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Ab heute wird NEGATIV für einen Monat mit wenigen Ausnahmen eingestellt. Die inhaltliche und strukturelle Ausrichtung der Seite wird nach diesem Bruch radikal umgestellt. Manche werden das neue NEGATIV begrüßen, andere es unbrauchbar finden.

Einige offene Fragen

Als NEGATIV vor zwei Jahren und vier Monaten online ging, war die Seite ein offener Spielraum. Ein Ergebnis eines DVD-Abends (wir schauten am 31. Januar Slumming von Glawogger und Love Exposure von Sion Sono), genährt, nicht in wenigem Maß, von Narzissmus, von der Lust, seine Gedanken „da draußen“ vorzustellen. Wir waren zu dritt.

Auf einer Faschingsparty, einige Wochen später, wurden wir sieben. Mehr Schreibende hieß mehr Clicks und mehr Diversität – das war alles, was wir damals wussten. Die Umstände führten dazu, dass wir relativ schnell eine Straße entlang spazierten, die wir damals überhaupt nicht kannten, aber manche von uns in wenig Zeit sehr gut kennenlernen sollten: Die der Aktualität, der Veröffentlichungstermine, der Kinostarts, vor allem aber der Verleihe, PR-Agenturen und Deadlines. Die der Medien und ihrer Landschaft.

Ungefähr zwei Monate nach der Gründung saßen sechs von uns mit Marcus Stiglegger in einem Café, und vor der Frage, ob diese Landschaft ein neues Magazin braucht. Allein in unserem Bekanntenkreis gab es ja Screenshot und :IKONEN:, also ähnliche Plattformen. Die Antwort kannten wir damals nicht. Die schnell wachsenden Besucherzahlen sprachen dafür. Der unternehmerische Geist und die 60 bis 70 Kritiken, die wir inzwischen online hatten, waren schon längst gemeinsam zu „unserem Baby“ zusammengewachsen, das man natürlich großziehen wollte. Inzwischen hatten wir auch unsere ersten zwei Festivals besucht und waren endgültig auf den Geschmack der Filmkritik gekommen.

Der Kick kam in den letzten drei Monaten des Jahres, als wir vermehrt bei den inzwischen zu Kollegen gewordenen Kritikern, die manche von uns seit längerer Zeit lasen, auf gute Resonanz stießen. Wir fingen an, uns mit anderen zu vergleichen und davon überzeugt zu werden, dass mehr besser ist. Seit März 2011 fing NEGATIV an, neben Kritiken auch News zu veröffentlichen und sich somit in einer neuen Kategorie von Filmseiten zu positionieren, mit dezidiert neuen Ambitionen: Davon finanziell zu profitieren.

Damit tappten wir in eine Falle hinein, die wir zwar wahrgenommen haben, doch, geblendet von dem stetigen Wachstum der Seite, der weiterhin guten Resonanz und den gelegentlichen Werbeaufträgen, ignoriert haben. Wir wurden, abgesehen von den Filmkritiken, die weiterhin zur Königsdisziplin gehörten, – und das gehört so unangenehm ausgedrückt, wie nur möglich – zu einem Multiplikator, gar zu einem Instrument der Filmwirtschaft, der dazugehörigen PR- und Pressebüros. Stets bemüht, diejenigen Filme, die eher als Massenprodukte zu sehen sind, – die von Leuten gemacht und verkauft werden, die sich nicht für den Film interessieren, sondern für Gewinnmargen – vorzustellen, dazu Kritiken zu schreiben und Trailer oder Interviews zu veröffentlichen. Vieles male ich in dieser Hinsicht hier sehr schwarz, denn NEGATIV darf immer noch behaupten, mit die ausführlichste Festivalberichterstattung in Deutschland zu betreiben, oder Filme zu besprechen, die sonst selten vorgestellt werden. Aber diese Darstellung ist wichtig, denn die Seite liegt zurzeit weit entfernt von den Überzeugungen und Idealen, die Elisabeth und ich in den zwei Jahren Erfahrung gewinnen konnten, weil sie formell und inhaltlich mitunter auch das Resultat einer Reihe von Kompromissen abbildet.

