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1500 Dollar für ein Interview, die drei Tricks des Marco Müller, und eine chinesische Höllenfahrt;

Ein der Öffentlichkeit kaum bekanntes Faktum ist, dass man als Berichterstatter, auch für seriöse Medien, keineswegs ein Interview „einfach so“ bekommt, jedenfalls nicht auf Festivals wie diesen. Natürlich ist es selten schwierig, das Filmteam zu Filmen der Nebenreihen zu treffen, oder Regisseure aus Asien und Lateinamerika. Alles andere aber wird von internationalen PR-Agenturen verwaltet, und oft genug verhindert. Als zusätzlicher Störfaktor wirken hier oft noch die jeweiligen Agenturen der deutschen Verleiher. Als Kritiker muss man von ihnen „nominiert“ werden, das heißt, die eigene Bewerbung um ein Interview muss vom deutschen Verleih abgesegnet werden. Gibt es keinen deutschen Verleih, ist es schwer, überhaupt ein Interview zu bekommen.
Vor allem aber werden für bekanntere Regisseure und Darsteller von diesen Agenturen zum Teil horrende Geldsummen verlangt. Das gilt zumindest für die Filme der amerikanischen Major-Studios. So wird die Öffentlichkeit durch Ökonomie kolonialisiert. Ohne ihr Wissen natürlich. Bezahlt werden müssen diese Summen idealerweise von den Medien selbst. Weil das glücklicherweise jedenfalls in Deutschland meistens nicht geschieht, zahlen die Verleiher. So kostete Madonna in Venedig 1500 Dollar pro Interview. 600 Dollar waren für Steve McQueen zu bezahlen, 250 für Andrea Arnold. So ist das Ganze natürlich auch eine Börse, die – noch präziser, als später die Preisverleihung – den aktuellen Marktwert der Regisseure wiederspiegelt.
Für einen Verleih kommen dann schnell höhere fünfstellige Beträge zusammen. Auf meine Frage: „Lohnt sich das denn?“ antwortete die Vertreterin eines gar nicht so schlecht gestellten deutschen Verleihs: „Wenn wir das immer fragen würden, dann könnten wir gleich aufhören.“
Bleibt noch die Frage: Wer kassiert das Geld eigentlich? Die Agenturen? Die Studios? Oder die Stars selber?

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Für einigen Verdruss unter den deutschen Journalisten sorgte in diesem Jahr der grundsätzlich hochsympathische Münchner Verleih Prokino, im Prinzip unbedingt einer der erfolgreichsten Partisanen fürs Autorenkino. Dieser Verdruss hing zum einen mit einer Sache zusammen, die eigentlich unter Marginalien fällt. Prokino veranstaltete ein Abendessen für Journalisten, zu dem doch recht viele, die hier vor Ort sind, auch für vermeintlich „wichtige“ Medien, keine Einladung erhielten. Nun ist dies das gute Recht von Verleihern oder Weltvertrieben, einzuladen, wen sie wollen, oder eben nicht. Da aber das Verhältnis zwischen Verleihern und Filmkritik immer ein Geben und Nehmen ist, und ein Verleih wie Prokino früher oder später wieder mehr als dankbar sein wird, wenn ein wichtiger Filmstart mit Interviews flankiert wird, kann man auch diejenigen Kollegen verstehen, die sich etwas mehr Großzügigkeit wünschen. Nur fürs Protokoll: Auch ich war nicht eingeladen – hätte aber aufgrund des dichten Filmprogramms und Marco Müllers autoritärer Programmierung auch so wenig kommen können, wie zum Empfang der Filmstiftung NRW, zu dem ich vorab zugesagt hatte, und von den zahlreich erschienenen Kollegen nur Gutes hörte: Zum Beispiel über das Kleid von Jessica Schwarz und über Hannelore Elsners unerschöpflichen Redefluss.
Um noch einmal auf Prokino zurückzukommen: Da ging es natürlich nicht nur um erwähntes Abendessen, sondern noch viel mehr um die Problematik der oben beschriebenen Nominierungspolitik. So hörte man von den Kollegen der ARD, dass man im Venedig-Bericht der Sendung ttt Sonntag sehr gern über Steve McQueens Film Shame berichtet hätte. Prokino aber wollte ttt außer zwei ungeeigneten Szenen auch auf mehrfache Nachfrage dann keine verwertbaren Ausschnitte geben. Angeblich mit der Begründung, es passe nicht in die Strategie des Verleihs, man wolle alle Presse lieber für den Kinostart aufheben, und sei erst dann an einem ttt-Beitrag interessiert. Das ist selbstverständlich ein völlig untragbares Verhalten, mit dem der Verleih mittelfristig auch die eigene Festivalanwesenheit kaputt macht. „Wir sind doch kein Umschlagplatz für den Vertriebsstart“ hörte man von den ARD-Kollegen, die überaus sauer waren. Für zusätzlichen Ärger sorgte, dass die Pressefrau von Prokino den ganzen Dienstag telefonisch nicht zu sprechen war, sogar mindestens einmal bei einem ARD-Anruf einfach auflegte. So wird es nun keinen Shame-Beitrag in ttt geben. Ob Prokino wirklich so einfach auf 2 Milionen TV-Zuschauer verzichten kann?
Natürlich müsste ttt jetzt auch konsequent genug sein, und wirklich auch zum Filmstart keinen Beitrag bringen – so lange sie das nämlich nicht tun, wird sich an solchem Verhalten der Verleiher nichts andern – auch wenn sie bei nächster Gelegenheit gern über das Desinteresse der Presse klagen.

