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14. Schneemacher Pitztal ©unafilm

Schneemacher Pitztal ©unafilm

PEAK gibt es für mich seit etwa einer Woche, dank diesem Post von Christoph Hochhäusler auf REVOLVER. Ohne diese Zeilen kommt der Film, gefiltert durch den Werbejargon der Kinoauswertung, als eine dieser vielen Dokus an, über ein Stück Welt, irgendwo, außerhalb persönlicher Reichweite, das gerade am verschwinden und natürlich nicht subventioniert ist, wie viele andere Dinge, die höchstens noch kulturellen Wert besitzen. Ja, man könnte sich theoretisch jeden Tag einen solchen sehr wichtigen Film zu einem ebenso wichtigen Sachverhalt anschauen, an der schieren Menge ersticken und allmählich ein generelles Gefühl der Beliebigkeit entwickeln, diesen Themen gegenüber.

Darum kann ich mich an die Orte oder Themen dieser Filme selten mehr binden, als an die überall in den Bahnhöfen präsenten Plakatwände für Hilfsorganisationen. Das lässt sich auch nicht pauschal als Ignoranz übersetzen, hat aber schon mit dem Unmittelbaren der persönlichen Gegenwart zu tun, ja auch mit einer Idee der Selbstbestimmung, die dort verschwindet, wo eine Reklame einem eine Stoßrichtung zeigen möchte. Werbung in diesem Zusammenhang, Markenzeichen der kapitalistischen Gesellschaft, hat generell einen heiklen Status: Einerseits macht sie auf ihr Sujet aufmerksam, und wir können uns ausmalen, wie viel weniger Menschen die erwähnten Hilfsorganisationen ohne sie erreichen würden; andererseits ist sie schon lang genug dabei und zu omnipräsent, so dass ihr Wesen definitorisch wird: Sie ist eben Werbung. Wir nehmen sie in erster Linie als solche wahr, und wir dürfen das, denn sie stellt diese Hilfsorganisationen gleich mit dem neuesten Waschmittel einer berühmten Marke, mit einer Kampagne für politisches Engagement, mit einem Sportereignis, einem Elektronik-Kaufhaus oder mit einem Großbudget-Film. Die Werbekomponente dieser Filme ist diejenige, die sie beliebig werden lässt – sie werben für ein Problem, das die Gesellschaft beseitigen sollte. Sie möchten, wie Werbung sonst auch, unsere Aufmerksamkeit für ihre Themen gewinnen. Doch mit jedem weiteren Film wünschen wir uns lieber Adblocker.

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Sommer in Tignes ©unafilm

Den Unterschied für PEAK und mich machten erst die wenigen aber (im Voraus wie im Nachhinein) sehr schlüssigen Zeilen bei REVOLVER. Ich empfehle sie nochmal. Wirklich, man soll sie lesen, und man kann an ihnen auch feststellen, ob der Film einen anspricht oder doch nicht. Und dann der Trailer, der einem nicht wirklich was sagen kann über den Film, der ungerecht reduktionistisch ist im Rapport zu PEAK, der aber dieses wahnsinnige letzte Bild beinhaltet. Menschen, am Skilaufen, in einer vernebelten Schneelandschaft. Wo dort Nebel ist, Schnee oder Himmel, lässt sich nicht unterscheiden. Silhouetten bewegen sich im abstrakten zweidimensionalen Raum der Leinwand. Im Film dient die Einstellung dazu, einen Sonnenaufgang beobachten zu lassen. Von einem Snowboardfahrer, der sogar hinkniet, während die eine oder andere Gestalt an ihm vorbeifährt oder durch das abstrakte Hellgrau streift. Mit diesem Menschen und mit den Lichtstrahlen, die oben links im Bild immer stärker werden und die Sonne ankündigen, verliert das Bild einen Teil seiner Abstraktheit und fängt an, eine Geschichte zu erzählen. Die des Touristen und seiner Freizeit als Erlebnis. Doch, wie Christoph Hochhäusler schreibt (letzte Warnung!) „„Freizeit” ist in diesem Zusammenhang ein Konzept, das Zeit und Welt verbraucht, aber nichts vom Verweilen weiss, und nichts von Freiheit “ Es ist vielleicht das Stasis-Bild des Films: das abstrakte Erlebnis, wofür eine ganze Region sich verändert, von Mensch bis Tier und Natur.