Die Spur des Geldes

Einer der wichtigsten Aspekte einer Seite der Größe von NEGATIV ist der finanzielle. Eine große Anzahl von Autoren, zwei Lektorate und eine Newsredaktion zu betreuen, verlangt Zeit. Und wenn Vergütung fehlt, dann sind Enthusiasmus, Leidenschaft und Durchhaltevermögen in einem Maß gefragt, das kaum aufzubringen ist.

Darüber hinaus gilt zumindest für ambitionierten Kulturjournalismus die Maxime, dass Texte unprofitabel sind. Weil sie eben schlecht weiterverkauft werden können (ausgenommen Dienste, die sich darauf spezialisiert haben) und implizit weniger Geld online produzieren, im Vergleich zu Dienstleistungen. Kinoprogramm, Listen, Multimediales, Tipps, Communities – Formate eben, die kaum mit Schreiben oder Schreiben können zu tun haben, sind online gewinnbringend. Die Unwirtschaftlichkeit der textbasierten Seiten müssen kompensiert werden durch die Werbebanner, die Layers, die Advertorials und die Social-Media-Kampagnen, alle natürlich abhängig von den Clickzahlen. Ein Gebiet, mit welchem wir uns in den letzten Monaten (die weiter oben beschriebenen Ziele verfolgend) äußerst intensiv auseinandergesetzt haben.

Die Medienlandschaft lässt sich aber mit dieser Feststellung bei weitem nicht verstehen, denn die Besucherzahlen, sollten sie theoretisch hoch genug sein, um eine Seite finanziell zu tragen, sind noch lange kein Argument dafür, dass diese Seite auch in der Praxis Werbeeinnahmen bekommt. Dagegen sprechen einige Faktoren, die wir hier nur anreißen.

Einerseits stellt sich der Kannibalismus in der Branche in die Quere. Warum soll ein Verleiher für einen Film werben, wenn die Anzahl der Filmseiten da draußen so hoch ist, dass die Konkurrenz miteinander diese zwingt, diesen Film gratis so oft wie nur möglich vorzustellen?

Andererseits sprechen dagegen die vielen Erscheinungen einer Dienstleistungsgesellschaft. Zwischenhändler gibt es seit langem auch in der Werbeindustrie. Die Filmverleihfirmen werden sich die Frage stellen, warum sie das Werbebudget an 50 Filmseiten verteilen sollten, wenn zum Beispiel Google das übernimmt.

In diesem Kontext bleiben nur wenige Filmseiten profitabel. Die Größten einerseits, die sich mit den gesammelten Angeboten der Zwischenhändler vergleichen lassen und somit durch ihre Relevanz eine Basis für das Verhandeln haben, und andererseits diejenigen, die von einem Konzern oder einem großen Verlag betrieben werden und als Bestandteil eines großen und breiten Angebots von Onlineauftritten vermarktet wird.

NEGATIV gehört zu keiner dieser Kategorien und mit diesem Text verabschieden wir uns auch von den Versuchen und Ansprüchen, dies zu erreichen. Wir hatten es versucht, funktioniert hat es nicht. Darum möchten wir unsere Energie in der Zukunft ausschließlich den Inhalten der Seite widmen.

Narzissmus, Verantwortung und Positionierung

Es gibt immer eine narzisstische Dimension des Schreibens, so wie es sie immer gibt, da wo es um schöpferische oder öffentliche Aktivitäten geht. Und sie ist berechtigt, sie gehört dazu, denn sie lässt bei der Filmkritik einen Teil des Autors in den Text fließen. Doch dazu gehört ein kategorischer Punkt, denn sobald man einer Teilöffentlichkeit gegenüber tritt, spielt Verantwortung eine sehr wichtige Rolle in der Gestaltung dessen, was man dieser präsentiert.