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Der erste Gedanke: Das kann ja heiter werden. Da geht ein Mann eine Straße entlang, von rechts nach links. Ein paar Autos kommen ihm entgegen, als sie weg sind, geht er noch immer, und man sagt zu sich selbst: Wenn er jetzt auch noch nach links aus dem Bild geht, ohne das geschnitten wird, ist das Schlimmste zu befürchten. Tut er aber nicht. Sondern Cai Shangjun schneidet immer genau dann, wenn es richtig ist. Und so gelingt dem 1967 geborenen Chinesen in seinem zweiten Spielfilm einer der besten Filme des Wettbewerbs.
People Mountain People Sea war der Überraschungsfilm, über dessen widrige Vorführumstände ich am Mittwochfrüh schon geschrieben hatte. Aber nicht über den Film selbst, und das war gut so, denn zwei Tage des Nachdenkens haben gezeigt, dass dies dein Film ist, „der bleibt“, der in einem weiterarbeitet, und den man nicht vergisst. Eher im Gegenteil.
People Mountain People Sea hat alles, was man sich im Kino wünschen kann: Ungewöhnliche, oft ungesehene, wohlkomponierte Bilder. Spannung. Menschliche Abgründe.

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Nach der Auftaktszene folgt diese Sequenz: Der Mann geht durch ein Dorf. Er trifft einen anderen Mann, man redet ein bisschen, raucht eine Zigarette, dann fährt der Ankömmling mit dem anderen auf dessen Motorrad mit. Es geht eine Weile durch bergige Straßen. An einem Steinbruch mit fast gleißend weißen Kalk-Steinen machen sie Halt. Der Mitfahrer stellt sich zur Pinkelpause in eine Ecke. Als er die Hose öffnet, fällt dein langes Messer heraus, und nun ahnt man schon, was kommen muss: Nachdem er sich wieder auf den Rücksitz des Motorrads gesetzt hat, und der Fahrer gerade wieder losfahren will, trifft ihn ein wohlgesetzter Stich in der Nierengegend. Er wehrt sich kurz, beide fallen zu Boden, verliert er das Bewusstsein. Der Täter schleift sein Opfer in eine Ecke des Steinbruchs, lässt ihn da liegen, fährt allein mit dem Motorrad los. Sein Messer bleibt zurück, und während man sich als Zuschauer noch unwillkürlich in die Rolle des Täters versetzt, und überlegt: Will er nicht das Messer mitnehmen? Ist der sicher, dass das Opfer tot ist? Warum beraubt er ihn nicht? – geschieht genau das und man sieht eine Szene, die von Bresson stammen könnte: Die Kamera bleibt ohne Schwenk ein paar Sekunden auf dem leeren Tatort stehen. Dann hört man von Links neben dem Bild Geräusche. Stöhnen, ein Scharren. Offenbar lebt das Opfer noch! Dann hört man von rechts das Geräusch eines heranfahrenden Motorrads. Offenbar kommt der Täter zurück!! Er parkt das Motorrad. Hebt das Messer auf, und geht in Richtung des Opfers. Jetzt schwenkt die Kamera mit ihm mit nach links. Der Täter sticht noch zweimal zu, wieder in die Nierengegend, und wird zum Mörder.
Jetzt erst setzen die Anfangscredits ein, und man sieht die schroffe weiße Steinlandschaft, und eine rote Plastiktüte, die markant an den Felsen herunterfällt. Tolle Bilder und ein toller Anfang.