Den Menschen, ob Bauer, Bauarbeiter, Planer oder Reinigungskraft, platziert Regisseur Hannes Lang vor seinem Haus, vor idyllischen Aussichten, vor Baustellen und vor PowerPoint-Präsentationen auf die gleiche Art. Seitlich, als Vermittler zwischen uns und dem eigentlichen Bild, ein erklärendes und fremdes Element zugleich. Das Hintergrundbild wird dabei variiert, zwischen Natur und Präsentationsfolie, und die Veränderungen dazwischen lassen diese Idee des fremden Elementes sich sehr schnell über das ganze Bild ausbreiten. Überall gibt es dieses Bewusstsein, dass sich die Natur verändert, ob es nun aus Verbundenheit quellt, wie beim Bauer, der oben, in den Bergen, öfter den blauen Himmel zu sehen bekommt als die unten im Tal, oder, wie beim Bauarbeiter, der mal als Stallbursche angefangen hat und, sich nach dem Geld richtend, im Tourismus weitergearbeitet hat. Sie scheinen ähnlich zu sein, diese Typen, denn sie leben beide auf ihre Art von der Natur und deren Veränderungen, signalisieren das Ende von Menschen wie sie, doch ihre Beweggründe sind von Grund auf unterschiedlich. Möchten die einen eine Kultur präservieren, erscheinen die anderen wie Schatzsucher per Beruf. Und vom Traum des Stallburschen vom besseren Geld bis hin zum künstlichen See, das die Schneekanonen mit Wasser füttern soll, wird der Weg in PEAK schön nachgezeichnet.

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Künstlicher See ©unafilm

Die in Millionenhöhe schießende Zahl von Kubikmetern, ob Wasser, Schnee oder Beton, in welcher die Instandhaltungsanstrengungen erfasst wird, findet in den Bildern ihre kleine Poesie des Tuns. Da erzählt ein Bauleiter, wie ein Speichersee konstruiert wird, zeigt hin und her aus dem Bild raus und erklärt Einzelheiten, doch die Kamera bleibt auf ihn fixiert, auf der Abstraktheit seiner Erklärungen im Kontrast zum steinigen Hintergrund, der vielleicht seine eigene Geschichte erzählen möchte. Danach gibt es einen Schnitt, und, ihm folgend, einen Schwenk, der den ganzen Arbeitsablauf in einer Einstellung erfasst. Später sehen wir eine Gruppe Männer, die einen Gletscher mit weißen Planen bedecken, damit er langsamer wegschmilzt. Diese riesige Fläche aus Weiß, an welche diese Menschen ihr Einkommen und somit ihr Leben gebunden haben, und die nun wie ein Kind zugedeckt wird, erweist sich einige Einstellungen später als eine lange, dünne Zunge Schnee in einer Wüste von unwirtlichem grauen Berggestein. So in etwa sind die Ambivalenzen, mit welchen der Film arbeitet, um aus Abfolgen von Natur- und Menschenbildern einen Dialog zusammenzuschneiden.

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Giro d’Italia Zieleinfahrt ©unafilm

Sich richten tun beide, Mensch und Natur, nach dem anderen Menschen, dem Touristen, der in Scharen kommt, Schlange steht, auf dem mit Kunstschnee bedeckten Gletscherrest gleitet, Fotos schießt, die ganze Nacht feiert und für alles bezahlt. Der vielleicht einen Sonnenaufgang beobachtet, einen Ofen aus dem Fenster schmeißt oder ein Stück Schmuck verliert.

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All das ist sehr beeindruckend, die Bilder imponieren visuell, die Schnittfolgen und die Analogien, die sie mitbringen, verleihen PEAK zusätzliche Qualitäten, doch was ihn absonderlich macht, ist seine Universalität. Abseits dieses Gletschers in Piemont, abseits der Alpen. Sie fängt dort an, wo alles noch so abhängig von der Natur ist, von ihren Launen und Veränderungen. Vielleicht, weil diese Orte eine gewisse persönliche Utopie beherbergen, zusammengestellt aus der Sehnsucht von denen, deren Heimat sie waren: Sie wieder zu besuchen, zu sehen, zu berühren und aus der Unmöglichkeit, sie so zu erleben wie sie damals waren. Nicht weil sie nicht mehr da wären, sie haben sich vermutlich nur wenig verändert, doch zurückkehren könnte man dorthin nur als Tourist – fremd und auffällig, immer einige Augen anziehend, immer einige Filter zwischen einem Hier und dem Dort, zwischen damals und heute spürend.

Bruno Calzino Rimella ©unafilm

Bruno Calzino Rimella ©unafilm

Diese Utopie wird einmal in PEAK recht lustig konzentriert. Da meint ein Bauer, dass nun, mit der Krise, vielleicht doch welche aus den Städten zurückkehren würden. Die Finanzkrise, ein solch zentrales Ereignis der jüngeren Geschichte, dass sie sogar diese entlegensten Orte erreicht hat, lässt sich kurz von jemandem betrachten, der diese Orte, aus seiner Perspektive, für ebenso zentral hält. Und in diesem Zusammenhang hat sie natürlich kaum mehr Bedeutung, sie wird in einem utopischen Augenblick umgekehrt betrachtet, als Möglichkeit einer Renaissance solcher kleinen Orte.

Von dieser Utopie der Natur aus, über die Sehnsucht nach ihr, über die Pflege eines sterbenden Gletschers und den Touristen, denen der Kunstschnee ein Naturerlebnis ist, bis hin zu den Städten, bis hin zu diesem Text, da überlappen sich unzählige Schichten der Künstlichkeit. PEAK verweist darauf.