Die Verantwortung eines Herausgebers in unserem Bereich ist, sich zu fragen, woran es in der deutschen Filmmedienlandschaft bedarf und sich durch das eigene mediale Produkt entsprechend zu positionieren, sich immer wieder neu anzupassen.

In dieser Hinsicht ist gerade ein vor allem online veraltetes Konzept sehr aufschlussreich: Der des investigativen Journalismus. Denn was hierzulande vor allem fehlt, ist die Suche nach einer Story, das Interesse, Zusammenhängen der Filmwirtschaft und Filmkunst nachzugehen. Übersetzt für heutzutage hieße das, sich von den hunderten täglichen Mails der Presse- und PR-Agenturen abzunabeln, diese zu hinterfragen, mit der Aktualität erst Tabula Rasa zu machen und erst von dort aus das Medium Film zu betrachten. Das geschieht natürlich an diversen Stellen in der Presse, doch immer disparat, immer im Kontext einer momentanen Aktualität und immer als Teil der Wirtschaft, weil eben ein Thema gerade für eine Weile wichtig ist
und, online behandelt, Clicks bringt. Besonders traurig ist der Umstand, dass dies kaum in den Fachmedien geschieht, dass das Feuilleton die Rolle des Fachmediums übernimmt, während diese sich zwischen Nischen, Fandom, Abarbeiten der Aktualität und der Jagd nach den Seitenaufrufen den wichtigsten Fragen um Film, um Videospiele und Medienkultur nicht einmal nähern.

Gerade heutzutage sind im Bereich Film einige allgemeine Fragen akut. Aus aktuellem Anlass darf man die Debatten um die Urheberrechte als erstes aufzählen, doch ebenso wichtig sind Fragen zur Filmförderung, zu ihrer Prägung der Entstehungsprozesse, den Themen und Inhalten von Filmen, Fragen zur großen Anzahl der Festivals, die in der letzten Dekade gegründet wurden, und ihrer Rolle und Tauglichkeit als alternative Distributionsplattformen für Filme; dann, davon ausgehend, zu weiteren Formen der Filmdistribution, ob VOD, Streaming, legal und illegal, bis hin zu den Fragen über stilistische, formelle und technische Entwicklungen in der Entstehung von Filmen und zum Wandel der Geografie des Mediums.

Das sollte ein Filmmagazin thematisieren, doch das will keiner bezahlen, weil es alles zu losgelöst ist von der Art, wie die Medien zurzeit ausgerichtet sind, nämlich auf Gedächtnisverlust, auf das Feiern des momentan Wichtigen. Und weil keiner dafür bezahlen will, kann es ein solches Filmmagazin auch nicht geben, denn diese neue Form von investigativem Journalismus, obschon sie nichts anderes impliziert, als sich an den verfügbaren Informationen zu bedienen, anstatt die PR den Journalismus für uns betreiben zu lassen, verlangt mehr Zeit und Aufwand, verlangt Reflexion – etwas, das, mit einigen wenigen Ausnahmen, vor allem in Deutschland, vor allem im Kontext des Rennens um die Online-Aktualität und der Konkurrenz zwischen Print und Online, abhanden gekommen ist.

Ein solches Wunschprojekt kann das zukünftige NEGATIV nicht bewältigen, nicht ohne externe Finanzierung, und die haben wir natürlich nicht bekommen können, weil es eben auf Texten basiert, auf einer nicht rentablen medialen Form, und nicht auf einer Form von Dienstleistung, auf deren Stirn Massentauglichkeit geschrieben steht.

Wie soll NEGATIV zukünftig aussehen?