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Sehr grob zusammengefasst erzählt People Mountain People Sea von dem Bruder des Opfers, der um der Familienehre willen auf eigene Faust den Mörder sucht. Dieser Trip wird zu einer Höllenfahrt. Es geht vom Land in die Metropole Chongqing am Yang-tse Fluß und später weiter in die Bergwerksregion des Nordwestens. Der Held heißt Tai, ist in der Stadt gescheitert und verschuldet. Auf der Reise besucht er einen alten Freund. Der ist heroinsüchtig und betrügt ihn irgendwann um das wenige Geld, das er noch besitzt. Dann trifft er seine Ex-Frau. Die ist neu verheiratet, der gemeinsame Sohn muss ins Heim. Dann arbeitet er in einer Kohle-Mine, weil er dort den flüchtigen Täter gefunden hat. „Your life is your only capital.“ wurde Tai ziemlich zu Beginn gesagt. Am Ende setzt er es in einer Weise ein, mit der man noch Sekunden vorher nicht rechnen konnte.

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Inszeniert ist das alles mit kühler Lakonie, eine gute, coole Erzählweise. Jederzeit ist absolut alles möglich. Unter anderen Umständen hätte der Regisseur vielleicht sagen können „my name is Cai Shangjun, and I make Western.“ (wie einst ein anderer „my name is John Ford, and I make Western.“). Die Kamera beobachtet genau mit leichter Bewegung, zeigt unglaublich viel. Eine der vielen glanzvollen Szenen ist eine eine gute Minute lange ungeschnittene Bergabfahrt mit dem offenem Fahrstuhl der Bergleute. People Mountain People Sea, eine maoistische Formulierung, die auf die Kraft des vereinten Volkes rekurrierte, das so unbesiegbar und stark ist wie ein Berg oder ein Meer, ist ein ebenso großartiges, wie abgründiges, zugleich nie polemisches Portrait des zeitgenössischen China: Eine Welt, die in ihrer Primitivität ans europäische 19. Jahrhundert erinnert, so düster ist, wie aus einem Dickens-Roman. Darüber, wie es dort zugeht, muss man sich keinen Illusionen hingeben.
Das wird vor allem gezeigt. Sätze wie „only money can buy information. Today’s reality.“ ergänzen das nur.

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Venedig hat viele Probleme, und über ein paar davon haben wir an dieser Stelle schon geschrieben. Eines der größten Probleme heißt natürlich Toronto. Das kanadische Festival ist viel besser organisiert, für die Teilnehmer billiger, hat viel Geld, und vor allem den Markt, für den in Venedig keine Infrastruktur existiert. Die Folge für Venedig: Nach dem ersten Wochenende beginnt die Festivalkarawane, vor allem die Händler, nach Kanada weiterzuziehen.
Es sind drei Tricks, die Marco Müller auf Lager hat, um sein daher zur Halbzeit notorisch erschöpftes Festival noch einmal aufzuputschen. Die ersten beiden haben wir hier vor zwei Tagen schon beschrieben: Der erste ist der Pasinetti-Trick: Man nehme einen Wettbewerbsfilm mit halbwegs bekannten Namen, und zeige ihn nur im kleinsten Saal des Festivals. Alle, die ihn dadurch nicht sehen können, glauben, sie hätten ausgerechnet den wichtigsten Film des Festivals verpasst, reagieren hysterisch und fertig ist der Hype.
Der zweite Trick ist der Sorpresa-Trick: Ein Überraschungsfilm, der als solcher frühzeitig angekündigt, in allen übrigen Details aber streng geheim gehalten wird. Alle spekulieren, um was es sich wohl handeln könne, Dutzende von Namen wabern tagelang durchs Festival, und viele bleiben schon deshalb noch länger vor Ort. Denn wer weiß…
Fertig ist der zweite Hype, und das Festival hat einen Tag länger seine Schlagzeilen.
Der dritte Trick ist der Mittwochs-Trick: Man programmiere einen Altmeister mit bekanntem Namen auf den Festivalmittwochabend. Normalerweise wären viele schon abgereist, aber den einen Film wollen sie noch sehen. Bei diesem Namen weiß man schließlich nie… Auch wenn er seine beste Zeit eigentlich schon hinter sich hat… Aber er hat auch seine Fans… Über den Film schreiben kann man dann erst am Donnerstag, das heißt: Es steht erst Freitag in der Zeitung – die Festivalwoche ist gesichert. So geschehen in den letzten Jahren zum Beispiel mit David Lynch oder Peter Greenaway. In diesem Jahr kam der Mittwochsfilm von Aleksandr Sokorow. Dazu dann mehr im nächsten Blog.

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