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Die dritte Staffel von CALIFORNICATION läuft jetzt auch in Deutschland an. Und sie würde ohne ihn kaum so gut funktionieren, denn Tom Kapinos‘ Serie über einen selbstzerstörerischen Schriftsteller, der das häusliche Glück sucht und gleichzeitig davor flieht, ist eine mal selbstverliebte, mal selbstgeißelnde Charade, die im Grunde nicht mehr als eine Hochglanz-Hollywoodvariation von Charles Bukowski abliefert. Doch David Duchovny wirkt, als hätte er nie etwas anderes gemacht, als wäre er nie jemand anders gewesen als Hank Moody. Es ist noch nicht einmal mehr eine Rolle, es ist eine Selbstverständlichkeit. Er spielt scheinbar mit ausgestrecktem Mittelfinger, als würde er sagen, dass er von der Show nicht viel hält, und deshalb gar nicht erst zu spielen anfängt, aber trotzdem obszöne Summen dafür bekommt. Bei Duchovny ist es die Attitüde und nicht das Spiel, die müden Augen und nicht die Gestik, das Murmeln und nicht das Monologisieren.

Im Gegensatz zu vielen Kollegen entschied sich Duchovny erst sehr spät für die Schauspielerei. Ausgerechnet ein Löwenbräu-Commercial überzeugte den 27-jährigen angehenden Akademiker es mal mit der Schauspielerei zu versuchen. Davor verlief Duchovnys Leben geradlinig und recht erfolgreich. Er war schlau und sportlich, bekam ein Stipendium für Princeton. Der Englischstudent schrieb seine Abschlussarbeit über Becketts frühe Romane und bekam einen Studienplatz in Yale (inklusive Forschungsstipendium). Er arbeitete an seiner Doktorarbeit über „Magie und Technologie in Lyrik und Prosa der Gegenwart“, karrieretechnisch hätte es gar nicht besser laufen können. Doch das reichte offensichtlich nicht aus.
Er entdeckte das Theater, begann zu spielen, und dann kam Löwenbräu. Er ließ los. Ein bisschen Mut, ein bisschen Größenwahn und der Glaube an ein anderes Leben taten ihr Übriges. Er wurde Schauspieler.
Es kam eine Zeit, die er die frustrierendste in seinem Leben nennt. Allein in Los Angeles, Castings, Bewerbungsfotos, Nebenjobs, Arbeitslosenunterstützung – Californication auf die harte Tour. Er schlägt sich durch, bis er 1993 den Durchbruch als FBI-Agent erlebt.

