizielles. ONLY GOD FORGIVES hat einen Hang zum Konzeptionellen, hinter der scheinbaren Zügellosigkeit blitzt dann doch wieder eine Art kalkulierte Durchdachtheit auf, die im Vorgängerfilm noch von den Genre-Elementen überdeckt wurde. Man sieht hier viel kaputtes Fleisch, doch der Film ist eher knochig, ein thematisches Skelett, furchteinflößend, irgendwie faszinierend und unnahbar. Das größte Kompliment, dass man Refn machen kann, ist wahrscheinlich: Die Wirkung des Films lässt sich kaum erklären, man muss sie erleben.

ONLY GOD FORGIVES

ONLY GOD FORGIVES

Fotos © Tiberius Film