Der Gedanke mag auf den ersten Blick von einer naiven Aura umgeben sein, doch die Erfahrung spricht dafür: NEGATIV soll zu einer Autoren-Seite werden. Sich somit von dem distanzieren, was im Presseverteiler als wichtig dargestellt wird und den Autoren die Gelegenheit geben, frei und ohne Deadlines, ihre eigenen Interessen in Texte zu verwandeln. Die Diskrepanz zu sprengen, die aktuell besteht zwischen dem, was aus eigenem Interesse konsumiert wird, und dem, was die Medienlandschaft für Pflicht erklärt.

Des Weiteren soll NEGATIV der Überzeugung nachgehen, dass Filmkritik eine, zumindest online, sehr einengende Form ist, um über Filme zu reflektieren. Essays, Meinungsartikel, Kolumnen, Kommentare und hoffentlich (ein persönlicher Wunsch) multimediale Formen sollen das formelle und vor allem thematische Spektrum der Seite abrunden und ihre Relevanz befestigen.

Wir arbeiten auf eine Form zu, die NEGATIV mit den Konzepten eines Magazins, eines Blogs und einer theoretischen Plattform kokettieren lässt und der Seite somit in allen möglichen Richtungen Freiräume schaffen soll, in welchen diskursiv und in intensiver interner Auseinandersetzung die geeignetste Form des Umgangs mit den jeweiligen Themen verwirklicht wird.

NEGATIV als Projekt, und nicht als Redaktion. Als notwendige Plattform, und nicht als eine von vielen. Eine Ergänzung zu der lobenswerten Eigeninitiative und Blogs einiger der von uns meist geschätzten Kritiker Deutschlands. Verpflichtet der Qualität, und nicht der Aktualität oder Quantität.

Gerade in dieser Hinsicht begrüßen wir die Wende von critic.de und den dazu erklärenden Text von Frédéric Jaeger. Denn, selbst wenn wir der Überzeugung sind, dass Filmkritik und Beruf sich nicht widersprechen, zumindest nicht, solange das Konzept Berufung ein Rolle dabei spielt, ist die neue Ausrichtung einer der relevanten Plattformen ihres Kalibers im Kontext der aktuellen Landschaft ein mutiger und notwendiger Schritt.

Die Pause – Ihre Notwendigkeit. Die Ausnahmen.

Wir möchten den Bruch zwischen den aktuellen Aktivitäten bei NEGATIV und der künftigen Ausrichtung radikal markieren. Eine Pause impliziert einen Verzicht auf den Anspruch auf eine breite Leserschaft, ein Abschied von Besucherzahlen und eine dezidierte Distanzierung von dem Drang der Aktualität. Sie sorgt dafür, dass eine Neuausrichtung, besonders heute, wenn Zugriffe auf einer Plattform hauptsächlich über Suchmaschinen erfolgen, auf die notwendige Wahrnehmung trifft.

Einige Ausnahmen wird es in dieser Pause dennoch geben. In erster Linie werden der Bruch mit dem Alten und die Offenheit des neuen Konzepts durch einen Blog konkretisiert. Während der kommenden Fußball-Europameisterschaft wird unser Förderer und Freund Rüdiger Suchsland, gelegentlich unterstützt von anderen Autoren unter seiner Verantwortung, in einer Reihe von Texten über Fußball und das Medienereignis „EM“ einerseits einen klaren Kontrast zu unserer sonstigen Berichterstattung markieren, andererseits auch auf Verbindungen zwischen Sport und Film und damit zwei zentralen „Mythen des Alltags“ (Roland Barthes) und Medien der gegenwärtigen Massenkultur eingehen, und gemeinsame Wahrnehmungsebenen zwischen beidem suchen.
Weiterhin soll Rüdiger Suchlands Cannes-Berichterstattung und Simon Borns Textreihe zu Game of Thrones zum Abschluss gebracht werden.

In diesem Sinne bedanken wir uns bei allen Mitstreitern, Unterstützern und Leser für zwei großartige, lehrreiche Jahre und freuen uns, Euch in einem Monat wieder zu begegnen. Wie immer sind wir sehr gespannt auf Eure Meinungen.

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