In Interviews sagt er, dass er sich seiner akademischen Laufbahn niemals wirklich sicher war. Dennoch kam der Absprung sehr spät. Gerade dieser Zeitraum zwischen Zweifel und Gewissheit ist interessant. Das Leben in geordneten Bahnen, die Zukunft liegt klar vor einem, doch man nimmt sie irgendwie nicht an. Man versteht die Routine, aber man akzeptiert sie nicht. Man ist scheinbar erwachsen, doch da ist das Gefühl, es auf die falsche Art geworden zu sein. Man will raus, aber so schlecht geht es einem ja doch nicht. Klassische Passivität. Ebenjene Passivität ist so entscheidend für die zukünftigen Rollen von David Duchovny. Auf die eine oder andere Art verkörpert er stets denselben Typ. Den Typ, der im Grunde zu smart ist, um dort zu verharren, wohin es ihn verschlagen hat, dem es aber gleichzeitig nicht beschissen genug geht, um etwas zu ändern – bis endlich etwas richtig Schlimmes passiert.
So wie der Arzt Eugene Sands (in PLAYING GOD), der aufgrund eines schlimmen Fehlers nicht mehr praktizieren kann, und so an einen Gangster und dessen scharfe Freundin gerät. So wie Ira Kane (in EVOLUTION), der aufgrund eines schlimmen Fehlers an der örtlichen Uni versauern muss. Wie Hank Moody, der in LA seine Familie vernachlässigt, sie verliert, und sich zu einem langen Abstieg aufmacht. Wie Mulder, der, seit seine Schwester von Aliens entführt wurde, sich krampfhaft auf alle übernatürlichen Fälle stürzt, so dass er sich sozial wie beruflich entfremdet.
Nicht umsonst sagt Tochter Becka in CALIFORNICATION: „You have to love him for who he is, not his potential“.
Eine Menge Potential schlummert in ihm, und es kommt nie zur Entfaltung. Es liegt brach und wird von einer Schicht Selbstmitleid überlagert, die nicht groß genug ist, um richtig weinerlich zu sein, aber auch nicht so gering, dass es seine Handlungsunfähigkeit aufheben könnte. Das weiß er natürlich alles, und so verharrt er in einem kindlichen Trotz, halb Loser, halb schlechter Gewinner. Er kommt klar. Das ist das größte Problem. Er leidet, aber lange nicht genug, um nicht klar zu kommen. Unterbewusst sehnt er sich nach Rock Bottom, nach einem tiefen Fall, nach einer wahren Herausforderung, nach etwas, das ihm nicht wirklich egal ist. Doch das führt zum nächsten Problem. Es ist ihm eine Menge egal. Vor allem, was sich selbst angeht. Denn obwohl er irgendwo ein Narziss ist, ist er zerfressen von Selbsthass. Beide Gefühle zu nähren ist harte Arbeit. Er verbringt die meiste Zeit damit.
Er entscheidet nicht. Er lässt entscheiden. Ihm passieren Dinge. Vor allem weil er nichts dagegen unternimmt. Dabei reicht manchmal eine Entscheidung, um den Teufelskreis zu durchbrechen. Duchovny hat sich entschieden, spät, doch besser spät als nie. Doch sein fiktives Alter Ego hat sich noch immer nicht entschieden. In einem Spielfilm wäre er früher oder später dazu gezwungen worden. Doch in einer Serie braucht man sich nicht zu entscheiden. Und so ist Hank Moody noch immer ein Spielball seiner eigenen Passivität, der in einer Hölle aus bedeutungslosem Sex und vergeudeter Wut schwimmt. Dabei hat er zwar ein Lächeln auf den Lippen, klar, er nimmt sich nicht zu ernst, doch dafür nimmt er auch sonst nichts ernst. Nichts erscheint ihm ernst genug, um es wirklich ändern zu wollen. Alles ist absurd. Und da ist man wieder bei Beckett.

Doch nicht nur die Figuren, die Duchovny verkörpert, verweisen auf die immense Authentizität seines Spiels, sondern auch das Spiel selbst. Ich hatte immer das Gefühl, dass Duchovny, anstatt zu spielen, einfach nur Regieanweisungen befolgt. Eine erneute Sichtung von PLAYING GOD hat diese These untermauert. Sein Schlafwandeln durch die Rolle, das man natürlich auch als subtil und zurückgenommen umschreiben kann, scheint direkt auf die Technik zu verweisen, die Duchovny verfolgt: Textlernen und sich von A nach B bewegen. Gerade im Vergleich mit Oscarpreisträger Timothy Hutton, der Duchovnys Gegenspieler verkörpert, merkt man, dass hier Spiel auf Nicht-Spiel trifft, das Theatralische auf das Nüchterne, Pathos auf Lakonie. Zwei unvereinbare Temperamente, die sich erst im direkten Vergleich voreinander entblößen.
Duchovny versucht erst gar nicht zu spielen. Er ist. Das führt natürlich zwangsläufig zu einem einzigen Rollentypus, gleichzeitig aber auch zu einem einzigen Film, einem legitimen Film-Leben. Duchovny offenbart uns nichts anderes als seine Seele. Es sind nicht seine Worte, die er vorträgt, aber es sind seine Gefühle, mit denen er diesen Worten Ausdruck verleiht. Und inwiefern das Ganze letztendlich Schauspiel ist oder nicht, ist auch gar nicht mehr wichtig.

Die ganze Absurdität des Daseins, die süße Melancholie eines schlechten Tages, die verletzliche Abgebrühtheit des Generation X-Gammlers und das Spannungsverhältnis zwischen Aktion und Handlungsunfähigkeit – all das verkörpert Duchovny spielerisch – ohne zu spielen. Gerade in unserer beliebigen, ultrapostmodernen Relativitätsachse, die wir unser Leben nennen, ist er derjenige, der sagt, dass es egal ist, was du tust, wie du es tust, und wann. Das Leben kommt und holt dich, so oder so. Es kommt nur drauf an, ob es dich auch interessiert.

Bild-Copyright: Paramount